“Langfristig hat E-Commerce nur mit international harmonisierten Produktbeschreibungen eine Chance”

Feature | 20. Dezember 2004 von admin 0

Holger Kett

Holger Kett

Elektronische Produktkataloge sind ja ein Vehikel für den E-Commerce. Warum wird die Standardisierung solcher Kataloge immer wichtiger, wenn der E-Commerce weltweit weiter wächst – optimistischen Schätzungen zufolge erreichte der Umsatz über elektronische Medien dieses Jahr rund 1,7 Billionen Euro?

Kett: Angesichts des für die nächsten Jahre zu erwartenden weltweiten Anstiegs des E-Commerce müssen Online-Anbieter zunehmend auf weltweit verwendbare Formate zum Austausch von Produktdaten zurückgreifen. Für sie wird es einfacher und kostengünstiger sein, auf international harmonisierte Standards zurückzugreifen, als – jeder einzeln – die Vielzahl üblicher Standards so weiterzuentwickeln, dass sie sich für den Datenaustausch mit Geschäftspartnern in mehreren Sprachen eignen.

Gemeinsame Standards vereinfachen den Austausch klassifizierter Produktdaten zwischen verschiedenen Plattformen, gewährleisten die Interoperabilität zwischen den Systemen und bilden damit die Grundlage für erfolgreichen E-Commerce. Um einen reibungslosen Austausch zu gewähren, müssen Standardisierungen in mehreren Bereichen stattfinden: bei der Identifikation von Unternehmen und Produkten, der Produktklassifikation, sowie den Katalogen selbst. Viele der aktuell verwendeten Standards sind eher national oder regional ausgerichtet. Elektronischer Handel, per se international ausgerichtet, kann jedoch nur dann erfolgreich sein, wenn die wesentlichen Elemente, wie Produktbeschreibungen, -klassifikationen und Benutzeroberflächen mehrsprachig und multinational angelegt sind und auf international abgestimmten Standards basieren.

Was bedeutet das für Unternehmen, die Produktkataloge erstellen?

Kett: International harmonisierte Standards verringern den Abstimmungs- und Anpassungsaufwand von Schnittstellen zum Austausch elektronischer Produktdaten, da die Unternehmen auf die Spezifikationen der Standards zurückgreifen können. Dies wird sich langfristig positiv auf die Kosten elektronischer Kataloge auswirken. Eine solche Entwicklung bietet vor allem kleinen und mittelständischen Unternehmen eine Chance, ihre internationalen Geschäftsbeziehungen auszubauen.

Mit Hilfe von Unicode lassen sich Zeichen für alle Sprachen der Welt darstellen. Genügt es für ein Katalogsystem, unicodefähig zu sein, damit sich mehrsprachige Kataloge einrichten lassen? Welche Eigenschaften muss es sonst noch besitzen?

Kett: Nein, es genügt nicht, unicodefähig zu sein. IT-Systeme zur Erstellung und Nutzung elektronischer Produktkataloge müssen einerseits Zeichen verschiedener Sprachen mittels Unicode abbilden können. Zum anderen sollten sie Texte, ich sage mal landesspezifisch darstellen können. Das heißt, sie müssen verschiedene Richtungen der Textanzeige, Trennungen und Umbrüche berücksichtigen. Englische Texte werden von links nach rechts, arabische von rechts nach links und chinesische von oben nach unten geschrieben und gelesen. Ein gutes Produktdatenmanagementsystem zur Erstellung mehrsprachiger elektronischer Produktkataloge sollte folgendes können: Produktdaten und Kataloge in mehreren Sprachen verwalten, Produktklassifikationen in mehreren Sprachversionen verarbeiten, international übliche Katalogformate und Klassifikationen sowie eine einheitliche Terminologie unterstützen. Es wäre wünschenswert, dass es auch Übersetzungs-workflows abbildet beziehungsweise Schnittstellen zu gängigen Übersetzungslösungen anbietet. Sprachspezifische Benutzerprofile sollten dafür sorgen, dass der Anwender neben einer Haupt- weitere Sprachen hinterlegen kann, in denen ihm sprachspezifische Multimediadaten wie Bilder und Videos angezeigt werden. Beispielsweise würde ein Niederländer seine Muttersprache als erste, Englisch und Deutsch als weitere Sprachen einstellen, damit er Multimediadaten in der zweiten oder dritten Sprache zur Ansicht bekommt, falls sie auf Niederländisch nicht vorhanden sind.

Wo liegen zurzeit die Probleme elektronischer Katalogstandards?

Kett: Bisher übliche Standards unterstützen die Abbildung komplexerer, konfigurierbarer Produkte und Dienstleistungen noch nicht genügend. Das wird in Zukunft immer wichtiger, ebenso wie die Abbildung von landesspezifischen Anforderungen oder komplexen Preismodellen. Beispielsweise werden Produkte in Deutschland, die wesentlich vom tagesaktuellen Metallpreis abhängen, auch zu tagesaktuellen Preisen angeboten. Elektronische Produktkataloge sollten daher in der Lage sein, dynamische Preise abzubilden.

Wer ist am eCAT aktiv beteiligt?

Kett: Internationale Standardisierungsgremien, Unternehmen, Handelskammern und Forschungsinstitute aus ganz Europa, aber beispielsweise auch der Uniform Code Council (UNSPSC) mit Sitz in den USA, die Standards South Africa (Liaison) oder das China National Institute of Standardisation. Die Mitgliedschaft im Workshop ist kostenlos. Eine Anmeldung kann elektronisch beim CEN eingereicht werden.

Koordinieren Sie Ihre Arbeit mit internationalen Standardisierungsinitiativen wie ebXML?

Kett: Ja, der eCAT-Workshop für die Harmonisierung bestehender Standards berücksichtigt auch bekannte Standardisierungsinitiativen wie ebXML. Vertreter verschiedener Initiativen im Umfeld elektronischer Produktkataloge treffen sich im Rahmen des Workshops regelmäßig zum Informationsaustausch.

Profitieren auch Kataloge in komplexeren Sprachen wie Chinesisch oder Arabisch von den Empfehlungen durch eCAT?

Kett: Standards zur Festlegung von Katalogformaten sind weitestgehend sprachunabhängig, da hier die Katalogstrukturen und weniger die Inhalte im Mittelpunkt stehen. Anders verhält es sich bei den Produktklassifikationen. Hier werden Produktklassen und ihre zugehörigen Produktmerkmale festgelegt: So gehören zur Klasse der Bohrer beispielsweise die Merkmale Länge, Durchmesser oder Material. Diese Begriffe sind in hohem Grad sprachabhängig. Entsprechend erleichtert eine gemeinsame Terminologie die Arbeit mit verschiedensprachigen Beschreibungen und Klassifikationen. Aus diesem Grund sind neben vielen anderen auch asiatische Initiativen wie die japanische East Asia Electronic Commerce Association (EA-ECA) im Workshop aktiv.

In der Umfrage des Fraunhofer IAO wurden hauptsächlich mittelständische Unternehmen befragt. Haben Großunternehmen kein so ausgeprägtes Interesse am Produktverkauf über elektronische Kataloge?

Kett: Doch, ganz im Gegenteil. Das Interesse bei Großunternehmen an elektronischen Katalogen ist nach wie vor ausgeprägt, und die Anforderungen an das Produktdatenmanagement nehmen durch internationale Expansionsstrategien weiterhin zu. Ein Schwerpunkt der Umfrage war jedoch, die Belange der mittelständischen Unternehmen zu ermitteln. Bislang sind vor allem englischsprachige Produktkataloge üblich. Laut Umfrageergebnis wollen aber immer mehr mittelständische Unternehmen international expandieren und ihre Produktdaten in mehreren Sprachen anbieten. Das bietet vor allem Anbietern von Katalogsoftware ein großes Betätigungsfeld. Unternehmen, die sprachspezifische Produktkataloge anbieten, können sich von Konkurrenten differenzieren und haben somit einen Wettbewerbsvorteil. Vereinfacht sich die Erstellung multilingualer Produktkataloge weiter, werden die Unternehmen auch die Chance wahrnehmen, ihre Produkte in mehr Sprachen anzubieten.

Warum dann diese relative sprachliche Genügsamkeit bei den befragten Unternehmen?

Kett: Die Umfrageergebnisse spiegeln den Status der Kundennachfrage und der kurzfristigen Aussichten wider, die Investitionen in Produktkataloge durch Verkäufe wieder herauszubekommen. Erst wenn die Nachfrage nach elektronischen Katalogen in einer neuen Sprache großen Umsatz verspricht und die neue Sprachversion nicht allzu teuer für das Unternehmen ist, wird es bereit sein, seine elektronischen Kataloge in der jeweiligen Sprache zu liefern.

Interessieren sich westeuropäische Unternehmen noch nicht genug für Käufer in Osteuropa, China oder dem Nahen Osten?

Kett: Doch, natürlich, aber interessierte Online-Anbieter brauchen zunächst elektronische Beschaffungssysteme oder Vertriebsplattformen, auf die sie elektronische Produktkataloge einspielen können. Vor allem E-Procurement-Systeme sind in China oder Osteuropa noch nicht so weit verbreitet wie im Westen. Für die bisherige Nachfrage genügen offenbar Produktkataloge in einer europäischen Sprache wie Englisch oder Deutsch. Aber langfristig hat E-Commerce nur mit international harmonisierten Produktbeschreibungen eine Chance. Daher bemüht sich der eCAT-Workshop für den asiatischen Raum um eine Abstimmung mit asiatischen Initiativen, um die Nutzung von Produktkatalogen auch in asiatischen Sprachen zu fördern.

Wann können voraussichtlich einheitliche Richtlinien für die Erstellung mehrsprachiger Produktkataloge formuliert werden?

Kett: Im Rahmen des eCAT-Workshops wurde ein Projekt mit dem Titel “Global Multilingual Product Description and Classification for eCommerce and eBusiness” (ePDC) ins Leben gerufen mit dem Ziel, Empfehlungen für eine gemeinsame Architektur für technische Wörterbücher sowie für eine harmonisierte Terminologie (Begriffe und Definitionen) zu erarbeiten. Die Ergebnisse des Projekts werden 2005 veröffentlicht.

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