Lateinamerika trotzt der Krise

Feature | 28. Januar 2009 von Stefan Nicola 0

Natürlich wird die Wirtschaftskrise auch in Lateinamerika ihre Spuren hinterlassen. Experten erwarten aber, dass die Region weitaus glimpflicher davonkommen wird als andere Märkte. Der Internationale Währungsfonds (IWF) prognostiziert für das Jahr 2009 ein Wirtschaftswachstum um etwa drei Prozent. Damit fällt dieses zwar geringer aus als in den vergangen fünf Jahren, liegt aber immer noch über dem weltweit erwarteten Wachstum von 2,2 Prozent.

Allerdings lässt sich nicht das gesamte Gebiet über einen Kamm scheren. Es gibt große Unterschiede zwischen einem wirtschaftlich aufsteigenden Stern wie Brasilien und einem armen Land wie El Salvador. Und auch Mexiko könnte wegen der engen Verbundenheit zu den USA gefährdet sein. Dennoch: Die Experten bleiben optimistisch, dass Lateinamerika 2009 als Stern am Wirtschaftshimmel erstrahlt.

Unabhängigkeit und erfolgreicher Mittelstand

„Lateinamerika wird auch weiterhin ein gesundes Wachstum verzeichnen“, sagt Lidice Fernandez, Analystin bei der International Data Corporation (IDC). „Die meisten Länder sind nicht mehr so abhängig von den Vereinigten Staaten wie noch vor ein paar Jahren. Sie haben ihre Absatzmärkte diversifiziert und verwalten ihre Verbindlichkeiten sowie generell ihre Wirtschaft viel besser.“

Der Motor für das Wachstum in den vergangenen Jahren war der blühende Mittelstand. Beobachter sind überzeugt, dass dieser in Lateinamerika auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen wird.

„Lateinamerika ist eine Region der Unternehmer“, sagt Luis Murguia, verantwortlich für den Mittelstand bei SAP Lateinamerika. „Alles hier wird angetrieben von Unternehmen, die vor Ort entstanden und gewachsen sind. Diese Firmen stellen die Lebensmittel und Waren her, die die Welt auch noch in den nächsten hundert Jahren brauchen wird.“

Stabile IT-Ausgaben

Stärken

  • Zahlreiche Universitätsprogramme zur Ausbildung sozial benachteiligter Menschen
  • Junge und motivierte Mitarbeiter
  • Günstige Infrastruktur für Unternehmen
  • Stabile IT-Ausgaben, zum Beispiel subventioniert Brasilien den Kauf von Computern und unterrichtet Senioren sowie Schüler in EDV
  • Immer mehr Bildungsprogramme: In Venezuela arbeiten SAP und IBM zusammen an der Verbesserung der Englischkenntnisse der Bevölkerung.

Zudem setzt die Region verstärkt auf Technologie. IDC rechnet für das Jahr 2009 mit einer angemessenen Zunahme der IT-Investitionen von sieben bis acht Prozent. In den sieben wirtschaftsstärksten Ländern (Brasilien, Kolumbien, Mexiko, Venezuela, Chile, Peru und Argentinien) werden nach Anagaben der Economist Intelligence Unit IT-Ausgaben in Höhe von 50 Milliarden US Dollar erwartet. Diese Schätzungen wurden allerdings bereits im April 2008 veröffentlicht und müssen daher leicht nach unten korrigiert werden. Beobachtern zufolge hat die positive Einschätzung jedoch weiter Gültigkeit.

Anders als in weiter entwickelten Ländern, die vornehmlich in Servicedienstleitungen und Software investieren, fließt das Geld in Lateinamerika großteils in Hardware. Annähernd die Hälfte des IT-Budgets wird dafür ausgegeben, 20 Prozent davon entfallen auf Serviceleistungen und 15 Prozent auf Software.

Noch bedeutsamer als die IT sind in Lateinamerika aber die Mitarbeiter. Die Unternehmen können sich auf hoch motivierte, unternehmerisch denkende und erfolgsorientierte Arbeitskräfte verlassen. Die meist noch sehr jungen Mitarbeiter (Durchschnittsalter zwischen 18 und 39 Jahren) sind sehr interessiert an Technik und Betriebswirtschaft. Ihre hohe Arbeitsmoral, ihre guten zwischenmenschliche Fähigkeiten und ihre Zweisprachigkeit machen sie für viele Firmen begehrenswert. Letzteres ist besonders in den Großstädten eine wichtige Eigenschaft, da sich hier immer mehr US-amerikanische und internationale Firmen ansiedeln.

Leichtere Unternehmensgründung

“Die Lateinamerikaner wollen nach vorn kommen und sich weiterentwickeln”, sagt Rodrigo Slelatt, Analyst bei A.T. Kearney. Ihr Erfolgswille trägt dazu bei, dass in der Region wesentlich weniger Unternehmen abwandern als in Indien oder Asien.

Im Jahr 2007 hat sich eine große Anzahl internationaler Firmen in Lateinamerika niedergelassen. Mit dem Ziel möglichst kleiner Hürden für Unternehmensgründungen haben Länder wie Kolumbien, Argentinien, Brasilien, Costa Rica und Mexiko im darauffolgenden Jahr ihre rechtlichen Bestimmungen angepasst. In Kolumbien gelang das besonders erfolgreich. Die Weltbank und ihre International Finance Corporation würdigten das Land deshalb als Top-Reformer – global und regional.

Außerdem profitieren mehrere zentralamerikanische Länder vom Central American Free Trade Agreement (CAFTA). Dieses Freihandelsabkommen verschafft allen Unterzeichnern den zollfreien Zugang zum US-amerikanischen Markt. „Unterzeichnet ein kleines oder mittelständisches Unternehmen in Lateinamerika ein Handelsabkommen mit der USA oder Europa, wächst sein Absatzmarkt plötzlich um das Zehnfache“, sagt Richard Feinberg, Professor an der Universität von Kalifornien.

Kluft zwischen Arm und Reich beheben

Schwächen

  • Große Schere zwischen Arm und Reich, Wohlhabende sichern sich eine gute Ausbildung durch Studium in den USA.
  • Nur drei der TOP-200-Universitäten weltweit sind in Lateinamerika.
  • Die Leistung der Studenten sinkt im Vergleich zu Ländern mit ähnlichem Einkommensniveau.

Doch es ist nicht alles eitel Sonnenschein. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist in Lateinamerika immer noch groß. Da die Qualität lateinamerikanischer Universitäten immer noch stark verbesserungswürdig ist, schicken vor allem reiche Familien ihren Nachwuchs zur Ausbildung in die Vereinigten Staaten oder nach Europa. Gesponserte Programme von der Regierung, gemeinnützigen Organisationen und Unternehmen sollen das zukünftig jedoch ändern. Auch die SAP ist in der Region mit ihrem SAP University Alliance Programm aktiv. Dieses vermittelt lateinamerikanischen Studenten entscheidende betriebswirtschaftliche und technische Kenntnisse.

Bessere Bildung, eine erfolgreich Wirtschaft sowie eine intakte politischen Lage können dazu beitragen, die Schere zwischen Arm und Reich zu schließen. Brasilien, Mexiko, Chile und Kolumbien wachsen auch, seitdem ihre Regierungen stabiler sind. „Diejenigen Länder, die Ideologie und Politik vom Geschäft trennen, werden die Vorteile ernten“, sagt Analyst Slelatt.

Ein Beispiel ist das heutige Vorzeigeland Brasilien. Noch vor sechs Jahren wurde hier mehr als die Hälfte der Bevölkerung als arm eingestuft. Mittlerweile ist diese Zahl auf etwa ein Viertel (26 Prozent) gesunken. Die Mittelschicht zählt damit nun fast 50 Millionen Menschen. „Und das sind die Konsumenten, die unsere Wirtschaft ankurbeln und einen neuen Markt schaffen“, sagt Rodolpho Cardenuto, Präsident und Vorstandssprecher von SAP Lateinamerika.

SAP in Lateinamerika

SAP hat 1.700 Mitarbeiter und 15 Niederlassungen in Lateinamerika. Etwa 4.800 Unternehmen in der Region sind SAP-Kunden, davon etwa 4.000 aus dem Mittelstand. Noch vor zwei Jahren machte der Mittelstand nur 18 Prozent des SAP-Geschäfts in Lateinamerika aus. Heute sind es 33 Prozent. Innerhalb von drei Jahren, so SAP-Vorstandssprecher Cardenuto, soll die Zahl auf 50 Prozent steigen.

(Quellen: World Bank, Times Higher Education, Hudson Institute, Chronicle of Higher Education, CNET News, SAP)

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