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Weshalb Offenheit und Kooperation entscheidend sind

Blog | 25. Januar 2018 von Bernd Leukert

Von der Fabrik zum Vorstandszimmer − um die Vision von Industrie 4.0 zu verwirklichen, ist eine Zusammenarbeit auf nationaler, regionaler und globaler Ebene notwendig.

Eines der Privilegien in meinem Beruf ist es, Kollegen, Kunden und Partner auf der ganzen Welt zu treffen. Während sich Kulturen, Gepflogenheiten und Sprachen von Land zu Land unterscheiden,  stehen sowohl große als auch kleine Unternehmen – unabhängig davorn, in welcher Region sie tätig sind – oftmals vor den gleichen Herausforderungen: Zunehmender Wettbewerb, eine steigende Nachfrage nach personalisierten Produkten zu Preisen, die durch Massenproduktion üblich sind,  sowie hochgradig verzahnte Prozesse und Systeme tragen dazu bei, dass sich neue Regeln für Märkte und Unternehmen etablieren.

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass Unternehmen, Politik und Wissenschaft beim Thema vierte industrielle Revolution kooperieren. Wer mit Industrie 4.0 erfolgreich sein will, muss von der Fertigungsstätte bis zur Vorstandsetage auf Zusammenarbeit setzen – auf nationaler, regionaler und globaler Ebene.

Dementsprechend stehen der digitale Wandel von Fertigungsunternehmen und der damit verbundenen Lieferketten sowie Industrie 4.0 auch auf der Agenda des Weltwirtschaftsforums 2018, das vom 23. bis 26. Januar stattfindet, ganz weit oben. Wie jedes Jahr seit 1971 treffen sich Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Kultur sowie der Gesellschaft in Davos, um gemeinsam Maßnahmen zu entwickeln, um Ideen, Innovationen und Entdeckungen zur erfolgreichen, nachhaltigen Umgestaltung globaler Systeme auszutauschen.

Die Rolle der Plattform Industrie 4.0

Aufgabe der Plattform Industrie 4.0 ist es herauszufinden, wie Deutschland seine weltweit führende Position im Bereich der industriellen Fertigung sichern kann. In meiner Funktion als Vorsitzender des Lenkungsausschusses der Plattform arbeite ich mit Vertretern aus Unternehmen, Gewerkschaften, Wissenschaft und Politik zusammen – und gemeinsam bauen wir unsere Handlungsempfehlungen auf dem Fundament des Zukunftsprojekts Industrie 4.0 auf, das die deutsche Regierung im „Aktionsplan Hightech-Strategie 2020“ verabschiedet hat.

Ziel der Plattform ist es, Technologien zu erforschen und Trends zu ermitteln, die bei der vierten industriellen Revolution eine Rolle spielen, und sowohl für nationale als auch für internationale Gremien und Akteure Handlungsempfehlungen zu erarbeiten. Die Ergebnisse der Zusammenarbeit werden einem breiten Publikum zugänglich gemacht und Forschungsaktivitäten in diesem Bereich unterstützt, damit Unternehmen ihren Platz in der digitalen Welt finden und halten können.

Dies ist vor allen Dingen für kleine und mittelständische Unternehmen wichtig, die das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bilden. Das gesamte Potenzial der Digitalisierung lässt sich nur ausschöpfen, wenn sich diese Firmen in die Fertigung der nächsten Generation nicht nur einbringen, sondern diese aktiv mitgestalten.

Nicht nur auf die Fertigung in Deutschland beschränkt

Obwohl das Hauptaugenmerk der Plattform Industrie 4.0 zweifelsohne auf der deutschen Fertigungsindustrie lag, wurde die Initiative keineswegs nur für eine bestimmte Branche oder Region eingerichtet. Gartner unterstreicht diesen Aspekt in seiner aktuellen Definition und beschreibt den Begriff Industrie 4.0 als „einen Digitalisierungsansatz, mithilfe dessen auf Grundlage der Geschäftsergebnisse über Wertschöpfungsketten und Branchen hinweg Nutzen aus der Kooperation mit verschiedenen Partnern im Ökosystem gezogen werden kann“.

Anders ausgedrückt geht es nicht nur darum, Technologien wie das Internet der Dinge und künstliche Intelligenz einzusetzen, sondern an einem Standort über das gesamte Unternehmen hinweg effizienter zu arbeiten. Industrie 4.0 ermöglicht eine unternehmensübergreifende Integration von Dingen, Systemen und Prozessen, so dass gänzlich neue Ökosysteme entstehen, die sich über verschiedene Branchen erstrecken können.

Ich habe schon häufig deutlich gemacht, wie wichtig Offenheit in Bezug auf Technologien, Entwicklungskonzepte, Partnerschaften und Kooperationen ist. Industrie 4.0 ist für mich ein weiteres exzellentes Beispiel dafür, dass Offenheit ein wesentlicher Bestandteil für die erfolgreiche Digitalisierung von Unternehmen und ganzen Industrien ist. Einerseits zählen dazu individuelle unternehmensübergreifende Netzwerke, die die Grundlage für globale und industrieübergreifende Netzwerke sind und so die Verzahnung von Unternehmen und Branchen in ganz neuen Wertschöpfungsketten ermöglichen. In einem breiteren Kontext ist die deutschland-, europa- und sogar weltweite Zusammenarbeit und Offenheit zwischen Organisationen unterschiedlicher Art, Branche und Größe erforderlich, um das Potenzial der Digitalisierung vollständig erschließen zu können. Daher ist die Förderung von Netzwerken zwischen globalen Verbänden und Organisationen sowie die Koordination des Austauschs eines der obersten Ziele der Plattform Industrie 4.0.

Neue Perspektiven für die Zusammenarbeit

Seit ihrer Gründung im Jahr 2015 hat sich die Initiative Plattform Industrie 4.0 verstärkt um eine enge Kooperation auf internationaler Ebene bemüht. Innerhalb Europas arbeitet sie eng mit dem französischen Pendant, der Alliance Industrie du Future, und der italienischen Initiative, Piano Industria 4.0, zusammen. Erst kürzlich haben wir seitens der Initiativen eine neue Arbeitsgemeinschaft angekündigt, die die Digitalisierung der Fertigung europaweit voranbringen soll.

Die Europäische Kommission veröffentlichte 2017 einen Aufsatz mit dem Titel „Key lessons from national industry 4.0 policy initiatives in Europe“ und stellte darin unter anderem fest, dass Koordination auf EU-Ebene nötig ist, um von den Vorteilen zukunftsweisender Technologien umfassend profitieren zu können.

Ein weiteres Schwerpunktthema der Plattform Industrie 4.0 ist es, die Ergebnisse der europaweiten Initiativen und die Errungenschaften anderer Verbände rund um den Globus zusammenzuführen. Mit der Plattform Industrie 4.0 und dem Industrial Internet Consortium arbeiten wir gemeinsam an Standardisierungs- und Sicherheitslösungen und legen dabei das Hauptaugenmerk vor allem auf Semantik und Interoperabilität. Darüber hinaus arbeiten wir daran, die Kooperation mit der Robot Revolution Initiative in Japan sowie mit der chinesischen und der australischen Regierung zu intensivieren. Diese Initiativen arbeiten ebenfalls an detaillierteren Anwendungsfällen, der Definition von Anforderungen an Standards sowie der Nutzung von Referenzmodellen und -architekturen.

Ausblick in die Zukunft

Unternehmen können mithilfe der Technologien und Best Practices für Industrie 4.0 auf globaler Ebene Innovationen vorantreiben, ihre Geschäftsabläufe so optimieren und damit auch profitabler werden. Die Plattform Industrie 4.0 hat zudem in einem Zehn-Punkte-Plan die Prioritäten der Initiative für die kommenden Jahre festgelegt.

Neben neuen Themen wie autonome Systeme, 5G, Nachhaltigkeit und Ressourceneffizienz möchten wir mit der Initiative mithilfe weiterer Testzentren und Trainingsinitiativen kleine und mittelständische Unternehmen dabei unterstützen, den wandelnden Anforderungen an ihre Mitarbeiter im digitalen Zeitalter besser begegnen zu können. Da durch die Digitalisierung zunehmend die Grenzen zwischen den Branchen verschwimmen, werden wir Möglichkeiten evaluieren, die Forschungsergebnisse auf andere Felder auszudehnen und sie entsprechend anzuwenden. Schwerpunkte bleiben letztlich neben der Erweiterung der internationalen Kooperation vor allem Standardisierungsaspekte, Cyber-Sicherheit, Best Practices und gemeinsam genutzte Testzentren.

Das Programm des diesjährigen Weltwirtschaftsforums steht unter dem Motto „Creating a shared future in a fractured world“ (Schaffen einer gemeinsamen Zukunft in einer zersplitterten Welt) – und Zusammenarbeit und Kooperation sind offensichtlich die wichtigsten Aspekte, um dieses Ziel zu erreichen.

Digitalisierung ist naturgemäß nicht nur auf einen bestimmten Themenbereich, eine spezifische Branche oder eine konkrete Technologie beschränkt. Für mich ist dies keine Entwicklung, die Bereiche trennt, sondern die Netzwerke aus Dingen, Menschen und Unternehmen zusammenbringt. Um den maximalen Nutzen für den Fertigungsbereich direkt bis hin zu internationalen Konsortien zu erzielen, ist Offenheit auf allen Ebenen nötig.

Alle Beteiligten bringen ein individuelles Verständnis, eigene Forschungsergebnisse und Innovationen ein. Durch das Zusammenbringen unserer Einzelerfahrungen können wir den Rahmen für die notwendige Standardisierung setzen sowie entsprechende Vorgaben definieren, mit der wir die Vision von Industrie 4.0 erfolgreich umsetzen können.

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