Mängel gemeinsam in die Mangel nehmen

Feature | 27. Juni 2005 von admin 0

Viele Automobilhersteller lagern ihr ursprüngliches Geschäft, das Entwickeln und Produzieren von Automobilen, zu großen Teilen an Zulieferer aus und konzentrieren sich selbst mehr auf Marketing und Koordination. Die Lieferanten in der Automobilindustrie sind aufgrund dieser Entwicklung in steigendem Maße für die Qualität der Marke zuständig und haben ein vitales Interesse daran, dass ihre Bauteile so wenige Fehler verursachen wie nur möglich. Dies zieht einen enormen Abstimmungsaufwand zwischen dem Hersteller und den einzelnen Systemlieferanten nach sich. Diese Abstimmung findet jedoch oftmals zu spät im Entwicklungsprozess statt. Eine IT-Plattform, welche die Informationen über alle Systeme hinweg vernetzt, kann helfen, schon in einem frühen Entwicklungsstadium eventuelle Schwachpunkte aufzuzeigen.
Früher wurden bei den Lieferanten genaue Stückzahlen bestellt. Die eigentliche Entwicklungsarbeit fand beim Hersteller statt. Heute entwickelt und produziert der Zulieferer komplettte Bauteile, meist in der Nähe der Standorte des Herstellers. Geliefert wird auf Abruf “Just-in-Time”. Um dies zu gewährleisten, müssen die Hersteller ihre Lieferanten früher und enger in den Entwicklungsprozess einbinden. Vor dieser Aufgabe stand auch ein internationaler Premiumhersteller, der im folgenden “Automobil AG” genannt wird. Zwischen ihr und den Lieferanten bestehen zwar EDI-Schnittstellen für Bestellprozesse, aber auf der Ebene der Projektarbeit und des Risikomanagements läuft die Kommunikation bisher nur per E-Mail.

Von einer engen Integration profitiert insbesondere auch der Zulieferer. Wichtige Informationen für seine langfristige Planung stehen ihm unmittelbar zur Verfügung: Welche Fahrzeugtypen verkaufen sich besonders gut und welche weniger? Werden seine Komponenten in Zukunft stärker oder weniger nachgefragt? Wie sieht die Planung des Modellzyklus aus? Können Bauteile auch in der nächsten Generation eines Fahrzeugs noch verwendet und damit Entwicklungs- und Erprobungskosten gespart werden?

Integration aller Lieferantenbeziehungen

Die Automobil AG möchte mit der Integration aller Lieferantenbeziehungen in eine gemeinsame Systemarchitektur, den Weg für die Zusammenarbeit in der Entwicklung von Komponenten ebnen. Der Lieferant ist für die Qualitätssicherung und das Issue-Management verantwortlich und stützt sich hierfür auf eine gemeinsame Marktforschung und -bewertung.
Nach einer Voruntersuchung entscheidet sich die Automobil AG für SAP NetWeaver als Plattform zur Implementierung der neuen Systemarchitektur. Hauptgründe für diese Entscheidung sind die gute Integration in die bestehende ERP-Lösung SAP R/3 4.6C sowie in mySAP Customer Relationship Management (mySAP CRM), die weite Verbreitung der SAP-Lösung bei den Lieferanten, und nicht zuletzt die Option, die Händler mit der Mittelstandslösung SAP Business One kostengünstig in die SAP-Welt einzubinden. Für das aktuelle Vorhaben greift die Automobil AG auf die SAP-NetWeaver-Komponenten SAP Web Application Server (SAP Web AS) und SAP Enterprise Portal (SAP EP), sowie auf die Technologie von SAP xApps zurück. Eine gemeinsame Informationsplattform, SAP Knowledge Management (SAP KM), verleiht allen Prozessbeteiligten Zugriff auf die wesentlichen Dokumente. Vorkonfigurierte Business Packages der Lösung SAP Business Intelligence (SAP BI) verkürzen die Entwicklungszeiten und sparen dadurch Kosten. Mittelfristig ist gepant, alle Entwicklungspartner über die SAP Exchange Infrastructure (SAP XI) anzubinden, da dies kostengünstiger ist als die vormaligen Einzellösungen.

Entwicklungsplattform für gemeinsame Projekte

Lieferanten werden häufig in zwei Gruppen unterteilt: Die Systemlieferanten, auch als Tier-1-Lieferanten bezeichnet, sind eng in die Prozesse des Herstellers integriert. Dem gegenüber stehen die einfachen Teile- oder Sublieferanten, so genannte Tier-n-Lieferanten.
Die Automobil AG möchte sich eines Portals bedienen, das eine überbetriebliche Zusammenarbeit unterstützt, um die selbstständige Entwicklungsarbeit der Zulieferer auf eine neue Ebene zu heben. Dieses Portal soll sukzessive zu einem Issue-Management-Portal ausgebaut werden. Das zugrunde liegende und von Hersteller und Tier-1-Lieferanten gemeinsam genutzte System muss allen Berechtigten Zugriff auf Pflichtenhefte und Anforderungen, Zeichnungen, Kalkulationen und Testergebnisse verschaffen – also auf Informationen zum Entwicklungsstand – und bei gemeinsamen Prozessen Interaktionen wie notwendige Folgeaktivitäten nach der Diagnose eines Mangels ermöglichen. Dabei sollen alle am Simultaneous Engineering beteiligten Bereiche eingebunden werden: Entwicklung, Einkauf, Versuch und Materialerprobung, Kostenrechnung, Marketing und Vertrieb, Qualitätssicherung, Produktionsplanung, Arbeitsvorbereitung und Finanzen.
Das gilt nicht nur für die Tier-1-Lieferanten: Alle Prozessbeteiligten – bis hin zum kleinsten Sublieferanten – können sich jederzeit über den aktuellen Stand der Entwicklung auf dem Laufenden halten. Über die Tier-1-Lieferanten sind auch deren (kleinere) Sublieferanten mit verschiedensten Systemen angeschlossen. Die Automobil AG hat alle Entwicklungsschritte im Blick – auch wenn sie die Entwicklung komplett an den Tier-1-Lieferanten übergeben hat.

Gemeinsame Fehlerauswertung

Bisher laufen alle Informationen zur Fehleranalyse bei der Automobil AG zentral zusammen und werden dann verteilt. Es hängt von der Einschätzung und Entscheidung des jeweiligen Händlers oder Entwicklers ab, ob er die Informationen überhaupt weiterleitet. Anforderungen an die Produktqualität liegen meist in nicht strukturierter Form vor und sind an verschiedenen Stellen gespeichert. Viele Anregungen und Mängelmeldungen der Kunden laufen in Form von Briefen und E-Mails ein. Die Händler hingegen liefern eigene Statistiken über defekte Teile.
Mit Hilfe des neuen Portals lassen sich nun alle qualitätsrelevanten Informationen zentral sammeln und nachvollziehen, in welchem Stadium der Lösung sich ein gemeldeter Mangel befindet. Die Lieferanten sehen über das Portal ein, in welcher Weise mit ihren Bauteilen Pro-bleme aufgetreten sind, ob es sich um Qualitäts- oder Konstruktionsfehler handelt und wie sie behoben wurden. Das Portal dient ihnen auch dazu, eigenständig Lösungsvorschläge zu präsentieren. Da die Tier-1-Lieferanten oftmals die gleichen Bauteile an mehrere Hersteller liefern, profitieren auch diese davon, wenn andernorts aufgetretene Mängel behoben werden. Das verschafft den betreffenden Lieferanten einen Wettbewerbsvorteil.
Mit Hilfe der Collaboration-Funktion des SAP Enterprise Portal lässt sich ein zentrales Issue-Management aufbauen und durch SAP Knowledge Management unterstützen. Lieferanten, Händler und Kunden können einen Mangel anzeigen. Auf der Grundlage der im Portal gesammelten Daten lässt sich eine strukturierte Suche mit Kennzahlen aus SAP BI verknüpfen, indem beispielsweise konkrete Fallzahlen eines Händlers mit Referenzwerten des Herstellers verglichen werden. Ein Anwender hat beispielsweise Möglichkeit, sich über die am häufigsten aufgetretenen Mängel und deren Beseitigung zu informieren. Solche Auswertungen versetzen die Automobil AG in die Lage, Fragen zur Qualität ihres Produkts zeitnah zu beantworten.
Über das Portal lassen sich von einem Lieferanten alle ihn betreffenden Issues, also gemeldete Mängel in seinen Komponenten, aufbereiten, zu deren Abarbeitung er vertragsgemäß verpflichtet ist. Stellt ein Lieferant fest, dass Komponenten von ihm selbst oder einem seiner Zulieferer fehlerhaft angeliefert wurden, stößt er eine Mängelmeldung an. Diese Information wird an die Automobil AG weitergegeben, die sie mit ihrem Produktionssystem abgleicht und feststellt, welche Fahrzeuge betroffen sind. So lassen sich Mängel rasch rückverfolgen und aufwändige, Imageschädigende Rückrufaktionen vermeiden. Auf die gleiche Weise melden auch die Händler nicht alltägliche Probleme. Eine auf SAP KM basierende Issue-Datenbank bietet ihnen die Möglichkeit, nach ähnlichen Mängeln zu suchen.
Vor allem auch für die Kunden ist es von zentraler Bedeutung, in den Prozess der Mängelbeseitigung einbezogen zu werden: entweder über einen Händler, ein Call-Center oder direkt über das Kundenportal. Der gemeldete Mangel erhält eine eindeutige Nummer und wird einem Bauteil zugeordnet. Ist das Problem noch nicht bekannt, wird es sofort den betreffenden Experten und Entscheidungsträgern gemeldet. Der Kunde kann über das Portal jederzeit auf den von ihm gemeldeten Mangel zu greifen und dessen Status verfolgen, bis der Fall mit einer Lösung abgeschlossen ist. Mit den speziellen Werkzeugen von SAP EP für die Unternehmenszusammenarbeit kann die Automobil AG somit eine Reihe von Lösungen realisieren, die für das Qualitätsmanagement einen enormen Mehrwert beinhalten. Letztendlich gelingt es den Herstellern sogar, den begehrten direkten Draht zum Kunden zu etablieren.

Mehr Informationen zu diesem Thema im Buch: “SAP NetWeaver” von Steffen Karch, Loren Heilig und anderen, das 2005 bei SAP Press erschienen ist.

Steffen Karch

Steffen Karch

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