Mehr Beweglichkeit für Banken

Feature | 12. Dezember 2005 von admin 0

Welche Herausforderungen bewegen die Finanzbranche heute am meisten?

Skeels: In diesem Zusammenhang gibt es sehr viel anzuführen, aber letztendlich geht es mehr oder weniger um drei einfache Dinge: wie kann die Bank wachsen, wie die Kosten kontrollieren und wie lässt sich mit den gesetzlichen Regelungen Schritt halten. Der europäische Markt ist sehr hart umkämpft, insbesondere durch Anbieter aus anderen Sektoren, wie Handelsketten und Autofirmen, die bestimmte Marktsegmente angreifen, und internationale Banken, die Druck auf die lokalen Banken ausüben. Addieren wir diese Faktoren zu einem bereits übersättigten Markt, dann entsteht ein äußerst kritisches Gesamtbild. Vereinfacht gesagt: um zu wachsen, haben die Banken entweder die Möglichkeit der Differenzierung, die ihnen ein organisches Wachstum gestattet, oder sie tätigen Fusionen und Übernahmen. In jedem Fall müssen sich die Geldinstitute über ihre Strategie im Klaren sein und über ausreichende Flexibilität verfügen, um diese Strategie zu verfolgen. Zweitens müssen sie ihre Kosten niedrig halten. Das bedeutet nicht immer, in der Summe weniger auszugeben, sondern dass jede Investition zu einer Verbesserung der Produktivität beitragen sollte. Es geht also um die Industrialisierung der Banken. Drittens nimmt die Anzahl der gesetzlichen Anforderungen stetig zu. Es besteht nur geringe Aussicht darauf, dass das Ausmaß der Regulierung abnimmt, insbesondere für internationale Banken. Auch wenn sie nicht direkt betroffen sind, bekommen auch die lokalen und regionalen Banken einen Teil der Auswirkungen durch die zunehmende Regulierung zu spüren. Die Banken müssen also beweglich und innovativ sein, ihre Geschäftsprozesse industrialisieren und mit den gesetzlichen Vorschriften Schritt halten. Flexibilität ist eine wichtige Voraussetzung.

Sind die Banken derzeit zu einer solchen Flexibilität fähig?

Skeels: Was den Banken derzeit vor allem fehlt, ist die Möglichkeit, ihr Angebot schnell zu ändern und an die Bedürfnisse des Marktes anzupassen. In der Vergangenheit haben die Banken jeden Geschäftsbereich separat automatisiert und dann die Automatisierung der einzelnen Geschäftsbereiche weiter vorangetrieben, ohne die Automatisierung übergreifender Geschäftsprozesse konsolidert zu betrachten. Möchten Banken heute einen Prozess hinzufügen oder ändern, vielleicht um ein neues Produkt einzuführen, ist dies äußerst schwierig und zeitaufwändig. Nehmen wir an, eine Bank möchte ein neues Produkt einführen, das über mehrere Kanäle wie Bankfiliale, Call Center und Internet vertrieben werden soll. Im Normalfall handelt es sich bei jedem dieser Kanäle um einen separaten Geschäftsbereich, der jeweils auch von einem separaten System unterstützt wird. Um das Produkt einzuführen und seinen Kontoeröffnungsvorgang anzulegen, sind sehr wahrscheinlich erhebliche Änderungen an mindestens vier Systemen erforderlich – an jedem System pro Kanal und zusätzlich dem Kontoverwaltungssystem. Allein der Test wird dabei mehrere Wochen in Anspruch nehmen.

Was muss die Finanzbranche tun?

Skeels: Zwei Dinge sind notwendig: erstens sollte das Unternehmen nicht länger in getrennten IT-Landschaften operieren, sondern damit beginnen, unternehmensweit zu denken, und – zweitens – sollte es sich Gedanken darüber machen, wie sich die Systeme in wiederverwendbare und neu kombinierbare Elemente aufgliedern lassen. Ein wesentlicher Schritt ist hierbei die Trennung der Prozesse von der Geschäftsfunktionalität, so dass beide Bestandteile unabhängig voneinander geändert werden können. Die Banken müssen eine gemeinsame Prozessplattform schaffen, die für alle Geschäftsfunktionen anwendbar wird. Diese Prozessplattform sollte nicht nur die Anforderungen eines einzelnen Geschäftsbereichs im Unternehmen erfüllen, sondern die Bedürfnisse des gesamten Unternehmens.

SAPs Antwort ist die Enterprise Services Architecture. Welches Konzept steht dahinter?

Skeels: Die Enterprise Services Architecture geht weit über die einfache Trennung der Geschäftsprozesse von der Geschäftsfunktion hinaus. ESA kombiniert eine flexible Infrastruktur mit flexiblen Geschäftsfunktionen. Eine typische service-orientierte Architektur (SOA) deckt nur die Infrastruktur ab. ESA geht darüber hinaus. Die Herauslösung von Geschäftsprozessen, Informationen und Rollen findet sowohl in SOA als auch in ESA statt. Doch anders als die service-orientierte Architektur beinhaltet ESA wiederverwendbare und kombinierbare Geschäftsprozessschritte. Bei diesen Geschäftsfunktionen kann es sich um bereits vorhandene, intern entwickelte und Funktionalitäten anderer Anbieter handeln. Wiederverwendbarkeit und Kombinationsmöglichkeiten bieten eine enorme Flexibilität für die Innovation.

Welche Rolle spielt die Informationstechnologie?

Skeels: IT ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. ESA dient als “strategisches Instrument”, als Motor für Innovation und schnelle Anpassung. Wenn Sie sich die IT-Budgets ansehen, gehen im Bereich der Anwendungsentwicklung bis zu 80 Prozent des Budgets auf das Konto der Wartung. Es bleibt also nur ein sehr geringer Teil des Budgets für die Weiterentwicklung. Die Banken müssen ihren Wartungsaufwand senken. Ein Teil dieser Einsparungen könnte dadurch erzielt werden, dass Banken weniger eigene Software bereitstellen und mehr Software von Anbietern wie SAP nutzen. Nach der Einführung von ESA lassen sich Änderungen zunehmend durch eine neue Kombination vorhandener Business Services oder die Veränderung von Prozessen vornehmen. Das erspart ein vollständig neues Coding. Das führt dank reduzierter Komplexität zu kürzeren Änderungszyklen und einem geringeren Wartungsaufwand. All diese Faktoren verbessern die Abstimmung zwischen dem IT-Budget und den Unternehmenszielen und die Informationstechnologie wandelt sich vom Hemmnis zur treibenden Kraft. Ein weiteres Problem für die Informationstechnologie sind die demographischen Gegebenheiten in Bezug auf den Support der vorhandenen Systeme. Die Anzahl der Mitarbeiter, die für den Support dieser Systeme qualifiziert sind, nimmt nämlich beständig ab. Es ist kein tragbarer Zustand, wenn die Informationstechnologie von schwindenden Ressourcen abhängig ist. Daher sollten die Unternehmen auf neuere Technologien setzen. Dieser Wandel kann durch die Migration zu moderneren Anwendungen wie die von SAP unterstützt werden. Diese verfügen über neuere Architekturen und neuere Technologien wie J2EE und Web-Services. Für diese Technologien gibt es einen wachsende Zahl qualifizierter Fachkräfte, außerdem sind diese Technologien auch für potenzielle neue Mitarbeiter attraktiver. Und es ist in jedem Fall einfacher, neue Mitarbeiter in neue Technologien anstatt in veraltete Technologien einzuarbeiten.

Welche Schritte sollten Banken beim Übergang zur ESA befolgen?

Skeels: Die Banken müssen eine Roadmap für die schrittweise Migration entwickeln. Sie besitzen eine komplexe IT-Landschaft und können ihre so genannten Altsysteme nicht einfach ausmustern. In der Tat leisten viele Altsysteme weiterhin hervorragende Arbeit. Häufig müssen sie nicht sehr flexibel sein, da sie ein großes Volumen an täglich anfallenden, stabilen Operationen verarbeiten. Die Bank sollte also herausfiltern, welche Teile ihrer vorhandenen Systeme zu welchem Zeitpunkt flexibler zu gestalten sind, und das immer Schritt für Schritt. Um hierbei erfolgreich zu sein, sind drei Dinge notwendig: Die Bank muss eine durchgängige Vision des Ziels besitzen, an das sich jedes Projekt weiter annähert. Somit wird mit jeder Änderung die Vision einen Schritt näher rücken. Zweitens hat die Bank immer für eine vollständige Koexistenz mit dem Altsystem zu sorgen. Drittens muss sie sicher stellen, dass jeder Schritt einen konkreten wirtschaftlichen und nicht nur einen immateriellen zukünftigen Ertrag erwirtschaftet. Auch wenn sich jede Bank an einem anderen Ausgangspunkt befindet sowie die angestrebte Richtung und die erforderlichen Schritte geringfügig voneinander abweichen, sind diese drei Kriterien immer gültig: Vision, schrittweise Durchführung und Koexistenz.

Auf welche Weise unterstützt SAP den Prozess?

Skeels: Wir unterstützen die Kunden in großem Maße bei der Erzeugung der Roadmap und bei der eigentlichen Migration. In Zusammenarbeit mit den Kunden identifizieren wir mit unserem ESA Adoption Program die optimale Vorgehensweise. Wir geben außerdem mit unserem Value Engineering die Gewähr, dass jeder Schritt der Roadmap zur Wertschöpfung beiträgt. Im Jahr 2006 werden wir die unterstützende Infrastruktur, die Banking Process Platform, bereitstellen. Diese ist eine Weiterentwicklung unserer bestehenden SAP-NetWeaver-Technologie. Wenn Sie all dies zu den bereits bestehenden Funktionen von SAP NetWeaver hinzunehmen, sehen Sie, dass wir umfassende Möglichkeiten für die Migration und Koexistenz, die Einführung neuer Lösungen und die Erweiterung bestehender Lösungen anbieten. Selbstverständlich unterstützt ESA die Migration und Koexistenz dieser neuen Umgebung mit den vorhandenen Banksystemen.

Welche Erfahrungen haben die SAP-Kunden aus der Finanzbranche beim Übergang zu ESA gemacht?

Skeels: Die Resonanz ist äußerst positiv. Der Übergang zu ESA war für mehrere unserer Kunden bereits sehr erfolgreich, auch wenn die einzelnen Schritte, die sie unternehmen, recht verschieden sind. So nutzt die Postbank beispielsweise den größten Teil des SAP-Banking-Portfolios. Vor kurzem wurde die interne Entwicklung auf die neue Architektur umgestellt. Zukünftig kann die Postbank also noch schnellere Änderungen an den Composite-Applications-Lösungen vornehmen. Ein zweites Beispiel ist die Standard Bank in Südafrika, die gegenwärtig die einzelnen Geschäftsfunktionen in kleinen Schritten in die neue Architektur migriert. Wie ich bereits gesagt habe, gibt es verschiedene Wege, die wiederum davon abhängig sind, an welchem Ausgangspunkt sich die Bank gegenwärtig befindet und wie schnell sie ihre Vision umsetzen muss.

Wie sorgt SAP während des Übergangs für eine zunehmende Wertschöpfung?

Skeels: Man sollte jede lange Reise – und wir sprechen hier von einer solchen – ganz besonders am Anfang mit kleinen Schritten beginnen. Um Glaubwürdigkeit zu erringen, müssen Sie bei den ersten Schritten immer einen erheblichen Nutzen anstreben. Auf den ersten Schritten lastet der meiste Druck, denn diese Schritte müssen beweisen, dass sich die gesamte Reise lohnt. Daher arbeiten wir bei SAP sehr intensiv mit unserer wertschöpfenden Technik, um sicherzustellen, dass die Banken den richtigen Unternehmensnutzen aus ihren angestrebten Zielen ziehen. Für den Nachweis des Nutzens ist es immer wichtig, die Total Cost of Ownership (TCO) zu betrachten. Jedoch lässt sich der Nutzen auch durch Kostenvermeidung steigern. Durch die Einhaltung der gesetzlichen Regelungen ist es einer Bank möglich, beispielsweise direkte Kosten durch Geldbußen und Imageverlust zu vermeiden. Ähnlich lassen sich durch die Eingrenzung operationeller Risiken Kosten durch Geschäfts- und Imageverluste umgehen. Daher versuchen wir, einen breiter angelegten Ansatz in die Prozessabläufe einzubringen und auf diese Weise jeden einzelnen Übergangsschritt zu begründen.

Häufig werden “industrialisierte” Banking-Services vorgeschlagen. Wie unterstützt die Enterprise Services Architecture diese Art der Industrialisierung?

Skeels: Viele, wenn nicht alle Banken möchten Standardisierung und Produktivität durch die Einführung von Best Practices verbessern. ESA unterstützt diese Industrialisierung durch offene Standards in Verbindung mit den Best Practices bei Geschäftsfunktionen und Prozessen. Dies geht jedoch keinesfalls auf Kosten der Flexibilität. Eine Bank hat die Möglichkeit, die Integration mit einer Partnerbank problemlos zu realisieren. So kann sie beispielsweise nach Bedarf nicht kritische Aufgaben problemlos auslagern oder, anders herum, Insourcing-Leistungen anbieten. ESA unterstützt also die Industrialisierung auf allen Ebenen.

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