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Mehr Humanität wagen

Feature | 30. November 2015 von Stephan Magura 0

Die digitale Transformation durchdringt viele Lebensbereiche. Es wird Zeit, dass wir uns darauf einlassen, meint der Futurist Anders Sörman-Nilsson.

Herr Sörman-Nilsson, Sie beraten einige namhafte Unternehmen. Wie viele davon sind in der digitalen Welt angekommen? Wer ist noch „analog“ unterwegs?

Wir arbeiten in der Tat mit einigen Fortune-500-Firmen zusammen. Jede Firma muss angesichts der dynamischen Entwicklung heute auch eine Technologie-Firma sein. Es ist jedoch schwer, die Frage eindeutig zu beantworten. Man kann die Unternehmen hier nicht in schwarz oder weiß einteilen; vielerorts hat die digitale Transformation bereits begonnen, es gibt also schon zahlreiche Grauzonen.

Gibt es dabei branchenspezifische Auffälligkeiten?

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Anders Sörman-Nilsson, schwedisch-australischer Futurist und Innovationsstratege

Es gibt Branchen, in der die Digitalisierungswelle heftige Auswirkungen hat, etwa im Finanzwesen. So müssen Retail-Banken mittlerweile mit elektronischen Handelsplattformen konkurrieren. Schon Bill Gates hat prognostiziert, dass man zukünftig Finanzgeschäfte ohne die Mitwirkung von Banken tätigen wird. Aufstrebende Start-Ups wie Tink in Schweden gehen bereits in diese Richtung. Gleichzeitig etablieren sich neue Zahlungssysteme. Viele Banken rufen deshalb nach Regulierung, anstatt sich der Innovation zu widmen. Die Neulinge, die ohne Banklizenz agieren, können sich dagegen auf Innovation konzentrieren – und machen den Banken Kunden abspenstig.

Auch der Einzelhandel verändert sich dramatisch, der Erfolg von E-Bay, Amazon oder Zalando ist ein Beispiel dafür. Zwar gibt es Hinweise, dass man dort die Zeichen der Zeit erkannt hat. Selbst so traditionsreiche Marken wie Burberry bespielen inzwischen sämtliche Vertriebskanäle. Anderseits erledigen viele kleineren Firmen und Geschäfte etwa ihre Inventur immer noch manuell, und Barcodes kommen kaum zum Einsatz. So lassen sich Daten weder zu Informationen noch zu Wissen umwandeln – und schon gar nicht in vorausschauendes Handeln.

Veränderung wird häufig als Bedrohung empfunden. Wie lassen sich jene überzeugen, die an der Digitalisierung zweifeln?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Erst kürzlich saßen wir mit Vertriebsleuten eines Klienten zusammen. Wir haben sie gefragt, ob es für ihr Geschäft nicht besser wäre, mehrere Kunden gleichzeitig zu „beraten“, anstatt immer nur einen Termin nach dem anderen abzuarbeiten. Niemand will bis in den späten Abend hinein tätig sein und dann vielleicht noch kurzfristige Absagen erhalten. Also haben wir die Erfahrungen der Verkaufsexperten aus zahlreichen Kundengesprächen „digitalisiert“, indem wir fundierte Antworten auf die am häufigsten gestellten Fragen auf der Webseite unseres Klienten bündelten. Darauf können Kunden jederzeit zugreifen; und die Verkaufsexperten können ruhig schlafen. Auf diese simple Art und Weise lassen sich die Vorteile der Digitalisierung für Mitarbeiter veranschaulichen.

Wo liegen die Grenzen der Digitalisierung? Können Sie sich einen virtuellen Arzt vorstellen?

Den gibt es in Ansätzen bereits, etwa am Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York. Dort nutzen Schwestern und Ärzte künstliche Intelligenz im Rahmen der Krebsdiagnose. Wahrscheinlich braucht man auch künftig noch einen „humanen“ Vermittler, aber er wäre in solchen Szenarien nur die Schnittstelle zwischen Patient und intelligenter Anwendung, die die Diagnose erstellt. Im Finanzbereich könnte es ähnlich kommen: Algorithmen errechnen, was die beste Anlagestrategie für Ihre persönliche Lebensplanung ist; präsentiert wird das Konzept vom Bankberater Ihres Vertrauens.

Noch eine Frage an den Futuristen: Was kommt nach der digitalen Transformation?

Es gibt zwei Dinge, die mich faszinieren: da wäre zunächst die Singularität als nächste Stufe des Transhumanismus, wo Mensch, Computer und Robotertechnik zusammenkommen und der Zeitpunkt biologischer Unsterblichkeit erreicht wird. Laut dem Erfinder und Futurist Ray Kurzweil könnte es im Jahr 2045 so weit sein. Sollten wir dann noch leben, würden wir eventuell eine ganz neue Form menschlicher Existenz erfahren. Das ist zugleich eine beängstigende Perspektive: Viele befürchten, dass auf dem Weg dorthin essenzielle Bestandteile von Humanität verlorengehen werden.

Bereits Realität ist das Internet der Dinge – eine Entwicklung, die mich ebenfalls in ihren Bann zieht. Wir sehen vernetzte Häuser, die sich intelligent steuern lassen. „Smart Cities“ bieten ihren Bürgern dank Technologe ein besseres Leben. Jedes Produkt auf der Welt wird künftig via Internet mit uns kommunizieren können. Digitalisierung bringt uns Verbraucher also näher zum Hersteller und damit näher zu den Menschen. Diese Form der Konnektivität wird noch für viel Spannung sorgen.

 

Anders Sörman-Nilsson ist Futurist und Berater, der Führungskräften und Unternehmern dabei hilft, Trends zu entschlüsseln und Zukunftsstrategien zu entwickeln. Der schwedisch-australische Stratege der Denkfabrik Thinque berät seit 2005 Unternehmen aus dem Fortune 500-Index. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Digilogue: how to win the digital minds and the analogue hearts of tomorrow’s customer“. Sörman-Nilsson erwarb einen Global Executive MBA an der Business School der Universität von Sydney.

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