SAPs Mann im Irak

Feature | 6. März 2013 von Paul Baur 0

Photo: iStockphoto

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Mohammed Al Najjar erinnert sich, wie die Verbraucher im Nachkriegsirak auf die ersten ausländischen Marken reagiert haben. Der Autohersteller Ford war der erste, der Minibusse einführte. So werden heute überall im Irak Minibusse einfach „Fords“ genannt. Irakische Konsumenten, die ein Reinigungsmittel kaufen möchten, fragen auch heute noch nach „Tide“, einem bekannten Waschmittel, das einst aus den USA importiert wurde. Für Unternehmenssoftware hat Al Najjar ähnliche Vorstellungen. Immer dann, wenn ein CIO eine Softwarelösung benötigt, solle er künftig sagen: „Geben Sie mir eine von SAP.“

Bis es soweit ist, hat SAP Senior Executive Mohammed al Najjar noch alle Hände voll zu tun. „Alles, was ich brauche, ist meine Tasche, meinen Laptop und meine Überzeugungen“, schmunzelt er. Al Najjar ist der einzige SAP-Mitarbeiter im Irak – einem Land, in dem fast 30 Millionen Menschen eine IT-Infrastruktur zur Verfügung steht, die noch auf dem Stand der 70er Jahre ist. Branchenexperten sind sich einig, dass die zukünftige Geschäftsentwicklung im Irak davon abhängt, strukturierten und zeitnahen Zugang zu moderner Informations-und Kommunikationstechnik zu schaffen.

IT-Infrastruktur: Auf dem Stand der 70er Jahre

Al Najjar scheint die Herausforderung zu mögen: Mit mehr als drei Jahrzehnten Erfahrung in der Verwaltung und Implementierung von Geschäftslösungen und der Einführung von branchenspezifischen und globalen Referenzprozessen hat er Projekte für verschiedenste Organisationen abgewickelt. Dazu zählen das irakische Ministerium für Industrie, das Ministerium für Telekommunikation sowie eine Vielzahl von privatwirtschaftlichen Unternehmen. Bereits im ersten Jahr nach Gründung der SAP-Vertretung im Irak gelang es Al Najjar, zwei große Geschäfte mit bedeutenden strategischen Kunden abzuschließen.

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Internet and electricity are unreliable in many parts of Iraq. Here al Najjar stands beside a generator. (Photo: private)

Nicht in allen Teilen des Iraks gibt es Strom und Internet. Hier steht al Najjar neben einem Generator. (Foto: Privat)

Die Bedingungen, unter denen der einzige SAP-Repräsentant im Irak lebt und arbeitet, sind denkbar schlecht. Reisen innerhalb des Landes sind gefährlich und zeitaufwendig. Stromversorgung und Internetanbindung werden immer wieder unterbrochen. Das Klima ist geradezu feindselig: Im Sommer erreichen die Temperaturen bis zu 55 Grad Celsius. Aufgrund der Kriegsfolgen und permanenter Unruhen ist die IT-Infrastruktur vernachlässigt und zerstört – ein Zustand, der sich nur mit Steinzeit umschreiben lässt.

Zudem kommt es wegen der bürgerkriegsähnlichen Zustände mitunter zu Gewaltattacken. „Es ist in der Tat einfacher, Bombenangriffe im Irak zu überleben, als zu versuchen, jemanden zu erklären, was die SAP macht“, scherzt Al Najjar. Doch die Gefahren, denen Al Najjar sich aussetzt, sind real. Um in engem Kontakt mit den Menschen zu bleiben, hat er für sich persönlich entschieden, nicht in organisierten Konvois oder mit bezahltem Sicherheitspersonal zu reisen. Er trifft aber weiterhin Vorkehrungen, um die Risiken so gering wie möglich zu halten.

Temperaturen von bis zu 55 Grad Celsius

Die meisten Menschen aus dem Westen würden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und eine andere Aufgabe annehmen – jeden anderen Job, nur nicht diesen. Nicht so Al Najjar. Er sieht sich eher auf einer Mission. Al Najjar ist für die Menschen im Irak vor allem Lehrer, Freund und Berater – erst danach kommt der SAP-Mitarbeiter.

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Al Najjar estimates that Iraq will need 600,000 IT professionals to meet demand in the future; he thinks women are well-suited to the industry. (Photo: private)

Al Najjar geht davon aus, dass der Irak 600.000 IT-Fachkräfte brauchen wird um den zukünftigen Bedarf zu decken; er hält IT-Jobs für Frauen sehr geeignet. (Foto: Privat)

Mohammed Al Najjar wurde im Irak geboren, aber vor über 30 Jahren verließ er als junger Mann seine Heimat. Seitdem hat er an Universitäten in Europa studiert und sehr viel Berufserfahrung in der IT gesammelt. Danach ist er in den Irak zurückgekehrt, um dort zum Aufbau des Landes beizutragen. Es gab andere IT-Firmen, die ihn gerne eingestellt hätten. Aber Al Najjar war von der SAP überzeugt. „Ich entschied mich für die SAP, weil sie glaubwürdig und gereift ist und ihre Versprechen hält. Sie kümmert sich, und Kundenbindung wird bei ihr ganz groß geschrieben“, erklärt er.

Seine starke philanthropische Seite lenkt Al Najjars Denken und Handeln: „Das Leben hat mir viele Möglichkeiten eröffnet. Ich dachte ich mir, dass es an der Zeit wäre, in den Irak zurückzukehren und diese Erfahrungen mit jungen Menschen zu teilen. Ich möchte ihnen eine neue Denkweise vermitteln und ihnen helfen, mehr aus ihrem Leben zu machen.“ Nach Al Najjars Berechnungen müssten etwa zwei Prozent oder rund 600.000 Iraker ausgebildet werden, um den notwendigen Ausbau der IT-Infrastruktur voranzubringen.

Al Najjar schreibt Whitepapers, hält Workshops, unterstützt das Schulsystem

Al Najjar tut, was er kann: Er schreibt Whitepapers, hält Workshops und bringt seine Kompetenz an weiterführenden Schulen ein. Darüber hinaus hat er ein Schulungssystem entwickelt, das Irakern westliche Vorstellungen und Ideen vermittelt – und zwar genau die Richtigen, witzelt Al Najjar. Das sechstägige Programm heißt „3-in-1“ und bringt Irakern westliche Marketingmethoden näher. Außerdem arbeitet Al Najjar mit Witwen- und Waisenorganisationen zusammen sowie mit dem „College of Sciences for Women“ an der Universität von Bagdad. „Ich glaube, dass IT-Jobs für Frauen geeignet sind, denn die Branche ist ungefährlich. Das Programm wird von einer sehr aufgeschlossenen Dekanin geleitet, mit der ich zusammen an Entwicklungsprojekten arbeite.“

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IT-Studenten mit Mohammed al Najjar (Foto: Privat)

IT-Studenten mit Mohammed al Najjar (Foto: Privat)

Initiativen wie SAP University Alliances haben das Potenzial, lokales Wissen und berufliche Qualifikationen zu fördern. Das Programm stellt den Fakultäten entsprechende Tools und Ressourcen zur Verfügung, damit sie den Studierenden vermitteln können, wie man mit Technologien integrierte Geschäftsprozesse und strategisches Denken unterstützen kann. Die Studierenden erhalten die Möglichkeit, wertvolle Kompetenzen aufzubauen und den IT-Sektor im Irak direkt zu unterstützen.

Al Najjar ist davon überzeugt, dass der beste Weg, im Irak ein Geschäft anzubahnen, über soziales oder kulturelles Engagement führt. „Die SAP kann eine phänomenale Rolle in der sozialen Entwicklung spielen“, erklärt er. „Mit jeder Präsentation habe ich das Gefühl, dass ich das Leben eines Menschen verändern kann.“ Eine Demo, die Leben verbessert? „Im Irak ist das möglich“, betont Al Najjar. Inzwischen hat er sich einen Namen als Vordenker in Sachen Software gemacht. Das irakische Fernsehen plant sogar, ihm täglich fünf Minuten Sendezeit zu geben. Im Morgenmagazin „Good Morning, Irak“ soll er über Technologie sprechen.

Die Motivation, die Gesellschaft mit aufzubauen

Für den Mann, der sein Land in jungen Jahren verließ, um nun mitzuhelfen, die Gesellschaft wieder aufzubauen, ist dies eine große Motivation. „Jedes Mal, wenn jemand zu mir kommt und fragt, wie er mehr aus seinen Fähigkeiten machen kann, merke ich, dass ich meiner Rolle zum größten Teil gerecht werde“, erläutert Al Najjar. „Was ich tue, empfinde ich nicht als einen Job. Zu sehen, dass ich das Leben der jungen Iraker bereichere, ist für mich der Kick, den ich brauche.“

In Verbindung mit seiner SAP-Tätigkeit mag Al Najjar das Wort „Kunde“ nicht. Weil die Beziehungen, die er aufgebaut hat, tiefer gehen. „Meine Kunden sind unerfahren, und der Markt steckt noch in den Kinderschuhen“, erklärt er. „Ich baue Kontakte auf, bahne Geschäfte an, übersetzte und moderiere: Meine Arbeit besteht hauptsächlich darin, dem Irak zu helfen, die SAP zu verstehen und der SAP zu helfen, den Irak zu verstehen.“

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An Iraqi customer with SAP’s only employee in the country, Mohammed al Najjar (Photo: private)

Ein irakischer Kunde mit SAPs einzigem Mitarbeiter im Land, Mohammed al Najjar. (Foto: Privat)

Laut Al Najjar ist die Regierung der wichtigste Treiber der Wirtschaft und konzentriert sich vorwiegend auf zwei Dinge: die Verwaltung der aktuellen Abläufe und Änderungen in der Infrastruktur. Al Najjar: „Es wird noch einige Zeit ins Land gehen, bis der private Sektor sich selbst weiterentwickeln kann.“ Da die verlorene Zeit und der Vorsprung anderer Märkte aufgeholt werden müssen, ist der Anteil an IT-Ausgaben höher als in anderen Ländern. Finanziert wird das Ganze mit Erdöleinnahmen. Im Jahr 2012 belief sich der Staatshaushalt auf 110 Milliarden Euro. Davon wurden sieben Prozent in Infrastrukturen für Informations- und Kommunikationstechnologie investiert.

„Wir sind die Pioniere“

Potenzial ist also vorhanden. „Wir befinden uns zeitlich gesehen an einem Punkt, wo wir wirklich etwas bewegen können – für die SAP und für den Irak. Wir sind die Pioniere, Gründerväter der Technologie“, betont Al Najjar.

Was derzeit noch fehlt, ist eine solide Infrastruktur, die rechtfertigt, dass in SAP-Bereichen wie Presales, Support oder Beratung mehr Mitarbeiter eingestellt werden. „Anstatt elf Rollen auszufüllen, könnte ich mich dann auf fünf konzentrieren“, räumt Al Najjar ein. Interessenten müssen manchmal zwei bis drei Wochen warten, bis sie von Al Najjar eine Antwort auf ihre Anfrage erhalten.

Rapid-Deployment-Lösungen sollen helfen

Mit ganz besonderen Paketen lässt sich die Verbreitung von SAP-Software eventuell forcieren. Rapid Deployment Solutions sind ein integraler Bestandteil der SAP-Unternehmensstrategie, um den Irak mit moderner IT auszustatten. Sie machen es dem Kunden einfach, sich vorzustellen, wie er mit seinem Unternehmen einen großen Sprung nach vorne machen und mit weltweit führenden Technologieunternehmen mithalten kann.

„In dieser Phase des Wiederaufbaus, in der sich der Irak gerade befindet, können Rapid-Deployment-Lösungen mit vielen Vorteilen für die Unternehmen punkten: geringe Kosten, ein fester Zeitrahmen, minimales Risiko und weltweit bewährte Best Practices“, fügt Al Najjar hinzu. „Sie sind die großen Gewinner, denn die Menschen im Irak wollen ins 21. Jahrhundert durchstarten, und sie haben nicht zwei bis drei Jahre Zeit für die Implementierung“, erklärt er. „Es ist so, als ob man ihnen die weltbesten Referenzprozesse auf dem Silbertablett serviert.“

 

 

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