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Mit Herzblut im Handtaschen-Geschäft

Feature | 20. November 2015 von Andrea Diederichs, Miriam Rosenbusch 0

SAP Solution Expert und Handtaschen-Designerin – für Ingrid van Skyhawk ist das kein Gegensatz, denn beides braucht kreative Ideen, Umsetzungsstärke und Design Thinking.

Im improvisierten Ankleidebereich des Golfclubs Wiesloch-Schatthausen geht es turbulent zu: ein buntes Durcheinander aus Kleiderständern, Kartons, Spiegeln, Fotoausrüstung und Handtaschen, dazwischen Models, die für ihren Auftritt proben. Während die Teilnehmerinnen des Damenturniers bereits den Saal füllen, feilt Ingrid van Skyhawk an den letzten Details. Ein bisschen Lampenfieber merkt man ihr an, schließlich hat sie lange auf diesen Abend hingearbeitet: Zum ersten Mal „laufen“ ihre Handtaschen bei einer Modenschau mit.

Ingrid entwirft Handtaschen für die berufstätige Frau (vonrechtenthal.com). In Zeiten des mobilen und flexiblen Arbeitens trägt Frau schließlich ihr Büro mit sich herum. Abends dann noch die Kinder abholen, einkaufen oder auch direkt vom Büro zum Sushi-Essen oder ins Kino. Das brachte Ingrid auf die Idee, eine modulare Handtasche zu konzipieren, ein „Bag in Bag“-System, das die verschiedenen Lebensbereiche miteinander vereint.

Ihre Idee: Drei Taschen unterschiedlicher Größe können aneinander gekoppelt oder auch einzeln getragen werden. Die Trägerin kann die kleineren Taschen jeweils samt Inhalt in die nächstgrößere umziehen, so bleiben Utensilien wie Portemonnaie, Schlüsselbund oder Handy immer an ihrem angestammten Platz. Alles ist so flexibel und modular wie möglich – mit dem mitgelieferten Trageriemen lässt sich die Systemtasche in sieben schicke Varianten verwandeln.

„Meine Handtaschen sind aus meinem eigenen Bedarf heraus entstanden“, erklärt Ingrid, viele Jahre alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen und seit über zwanzig Jahren bei SAP. „Ich musste mich in meinem Alltag immer gut organisieren und schauen, dass ich alles bei mir habe, wenn ich morgens aus dem Haus gehe.“

Am Anfang war der Nylonbeutel

„Mich störte es, mit einer Laptoptasche und einer zusätzlichen Handtasche ins Büro zu gehen, also transportierte ich meine persönlichen Sachen in einem hässlichen Nylonbeutel, den ich in die Laptoptasche stopfen konnte.“ An dem Tag, als der alte Nylonbeutel zerriss, fing Ingrid spontan an, eigene Entwürfe zu zeichnen. „Nicht lange herumreden“, lautet ihr Credo. „Ich werde lieber konkret, probiere aus und fertige ein kleines Beispiel an.“

Selbst Junior Design Thinking Coach bei SAP, trieb Ingrid ihr eigenes Projekt in bester Design-Thinking-Manier voran: Sie definierte ihren Bedarf, nähte ihren ersten Prototyp und betrieb Marktforschung: „Ich habe meine Freundinnen und Kolleginnen interviewt, um mehr über ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten herauszufinden und meinen Prototyp zu optimieren.“

So richtig Fahrt nahm die Sache auf, als ein Freund ihr riet, Innovationsförderung des Landes Baden-Württemberg zu beantragen. „Ich bin ziemlich blauäugig an die Sache herangegangen, aber die Jury fand meine Idee gut und bewilligte mir eine Förderung für die Prototypisierung.“ Dann ging alles ganz schnell: Was als kreative Spielerei begonnen hatte, wurde plötzlich zu einem professionellen Unternehmen. „Auf einmal verhandelte ich mit Zulieferern, musste einen Fertigungsbetrieb finden, eine Marke kreieren und einen Webshop mit integrierter Zahlungs- und Bestandsverwaltung aufbauen.“

Erst beim dritten Anlauf fand sie in Italien eine Manufaktur, die auch kleinere Mengen fertigt und mit ebenso viel Herzblut bei der Sache ist wie Ingrid selbst. Viel Zeit und Energie waren in die Suche geflossen, denn Ingrid will in Europa fertigen lassen und das Handwerk unterstützen, das vom Aussterben bedroht ist: „Traditionelle Feintäschner gibt es in Deutschland kaum noch, und auch in Italien müssen mehr und mehr Betriebe schließen.“

Was gibt ihr die Energie, dran zu bleiben, wenn es schwierig wird? „Ich schaue immer darauf: Was hast du alles geschafft! Ich schaue einfach immer auf die Dinge, die gut gegangen sind“, meint Ingrid.

„Ich bin vielleicht ein bisschen wie SAP“

Ingrids Begeisterung dafür, Neues zu probieren, zu experimentieren, hat sich in zwanzig Jahren SAP immer wieder Bahn gebrochen. „Mich haben immer die innovativen Themen interessiert.“ Aktuell ist Ingrid Solution Expert im S/4HANA Digital Core Team bei Scale, Enablement & Transformation (SET). Zuvor wirkte sie bei SAP Business ByDesign im Bereich Financials an zwei SAP-Patenten mit. Als eine der Ersten befasste sie sich mit Financial Shared Services – seinerzeit ein völlig neues Konzept – und war an der Gestaltung des ersten SAP-Intranets beteiligt. „Es reizt mich wahnsinnig, eine Idee umzusetzen und zu sehen, dass sie wirklich funktioniert. Ich will mir immer beweisen, dass ich etwas schaffen kann.“

Diese Energie verbindet die gelernte Kunsthistorikerin mit dem Blick für das Besondere. Nicht nur praktisch, sondern auch hochwertig sollen die Taschen der Marke „Von Rechtenthal“ sein. Dennoch sieht sich Ingrid nicht als Fashion-Designerin: „Bei mir kommt es mehr auf die Funktionalität an“, erklärt sie und schmunzelt: „Darin bin ich vielleicht ein bisschen wie SAP.“

Bei SAP habe sie gelernt, wie ein Unternehmen funktioniert und wie Geschäftsprozesse laufen. „Und ich habe gelernt, groß zu denken.“ Doch bei allen Visionen ist es ihr wichtig, immer wieder einen Realitätscheck zu machen: „Bin ich weiter auf dem richtigen Weg? Ist mein Produkt wirklich das, was die Kunden brauchen?“

Die Modenschau ist inzwischen in vollem Gange, der DJ heizt ein, die Golferinnen genießen die Show. Wie kommen Männer im Büro eigentlich ohne Tasche aus? „Bisher war das vielleicht so“, meint Ingrid, „aber natürlich sind auch die Männer in ihrem Job mobil und müssen Geräte verstauen. Daher wird meine nächste Tasche eine Männertasche sein!“

Am Ende der Modenschau wirkt Ingrid ruhig und entspannt. Beflügelt von der Energie des Abends hegt sie schon ihren nächsten Plan: Ein „kleines Taschen-Imperium“ will sie aufbauen, verrät sie lächelnd, „und ich denke, eines Tages werde ich ein eigenes SAP-System brauchen.“

 

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