Mit Modularität gegen Komplexität

Feature | 6. Juni 2006 von admin 0

Mårten Mickos

Mårten Mickos

Welche Unternehmen setzen heute auf MySQL?

Mickos: Die meisten Anwender und die höchste Popularität haben wir im Web-Bereich. Das Betreiben von Web-Sites auf Basis von MySQL wird wohl unser typisches Einsatzgebiet bleiben. Unsere Datenbank bildet hier das Backend für dynamische Webseiten, es kommt dabei vor allem auf schnelle Datenzugriffe an. Als zweite Gruppe haben wir Firmen, die MySQL in ihre Produkte integrieren, also Unternehmen wie Cisco, Alcatel, Nokia und weitere Software-Hersteller. Man spricht hierbei von “Embedded Databases” – die eigentliche Datenbank ist Teil einer kompletten Anwendung und für den Anwender nicht direkt sichtbar. Die dritte Gruppe sind Unternehmen, die MySQL klassisch als Datenbank für Daten der verschiedensten Art betreiben, zum Beispiel die NASA oder die Hypovereinsbank.

Das sind völlig unterschiedliche Anwender mit sehr verschiedenen Bedürfnissen. Können Sie als vergleichsweise kleines Unternehmen für alle drei Gruppen gleichermaßen Datenbanken entwickeln?

Mickos: Ich glaube ja. Das geht durch den Open-Source-Ansatz. Mit unserer Architektur und der Modularität zeigen wir, dass wir in der Lage sind, den verschiedenen Bedürfnissen unserer Kunden gerecht zu werden. Unsere austauschbaren Speichermodule (Pluggable Storage Engine Architecture) geben uns eine Stärke, die andere nicht haben: Unsere Datenbank kann mit verschiedenen Speicher-Engines laufen. Sie lassen sich beliebig kombinieren und decken damit einen großen Anwendungsbereich ab.

MySQL besitzt ja bereits zahlreiche Speicher-Engines für verschiedene Bereiche. In wie weit bewährt sich dieser Ansatz?

Mickos: Modularität ist unsere Antwort auf Komplexität: Wir fügen unserer Datenbank neue Merkmale hinzu, ohne dass die Komplexität zunimmt. So beeinflussen zum Beispiel die Stored Procedures die Leistungsfähigkeit der Datenbank nicht, es betrifft nur eine einzige Zeile im Source-Code. Der eigentliche Code für die Stored Procedures wird durch die Modularität nur ausgeführt, wenn diese Funktion auch benötigt wird. Nur das Handbuch wird durch neue Features etwas dicker. Wir haben in MySQL 5 zum Beispiel zwei neue Engines für Datenbankarchive und für den Zugriff auf entfernte Datenbanken integriert, ohne dadurch den Code von MySQL umfangreicher zu machen. Es lassen sich ohne Probleme weitere hinzufügen, zum Beispiel jüngst eine neue transaktionsorientierte Engine als Alternative zu InnoDB.

Mit der aktuellen Version 5 beherrscht MySQL nun auch Funktionen, die im ERP-Bereich unverzichtbar sind. Wo sehen Sie hier Ihre Chancen?

Mickos: Es gibt zwar viele Kunden, die von einer vorhandenen Datenbank auf MySQL migrieren, aber das ist nicht unser Hauptgeschäft. Wir fokussieren auf neue Unternehmensanwendungen, nicht die bestehenden. In neuen Anwendungen stellen wir die Kerninfrastruktur. In alten Lösungen ist MySQL “nur” ein Add-On, um die unternehmenskritische Datenbank um neue Funktionen zu erweitern, etwa Web-Fähigkeit. Meist ist es wenig sinnvoll, bei einer alten und gut eingespielten Anwendung auf eine andere Datenbank zu migrieren. Dagegen ist es oft recht teuer, neue Funktionen in eine alte Datenbank zu integrieren. Die Kunden können und wollen sich das nicht leisten. Deswegen holen sie dann uns ins Haus.

In unserer Partnerschaft mit SAP arbeiten wir wie gewohnt weiter, etwa bei der Kooperation zwischen den Entwicklerteams von MySQL und MaxDB. Zudem stellen wir sicher, dass MySQL künftig als Basis für SAP-Anwendungen dienen kann. Gerade durchläuft MySQL den Zertifizierungsprozess von SAP. Wir erwarten, dass dieser zum Jahresende abgeschlossen wird.

Das hieße ja, dass MySQL künftig zwei SAP-taugliche Datenbanken im Portfolio hätte. Sie vertreiben ja auch MaxDB, die ehemalige SAP DB. Werden die beiden Produkte dann ineinander aufgehen?

Mickos: Ein Verschmelzen von MySQL und MaxDB war und ist nicht geplant. In MySQL 5 sind einige Ideen der MaxDB eingeflossen, zum Beispiel “Double-Byte Precission Math”, eine Berechnungsform, die wesentliche genauere Ergebnisse liefert als die bislang üblichen Gleitkomma-Operationen. MaxDB findet schon immer überwiegend innerhalb des SAP-Ökosystems Anwendung. Außerhalb der SAP-Welt gab es noch nie eine große Anwendergemeinde. MaxDB fokussiert auf den SAP-Markt und passt dort sehr gut hin. Das ist auch das Feedback unserer Kunden, wir werden deswegen auch gar nicht erst versuchen, MaxDB am breiten Markt zu platzieren.

Wer sind dann Ihre wichtigsten Wettbewerber?

Mickos: Unsere Wettbewerber heißen Oracle, IBM und Microsoft. Aber wir gehen den Markt völlig anders an. Wir glauben, dass Datenbanken Commodity-Produkte sind, dass sich diese Einsicht am Markt durchsetzen und auch in einem entsprechenden Produkt manifestieren wird. Das ist MySQL. Es gibt keinen anderen Anbieter, der diesen Ansatz verfolgt. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die anderen Hersteller glauben, diesen Markt gebe es gar nicht.

Aber viele Datenbankhersteller bieten doch inzwischen preiswerte, funktional abgespeckte Lösungen an?

Mickos: Die Gratis-Light-Angebote der anderen Hersteller sind verstümmelte Closed-Source-Produkte – gratis, aber mit Einschränkungen bei der Funktionalität. Das haben wir nicht. Die Einschränkungen betreffen darüber hinaus meist Bereiche, in denen man sie nicht gebrauchen kann. Sicher haben die anderen Anbieter mehr Funktionen als wir. Und sie werden immer mehr Funktionen als wir haben. Wir haben keine Ambitionen, hier gleich zu ziehen. Uns sind Performance, Zuverlässigkeit und einfache Bedienung wichtig. Hier sind wir besser als alle anderen.

Nun adressieren Sie mit Ihrem Modell einen Markt, der sehr preisbewusst ist. Wie wollen Sie auf Dauer ausreichend Gewinn erzielen?

Mickos: Die Margen werden auf absehbare Zeit gut sein. Die Kunden wollen natürlich immer weniger bezahlen, das ist auch in Ordnung so. Auf der anderen Seite sinken die Produktions- und Lieferkosten. Zudem ist der Absatzmarkt riesig – ein Muss bei Commodity-Produkten. Selbst in traditionellen Märkten sind die profitabelsten Anbieter immer die, die Commodity-Produkte anbieten, etwa Coca-Cola oder Gillette. Ich denke, dass sich auch der Software-Markt in diese Richtung entwickeln wird.

In Sachen neuer Funktionen ist MySQL nicht gerade ein Vorreiter. Woher kommt der geringe Innovationsgrad?

Mickos: Wenn wir über neue Merkmale entscheiden, blicken wir nicht auf den Wettbewerb, sondern fragen unsere Kunden. Die neuen Merkmale in MySQL 5 sind kundengetrieben. Deswegen sind wir aber nicht weniger innovativ als andere Anbieter. Ich behaupte, dass die “Commoditisation” ein hoher Grad an Innovation ist – Funktionen, die den Anwendern bekannt sind, in ein neues, leicht bedienbares Format zu verpacken. Und das, ohne die Leistungsfähigkeit zu beeinflussen. Das ist die wahre Herausforderung beim Software-Design: Wie macht man es so einfach wie möglich.

Oder mit den Worten von Antoine de Saint-Exupéry: “Vollkommenheit entsteht offensichtlich nicht dann, wenn man nichts mehr hinzuzufügen hat, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann.” Deswegen gehen wir auch den Weg der modularen Architektur. Er hat es uns ermöglicht, im Wettbewerb ganz oben mit zu mischen und rascher in Bereiche vorzudringen, in denen wir vorher nichts anzubieten hatten.

Das Interview führte Jan Schulze

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