Mittelstand als Opfer des SCO-Linux-Konflikts?

Feature | 24. November 2003 von admin 0

Die Auseinandersetzung begann im März: Die SCO Group erhob eine drei Milliarden Dollar schwere Klage gegen IBM. Mit der Begründung, IBM habe geistige Eigentumsrechte, im Speziellen die UNIX-Verträge mit SCO, durch illegales Kopieren des UNIX-Quellcodes verletzt. IBM schlug im August mit einer Gegenklage auf Grund von vier Patentverletzungen zurück. Bald darauf folgte Red Hat, die SCO mit der Begründung verklagten, das Unternehmen beabsichtige, Red Hat zu schädigen. SCO reagierte mit einem Antrag auf Abweisung der Red-Hat-Klage.
Während der IBM-Prozess voraussichtlich nicht vor Sommer 2005 über die Bühne gehen wird, hofft Red Hat auf ein Urteil bis spätestens Ende nächsten Jahres. Die Eile von Red Hat ist nicht unbegründet, denn Linux nimmt im SMB-Markt langsam Fahrt auf und erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Weitere Verzögerungen und Unsicherheiten würden Windows hier wieder einen Vorteil verschaffen. Die jüngste Umfrage von Jupiter Research zeigt, dass inzwischen 19 Prozent der kleinen und mittelständischen Unternehmen Linux auf Desktop-Systemen nutzen. Der leitende Analyst Joe Wilcox wertet die stattliche Anzahl von Desktop-Anwendern als Überraschung. Der Jupiter-Studie zufolge, für die mehrere hundert Unternehmen befragt wurden, läuft die Red-Hat-Version von Linux derzeit auf sechs Prozent der SMB-Desktops. In einem offenen Brief der SCO Group kritisiert CEO Darl McBride die Open-Source-Community für ihre Entwicklungen, bei denen keine Überprüfung über die Rechtmäßigkeit des geistigen Eigentums erfolgt sei.

Kein Zurückschrecken vor rechtlichen Schritten

Unterdessen versucht SCO weiter, von gewerblichen Linux-Anwendern Lizenzgebühren in Höhe von jeweils mehreren hundert Dollar einzutreiben und schreckt dabei auch nicht vor rechtlichen Schritten zurück. Laut Chris Sontag, Senior Vice President und General Manager von SCOsource, reagieren die Firmennutzer jedoch positiv auf SCOs Bemühungen um Lizenznehmer. Sontag ist daher zuversichtlich, dass sie Lizenzgebühren bezahlen werden. “Es besteht bei etwa 90 Prozent der Anwender Kooperationsbereitschaft über die Vertragsbedingungen”, so Sontag. “Indem wir auf die Kunden zugehen und ihnen Informationen geben, haben wir eine geeignete Vorgehensweise gefunden. Wir verschicken nicht einfach Rechnungen, sondern führen Gespräche mit den Kunden”, führt Sontag weiter aus.
Sontag zufolge konnte SCO bereits eine Reihe von Linux-Anwendern vom vorgeblichen Lizenzprogramm seines Unternehmens überzeugen. Er lehnte es jedoch unter Berufung auf Vertraulichkeitsvereinbarungen ab, Namen zu nennen. Sontag gibt sich “äußerst optimistisch”, dass Unternehmen Lizenzgebühren für Linux an SCO bezahlen werden, selbst wenn dies bedeute, die Unternehmen verklagen zu müssen.

Klagen bislang nur mit minimalem Einfluss

Im Gegensatz dazu vertritt Stacey Quandt, Hauptanalystin der Open Source Development Labs – einem globalen Konsortium von Technologieunternehmen, das sich der beschleunigten Verbreitung von Linux verschrieben hat – die Ansicht, dass es höchst unwahrscheinlich sei, dass die Anwender SCO Geld bezahlen müssen. “Ich sehe nicht, dass irgendein Endanwender SCO Lizenzgebühren bezahlt. Die Unternehmen warten erst einmal ab, denn warum sollte man eine Lizenzgebühr für etwas bezahlen, das noch nicht bewiesen ist?”, so Quandt. Ihren Ausführungen zufolge haben die Maßnahmen von SCO bis jetzt nur minimalen Einfluss auf die Linux-Endanwender und die allgemeine Annahme des Betriebssystems. “Ich habe mit keinem einzigen Kunden gesprochen, der sie Verwendung von Linux aufgeschoben hat oder sich dafür entschlossen hat, auf ein anderes Betriebssystem auszuweichen. Ich denke deshalb, dass die Maßnahmen von SCO bisher nur minimalen Einfluss auf die Anwender hatten”, so Quandt. Die Anwender sollten beruhigt weiter auf Linux setzen, ihrer Ansicht nach sei es nicht notwendig, das Ende des IBM-Prozesses abzuwarten.
Dem widerspricht Bryan Sims, Rechtsberater und Vice President des Linux-Vertreibers Red Hat. Er vertritt die Meinung, es sei vernünftig, erst den Gerichtsentscheid abzuwarten. Er fügt jedoch hinzu: “Wir sind zuversichtlich, dass wir mit unserer Klage gegen SCO Erfolg haben werden. Wir können uns aus unserer Sicht nicht vorstellen, warum ein Endanwender SCO für etwas bezahlen sollte.”

Gibt es gar keinen “Fall”?

Unternehmensanwender nehmen die Forderungen von SCO laut Don Marti, Präsident der Silicon Valley Linux User Group, nicht ernst. “Alle, die in der Lage sind, die SCO-Forderungen wirklich zu überprüfen, schätzen die Gefahr als gering ein.” Laut Marti haben sich Mitglieder der Silicon Valley Linux User Group bei SCO nach dem Stand der Lage erkundigt, so Marti. “Es wäre lächerlich, wenn ein Anwender auf der Grundlage dessen, was SCO bis jetzt gesagt hat, für irgendetwas bezahlen würde. Jedes Mal, wenn SCO bisher einen Sachverhalt dargelegt hat, der tatsächlich nachprüfbar war, hat sich dieser entweder als falsch oder als irreführend erwiesen”, so Marti. Nur wenige Unternehmen schieben laut Marti derzeit Implementierungen auf Grund des Vorgehens von SCO auf. “Ich weiß von zwei Unternehmen: Das eine hat ein Linux-Migrationsprojekt auf Eis gelegt, das andere hat früh im Verkaufszyklus ein Linux-Projekt nicht weiter verfolgt. Doch diese beiden sind definitiv die Ausnahme. Die meisten Linux-Kunden behandeln diesen Fall als nicht ernst zu nehmenden Fall”, so Marti.
Auch europäische Anwender machen sich über die Forderungen von SCO keine zu großen Sorgen, so Paul Sladen, Organisator der britischen GNU/Linux Users Group. “Ich habe Leute auf den LUG-Treffen gesehen, die sich fragen, welche Geschichte SCO wohl als Nächstes ausprobieren wird. Alle außer SCO sagen dasselbe über den Fall: “Es gibt keinen Fall”, so Sladen.

Elspeth Wales

Elspeth Wales

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