Mittelstand nimmt IFRS kritisch ins Visier

Feature | 19. September 2005 von admin 0

Eine aktuelle Studie vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und PricewaterhouseCoopers (PwC) hat ergeben, dass sich von 600 befragten mittelständischen Unternehmen fast 60 Prozent bereits mit dem Thema IFRS befasst haben. 80 Prozent der Mittelständler sehen derzeit aber keinen Bedarf für eine Änderung ihrer Rechnungslegung.

Größe gibt oft den Ausschlag

Bislang ist die Umstellung auf IFRS vor allem für größere Gesellschaften mit einem Umsatz von über 60 Millionen Euro ein Thema. Bei den knapp acht Prozent der befragten Mittelständler, die schon nach IFRS bilanzieren, ist diese Gruppe überdurchschnittlich stark vertreten. „Firmen mit größerem Auslandsumsatzanteil neigen eher zu einer IFRS-Bilanzierung als jene mit geringer Auslandsorientierung; gleichwohl bilanzieren – unter den antwortenden Unternehmen – immerhin etwa fünf Prozent der ausschließlich im Inland tätigen Gesellschaften nach den IFRS-Regeln”, hebt Dr. Axel Nitschke, Chefvolkswirt beim DIHK, hervor. Auch bei den elf Prozent, die eine Umstellung konkret planen, erzielt über die Hälfte einen Umsatz von mehr als 60 Millionen Euro. Auf der anderen Seite gab ein gutes Drittel der Befragten an, sich bislang nicht mit IFRS befasst zu haben. Zu dieser Gruppe zählen hauptsächlich Unternehmen ohne Konzernbindung mit weniger als 250 Arbeitnehmern, geringen oder gar keinen Auslandserlösen und Umsätzen bis zu 32 Millionen Euro.
Die Entscheidung für oder gegen eine freiwillige Bilanzierung nach IFRS sollte aber nicht allein an die Firmengröße gekoppelt werden: „Die Anwendung der IFRS in mittelständischen Unternehmen erfordert eine differenzierte Betrachtung und kann nicht mit einem allgemein gültigen oder uneingeschränkten Ja oder Nein beantwortet werden“, konstatiert Prof. Dr. Norbert Winkeljohann, Vorstand für den Mittelstandsbereich bei PricewaterhouseCoopers. Vor allem Mittelständler, die im Ausland stark engagiert sind, sollten sich mit den Rechnungslegungsvorschriften intensiv auseinander setzen. Denn, so rät Winkeljohann: „Unternehmen sollten die Umstellung der Rechnungslegung auf IFRS immer als betriebswirtschaftliche Investition verstehen und die möglichen Vor- und Nachteile sorgfältig abwägen.“

Vorteile vor allem im Konzernverbund

Vereinfachung der internen und externen Berichterstattung nennen 23 Prozent der Unternehmen als Vorteil einer IFRS-Bilanzierung. Dabei zeichnet sich ab, dass auch nicht-kapitalmarktorientierte Konzerne die Vorzüge der Rechnungslegung nach IFRS sehen – hier spielt unter anderem die bessere Vergleichbarkeit der Tochterunternehmen eine Rolle. Die acht Prozent der befragten Unternehmen, die bereits nach IFRS bilanzieren, rechtfertigen den Mehraufwand nach eigener Aussage mit Vorteilen zum Beispiel bei der Darstellung der Unternehmenslage und der Konzernberichterstattung.
Doch kann die Bilanzierung nach IFRS auch aus Sicht der Unternehmen, die ihre Rechnungslegung nicht ändern wollen, durchaus Positives bieten. Knapp die Hälfte aller befragten Firmen hob die grundsätzlich bessere Darstellung der Vermögens-, Finanz- und Ertragslage hervor. Weitere Vorzüge sind positive Effekte beim Rating durch die Hausbank (19 Prozent) sowie ein erleichterter Zugang zum Kapitalmarkt (zwölf Prozent) oder zu alternativen Finanzierungsformen (fünf Prozent).
Die Bilanzierung nach IFRS kann nach Einschätzung der befragten Unternehmen auch Impulse für die Internationalisierung des Geschäfts bringen. So versprechen sich 14 Prozent der Befragten Vorteile im internationalen Wettbewerb. Sechs Prozent glauben, dass sich die IFRS-Bilanz bei der Suche nach ausländischen Partnern bewährt. Bei einem möglichen Verkauf des Unternehmens rechnen sich 13 Prozent bessere Chancen aus als mit einer reinen HGB-Bilanz.

Hemmschuh Umstellungs- und Folgeaufwand

Aus Sicht der Unternehmen stellt der Umstellungs- und Folgeaufwand, den 79 Prozent der befragten Mittelständler mit der Einführung von IFRS verbinden, das größte Hindernis dar. Höhere interne Personalkosten erwarten 50 Prozent, den Aufwand für externe Beratung machen 57 Prozent der befragten Firmen als Nachteil geltend. Für knapp die Hälfte der Gesellschaften (48 Prozent) sind die Rechnungslegungsvorschriften nach IFRS zu komplex. Zudem schreckt die doppelte Bilanzierung ab. Denn obgleich ein Unternehmen den Konzernabschluss auf freiwilliger Basis nach IFRS erstellen kann, die Einzelabschlüsse müssen weiterhin den Anforderungen des HGB genügen.
Die Umfrage „IFRS in mittelständischen Unternehmen“ kann unter daniela.mongiat@de.pwc.com kostenfrei angefordert werden.

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