Neue Prototypen für die Datenbrille

17. Dezember 2013 von Uta Spinger 0

Jörg Rett von SAP Research. (Foto: SAP)

Jörg Rett von SAP Research. (Foto: SAP)

Google Glass hat gerade einen Hype ausgelöst und das Thema Augmented Reality wieder ins Gespräch gebracht. Warum gerade jetzt?

Jörg Rett: Mit Google Glass haben wir ein Device, das fast nichts wiegt, viele Stunden läuft, und eine Kamera sowie einen Sensor integriert hat, mit denen ich die Bewegung im dreidimensionalen Raum wahrnehmen kann. Damit hat Google eine Messlatte gesetzt, wie heutzutage Datenbrillen aussehen. Dabei geht es um einen Bildschirm, der am Kopf getragen wird, und so nützliche und zur Situation passende Daten direkt vor dem Auge zeigt.

Warum brauche ich dazu Datenbrillen, reicht nicht ein Smartphone?

Rett: Mit einem Smartphone wechsele ich ständig zwischen meinem Blick auf die Umgebung und meinem Blick auf das Display. Dies stört den Arbeitsablauf. Wenn ich beispielsweise beide Hände brauche, um etwas zu tragen oder zu greifen, kann ich diese Datenbrillen gut einsetzen. Und der Bildschirm erweitert die Realität um zusätzliche Informationen. Oder ich lasse mich beim Laufen navigieren, ohne dass ich auf das Handy schauen muss.

Ist das nicht nur etwas für technik-affine Nerds? Für welche Geschäftsszenarien eignen sich Smart Glasses?

Rett: Ein klassisches Szenario ist Instandhaltung und Service: Ein Mitarbeiter muss eine Inspektion durchführen, eine Pumpe auswechseln, etwas reparieren oder überprüfen. Dabei könnte Augmented Reality die Funktion eines Navi einnehmen: Gehe jetzt hier rechts, klettere die Leiter hoch. Ist die Pumpe gefunden, könnten Informationen zum Gerät angezeigt werden. Oder stellen Sie sich ein riesiges Warenhaus wie bei Amazon vor: Die Datenbrille kann dabei helfen, die richtigen Produkte zu kommissionieren. Auch beim schnellen Einarbeiten von Aushilfskräften kann Augmented Reality unterstützen. Hier kann die Datenbrille wieder beim Navigieren und beim Auffinden der Waren helfen.

Und Augmented Reality kann die Qualität erhöhen. In der Automobilbranche gibt es das Problem des Falschverbaus, was zu teuren Rückrufaktionen führen kann. Hier begannen wir 2008 mit dem SiWear-Projekt (s. Video). Wir hatten ein Szenario bei der Daimler AG in Mannheim, bei der Motoren zusammengebaut wurden und wir dem Nutzer über ein am Körper getragenes Computersystem die richtigen Teile anzeigten. Eine Variante davon existiert auch noch als Prototyp im SAP Future Retail Center.

Welche konkreten Augmented-Reality-Lösungen gibt es denn schon von SAP?

Rett: Wenn ein Kunde eine 3D-Visualisierung braucht, etwa von einem Motor oder einer Produktionsanlage, dann können wir SAP Visual Enterprise anbieten. Damit kann man von einem kleinen Mikrochip bis zu einer Stadt alles visualisieren. Kollegen bauen derzeit an zwei Augmented-Reality-Prototypen: eine Healthcare-Anwendung, bei der ein Arzt bei der Visite die Patientenakte angezeigt bekommt, und Informationen auch gleich ablegen kann. Dieses Szenario könnte sich für die SAP-Anwendung Electronic Medical Records anbieten.

Ein weiterer Prototyp wird für ein Kommissionierungsszenario in Kombination mit SAP  Extended Warehouse Management erstellt: Der Lagerarbeiter trägt eine Datenbrille und liest mit ihr die Kennungen auf Waren ein, indem er seinen Blick auf ein Paket gerichtet hält. Um eine Bestellung aus mehreren Artikeln zusammenzustellen, braucht er keine papierne Packliste mehr. Über einen Knopf im Ohr lotst ihn eine Stimme durch die Halle von Regal zu Regal. Vor dem richtigen Fach angekommen, weist ihn die Stimme an, welches Produkt er in welcher Anzahl aufzuladen hat. Gerät der Wagen auf Kollisionskurs mit einem Kollegen, zeigt das Display seiner Datenbrille eine Warnmeldung, um den Zusammenprall zu verhindern.

Zur Unterstützung des Fußballtrainings ist ein Prototyp bei der TSG Hoffenheim entstanden, der basierend auf SAP HANA die Daten von mit Sensoren ausgestatteten Spielern analysiert und an den mit Google Glass ausgerüsteten Trainer weitergibt. Informationen wie die Laufbeschleunigung eines Spielers werden im Sichtfeld des Trainers eingeblendet, der dadurch den Blickkontakt halten und mit seinen Händen Signale geben kann.

Welche Hürden gilt es zu überwinden, bis die Technologie wirklich real werden kann?

Rett: Wir haben im Moment eine Sensibilisierung, was den Umgang mit Daten angeht. Bei Unternehmen in einem abgegrenzten internen Bereich sehe ich das Problem erst mal nicht so gravierend, aber die Frage steht im Raum: Wie gehen wir damit um, dass jeder und alles gefilmt werden kann und wir mittlerweile über die Software verfügen, das auch auszuwerten? Und wo landen diese Daten am Ende? Die SAP möchte aus Gründen der Datensicherheit ihre eigene SAP Cloud benutzen und damit unseren Kunden garantieren, dass wir alle möglichen Sicherheitsvorkehrungen treffen.

Die entscheidende Frage ist allerdings, schaffe ich es, den Nutzern passend zur Situation genau die Daten anzuzeigen, die sie brauchen – und zwar in einer angemessenen Art und Weise? Also, spiele ich ein kleines Filmchen ab, blende ich ein Icon oder einen Text ein? Und das ist vielleicht die größte Herausforderung, denn wenn wir zu viele Informationen anbieten und die Nutzer überfordern, legen sie die Brille genervt weg. Ebenso, wenn wir zu wenig Information bringen, denn dann hilft die Brille nicht weiter. Die Fragestellung lautet deswegen, wie werden aus Datenbrillen schließlich Smart Glasses?

Wie kann die SAP konkret Geschäftsdaten auf intelligente Weise bereitstellen?

Rett: Zum einen können wir natürlich mit unseren Anwendungen und der SAP HANA Plattform die relevanten Geschäftsdaten aus SAP-Systemen zur Verfügung stellen. Andererseits liefert auch die Umgebung die Daten für Smart Glasses – das geht in Richtung M2M oder Internet der Dinge. In so einer intelligenten Umgebung, wir sagen dazu auch Ambient Intelligence, haben wir mit Sensoren ausgerüstete Produktionsstätten, die Signale aufnehmen, aber auch Informationen zurückgeben können. Und die SAP könnte eine Benutzer-zentrierte Context-Engine in der SAP Cloud entwickeln, die Daten aus der Umgebung aufnimmt und auf intelligente Weise – passend zu Situation und Kontext – an die Smart Glasses-Anwendung weitergibt.

Im Falle des Lagerarbeiters wäre es hilfreich, wenn er angezeigt bekommt, gehe nicht rechts, hier ist ein Stau, weil hier schon zehn andere Leute arbeiten. Und diese Information kommt von einem globalen System, das den Kontext versteht, in dem der Nutzer gerade ist, und das auch den Kontext der anderen 100 Leute kennt, die sich in dem Werk bewegen.

Oder ein Service-Mitarbeiter könnte in einer Anlage beim Kunden die Maschinen scannen und mit der Datenbank abgleichen. Hier erfährt er nicht nur, wenn ein Maschinenteil kaputt ist, er wird bereits gewarnt, wenn ein Bauteil Gefahr läuft, in der nächsten Zeit kaputt zu gehen. Möglich wird das durch die Verknüpfung mit Predictive Analysis. Wie die Reparatur dann durchzuführen ist, zeigt eine 3-D-Visualisierung der Maschine, die sich je nach Perspektive des Betrachters in Echtzeit anpasst.

Videos zu Augmented-Reality-Szenarien:

Möbel einfach zusammenschrauben dank 3-D-Visualisierung

Mit Google Glass im Krankenhaus

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SiWear-Pojekt bei Daimler

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