Noch kein Durchbruch in der Sozial-IT

Feature | 20. November 2012 von Natasha Denby 0

SAP.info: FINSOZ hat sich für die IT im sozialen Sektor einiges vorgenommen. Welche sind die Kernziele des Verbandes?

Dietmar Wolff: Unser Hauptziel ist es, die Wertschöpfung der IT zu steigern. FINSOZ ist aus der Erkenntnis entstanden, dass es viel branchenausgerichtete IT gibt, die Durchdringung dieser Lösungen aber noch nicht so ist wie man es von Industrieunternehmen oder der öffentlichen Verwaltung kennt. Oftmals wird auch der Wert nicht erkannt und IT wird als Kostenfaktor oder Belastung gesehen. Durch die Verbesserung der Software-Qualität, die Förderung der Sozialinformatik-Forschung und eine verbandsübergreifende Plattform für den Austausch wollen wir dieses ganz große Ziel erreichen.

Sie haben Arbeitsgruppen etabliert, die verschiedene Gesichtspunkte untersuchen…

Ja, etwa für das Thema Interoperabilität, wo wir aktuell die größten Potentiale zur Effizienzsteigerung sehen. Oder Compliance, da es bei uns ja um den Datenaustausch von hochsensiblen persönlichen Daten geht. Zudem beschäftigen wir uns damit, was ein IT-Leiter aus dem sozialen Sektor von einem IT-Leiter aus einem Industrieunternehmen lernen kann und sollte, oder auch anders als in einem gewinnorientierten Unternehmen machen muss.

Sehen Sie ein Marktpotenzial für Sozial-IT?

Das Marktpotenzial ist unbestritten. Wir haben eine Branche die in Deutschland 1,2 Mio. Arbeitnehmer hat und 80 Milliarden Euro Umsatz macht. Davon werden eine Milliarde Euro in IT investiert. Nur die Durchdringung der IT ist in diesem Bereich noch nicht so, wie man es von anderen Unternehmensbranchen kennt. Da gibt es noch viel mehr Potenzial.

Bei welchen Ihrer anvisierten Ziele läuft es bisher gut, wo gibt es noch Probleme?

In der Sozialwirtschaft gibt es sehr bürokratische Prozesse, wo man durch Entbürokratisierung dafür sorgen könnte, dass die Mittel da verwendet werden, wo sie eigentlich hingehören. Wir haben einige dieser Prozesse erkannt und versuchen sie zu verbessern. Bei der Effizienzsteigerung kommen wir also gut voran, auch beim Selbstbild des IT Leiters haben wir gute Ergebnisse. Beim Thema Usability tun wir uns noch ein bisschen schwer. Wir möchten, dass auch Sozialpädagogen oder Pflegekräfte die spezifische Software besser akzeptieren. Da sind wir noch nicht so weit, wie erwartet. Hier ist noch einiges an Forschung nötig zur Beantwortung der Frage, was eine gute Software für die Soziale Arbeit oder Pflege ausmacht.

Die Interoperabilität der Systeme bietet viel Verbesserungspotenzial. Was erwarten Sie konkret von den Softwarefirmen, speziell von SAP?

Die Idealvorstellung der IT ist, dass man alles auf einer Plattform hat und alle Akteure damit arbeiten. Das ist natürlich utopisch. Das Bild in der Sozialwirtschaft sieht eher so aus, dass man „best of breed“ für jeden Bereich hat, also eine Menge Einzelsysteme. Schnittstellen werden da nicht so stark beachtet. Wir brauchen dringend standardisierte Schnittstellen zwischen diesen Systemen.

Und da kommt SAP ins Spiel…

Ja, theoretisch schon, aber SAP ist in dem Umfeld Sozialwirtschaft noch nicht so stark vertreten. Unser Mitglied LBU ist auf dem Weg, das zu ändern. Das Know-How, etwa in Hinsicht auf HL7 (Health Level 7) aus dem medizinischen Bereich, beim Aufbau von Integrationsplattformen oder der Technologie mobiler Anwendungen, kann man stärker mit einbringen. Deswegen suchen wir auch den Kontakt zu anderen Verbänden wie dem Bundesverband IT in der Gesundheitswirtschaft.

Auf welche Resonanz trifft SAP bei den sozialen Organisationen?

SAP ist bei sozialen Organisationen schwerpunktmäßig im Bereich FI CO vertreten. Große Diakonien etwa setzen das Finanzmodul von SAP ein. Aber die soziale Branche ist dadurch geprägt, dass die Software mit Kräften zu tun hat, die nicht unbedingt EDV-affin sind. Eine Pflegekraft, eine Sozialpädagogin oder auch ein Arzt brauchen nicht eine komplexe Maske. Sie brauchen die wesentlichen Informationen auf einen Blick, damit sie schnell wissen was sie zu tun haben. Man muss also branchenspezifische Lösungen entwickeln – und da ist der Entwicklung heute noch nicht so weit. Von Seiten der SAP besteht da Aufholbedarf.

Können Sie ein paar konkrete Beispiele für (zukünftige) Projekte nennen?

Wir haben eine FINSOZ Akademie, wo wir gezielt ein Schulungsangebot anbieten, was bisher noch nicht am Markt verfügbar war und aus den Themen und Nöten der Branche hervorgegangen ist. Ein Beispiel ist die Schulung zum Projektmanagement. Man untersucht woran Projekte scheitern. Meistens liegt das daran, dass die Betroffenen nicht mitgenommen werden. Hier setzen unsere Workshops an. Weitere Themen unserer stark nachgefragten Seminare waren z.B. „Software kompetent auswählen“ und „IT-Kosten senken, IT-Wertschöpfung steigern“. Wir konzentrieren uns auch mehr und mehr auf mobile Anwendungen, weil wir beobachten, dass auch in der Sozialwirtschaft mobile Geräte immer stärker genutzt werden. Zudem hatten wir ein Forum zum Thema Office Anwendungen, was auf sehr gute Resonanz gestoßen ist. Daraus wollen wir eine Arbeitsgruppe entwickeln, die sich mit dem Thema Open Source – Einsatz in der Sozialwirtschaft auseinandersetzt. Die Branche ist sehr Microsoft orientiert und hat dennoch in diesem Bereich wenig Marktmacht, da möchten wir Alternativen identifizieren.

Über FINSOZ:

Der FINSOZ Verband e.V. wurde 2010 gegründet und widmet sich dem Einsatz, der Entwicklung und Förderung von IT im sozialen Sektor. Informationstechnologie ist in Sozialwirtschaft und Sozialverwaltung zu einem zentralen Erfolgsfaktor geworden. Ziel des FINSOZ e.V. ist es, den Nutzwert der IT zum Nutzen seiner Mitglieder sowie der Adressaten Sozialer Organisationen zu steigern. Er soll die Kommunikation aller Akteure fördern und konkrete Schritte zur Lösung aktueller Probleme einleiten.

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