Politik der kleinen Schritte

Feature | 15. Mai 2006 von admin 0

Service-orientierte Architekturen (SOAs) stellen Anwendern im Internet vorhandene Systemressourcen auf Anforderung zur Verfügung. Theoretisch sind diese Services lose miteinander verbunden und durch Standards untereinander kompatibel. Die Kombination aus Kompatibilität und Flexibilität verspricht den Unternehmen Profit. Soweit das Lehrbuch.
Um diesen Profit jedoch tatsächlich einzufahren, müssen die Unternehmen natürlich über die entsprechend strategisch ausgerichtete Architektur verfügen. Im Mittelpunkt einer solchen Architektur muss die Zusammenführung von Unternehmensprozessen, Anwendungen und Daten stehen. Die SOA ist der Bauplan zur Umsetzung eines solchen Konzepts.
Hierin besteht vermutlich die größte Umstellung für SMEs. Das SOA-Konzept zwingt den Mittelständlern – weit über Integrationsfragen und einen schrittweisen Ausbau der IT hinaus – einen strategischen Ansatz auf. Dieser wiederum zieht mit aller Wahrscheinlichkeit in Erstellung, Kundenausprägung und Umsetzung nicht unerhebliche Kosten nach sich.

Das SOA-Konzept ist mittelstandstauglich…

Dennoch ist das SOA-Konzept für mittelständische Unternehmen gut geeignet. Unter dem Kostenaspekt betrachtet lassen sich Services rasch integrieren und leicht wieder verwenden. Schenkt man Rainer von Ammon, Professor für Softwareentwicklung und verteilte Systeme an der Universität für angewandte Wissenschaften in Oberösterreich Glauben, ist das ein wichtiger Knackpunkt: Schließlich verursachen “fest verdrahtete” Alt-Lösungen beispielsweise beträchtliche Wartungskosten. Services bieten hier einen Ausweg, nicht nur in Form neuer Anwendungen, sondern auch bei der Harmonisierung der vorhandenen IT.
Strategische SOA-Projekte werden darüber hinaus bei mittelständischen Unternehmen meist nicht von schwerfälligen bürokratischen Abläufen und allzu umfangreichen Altsystemen behindert. Zudem stehen die Entscheidungsträger bei der Planung von IT-Investitionen derzeit nicht unter äußerem Druck, wie das etwa beim Jahrtausendwechsel der Fall war. Das würde eine bedächtige Planung, orientiert an den unternehmerischen Anforderungen, begünstigen. SOAs bieten hier die Chance, große Unternehmen, die sich mit einer Implementierung schwer tun, zu überflügeln.
Dennoch ist das SOA-Umfeld nicht frei von Zwängen. Wenn beispielsweise das maßgebende Unternehmen innerhalb einer Lieferkette auf eine SOA-Architektur umstellt, muss rasch gehandelt werden. Wie es Randy Heffner, Vice President bei Forrester Researc, in diesem Zusammenhang treffend formuliert: “Wenn Wal-Mart auf RFID setzt, gibt es für die Lieferanten kein Zurück.”
Naturgemäß interessieren sich jedoch auch im Mittelstand die Entscheidungsträger eher für Quartalsergebnisse, Liquiditätsflüsse und künftige Umsätze als für scheinbar obskure Diskussionen über Infrastruktur und Architekturen. Führungskräfte werden an SOA-Konzepten eher dann ein Interesse zeigen, wenn es um die Lösung eines greifbaren geschäftlichen Problems geht und diese Architekturen weitere Möglichkeiten eröffnen, dieses Problem in den Griff zu bekommen.
Die Marktforscher von Gartner raten mittelständischen Unternehmen, SOA als evolutionären Schritt nach der Client-Server-Architektur zu verstehen. Mit SOA-Architekturen ließe sich eine höhere Kundenzufriedenheit erreichen, die Zusammenführung von Prozessen brächten Einsparungen. In der Studie “How Service-Oriented Architecture Will Affect SMBs” prognostiziert Gartner darüber hinaus, Service-orientierte Architekturen und -Anwendungen würden die Prozesseffizienz um rund 15 Prozent verbessern.

… doch die großen Unternehmen haben die Nase vorne

Trotz all dieser positiven Aussichten bedienen sich derzeit fast nur große Unternehmen einer gewissen Anzahl von Web-Serivces, oder verfügen zumindest über die Entwicklungskapazitäten, solche Projekte zu planen. Joe McKendrick, Analyst und Redakteur des bekannten Branchenportals Webservices.org, hat unlängst eine Studie unter rund 1.000 Unternehmen aller Größenordnungen vorgestellt. Das ernüchternde Resultat: 27 Prozent aller Unternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern nutzen 21 oder mehr Web-Services – bei kleinen Unternehmen liegt dieser Wert gerade einmal bei vier Prozent.
Mehr noch als bei Großunternehmen zählen im Mittelstand die praktischen Ergebnisse. SOA-Initiativen müssen sich rasch auszahlen, typischerweise in sechs Monaten. Von den IT-Experten ist hier Mut gefragt. Sie müssen auf Diskrepanzen zwischen Unternehmensabläufen und IT-Technologie hinweisen. Es gilt, hierfür zunächst ein SOA-Konzept zu entwerfen und dessen Nützlichkeit dann rasch zu untermauern, beispielsweise mit einem Projekt zur Verbesserung interner Arbeitsabläufe. Einer Studie von Forrester Research zufolge wollten 74 Prozent der im Mittelstand befragten Unternehmen bis Ende 2005 primär interne Prozesse verbessert haben, nur bei 24 Prozent standen externe Integrationsprobleme auf der Arbeitsliste.

Abwartende Reaktionen

Es gibt sie nicht, die perfekte SOA-Welt. Wer wartet, bis all die gewohnten Funktionalitäten als Services zur Verfügung stehen, die sich beliebig kombinieren lassen, wird ins Hintertreffen gelangen. Die Devise würde daher lauten, im Rahmen einer SOA-Gesamtstrategie peu à peu seine Prozesse zu verbessern – und damit auch Gewinn einzufahren. Trotzdem wird wohl die Mehrzahl der mittelständischen Unternehmen eher abwartend reagieren und versuchen, aus erfolgreichen SOA-Projekten zu lernen. Denn, so Jeff Davies, Software-Architekt bei Covad Communications: “… in SOAs muss man mehr Hirnschmalz als Technologie stecken.”
Wie so oft werden sich Unternehmen, deren Firmenkultur von Innovationen geprägt ist, als erste an SOA-Implementierungen heranwagen. In solchen Unternehmen ist die Führungsetage theoretisch auf dem neuesten Stand der IT und steht visionären Ansätzen – beim Kundenbeziehungsmanagement, bei RFID, für mehr Transparenz in der Lieferkette oder der Zusammenführung von Unternehmensprozessen – offen gegenüber.
Service-orientierte Architekturen machen zweifelsohne Sinn und sind ein Schritt in die richtige Richtung. Standards und Protokolle werden immer weiter verbessert, Sicherheitsfragen oder Probleme bei der Verwaltung von Metadaten gelöst. Dem wird sich letztendlich auch der Mittelstand nicht verschließen können.

Christine Macfarlane

Christine Macfarlane

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