Produkt-Clustering bringt Transparenz

Feature | 17. März 2003 von admin 0

Supply-Chain-Management (SCM) bedeutet weit mehr, als Informationsflüsse zu optimieren und die operativen Logistikprozesse sicherzustellen. Neben dem Aufbau einer Lösung für das Tagesgeschäft gilt es, die vorhandenen Prozesse zu validieren, um strategische Entscheidungen zu ermöglichen. Die Voraussetzung hierfür ist eine zuverlässige Informationsgrundlage. Das Fraunhofer Institut für Technologie- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) in Kaiserslautern hat deshalb gemeinsam mit dem Saarbrücker Business-Consulting-Unternehmen ORBIS einen Lösungsansatz entwickelt, der mittels Produkt-Clustering eine realistische Grundlage für die Optimierungsrechnung bereitstellt.

Operatives SCM als Steuerungsgrundlage

Interne Supply Chain

Interne Supply Chain

Moderne SCM-Applikationen geben Unternehmen Planungsalgorithmen an die Hand, mit denen sich Lieferketten ganzheitlich optimieren lassen. SCM beginnt dabei im eigenen Unternehmen. Insbesondere in Fertigungsbetrieben bilden bereits die internen Logistik-Ketten ein hochkomplexes Geflecht von Abläufen und Systemen. Dieses bietet genügend Potenzial, um Effizienz, Transparenz und Steuerbarkeit logistikbezogener Material-, Informations- und Wertflüsse über alle betroffenen Abteilungen hinweg zu optimieren – vom Einkauf über die Auftragsabwicklung, die Produktionssteuerung und das Lagerwesen bis hin zum Transport und Versand.
Um herauszufinden, wo sich die Ansätze des SCM sinnvoll nutzen lassen, müssen Unternehmen zunächst ein Verständnis für die eigenen Produkte und die eigene Supply Chain entwickeln. Anschließend gilt es, die Ziele der Unternehmensstrategie zu definieren sowie qualitative und quantitative Größen festzulegen, um den Erfolg zu messen. Relevante Fragen sind hier beispielsweise: Was soll bei Beständen reduziert, bei Durchlaufzeiten beschleunigt oder bei der Verfügbarkeit von Materialien verbessert werden? Aufbauend auf diesen Vorgaben lassen sich Realisierungsszenarien entwickeln, mit denen Unternehmen das vorhandene Verbesserungspotenzial abschätzen können.

Kosten reduzieren – Leistungsfähigkeit steigern

Beim Optimieren einer Lieferkette müssen Unternehmen zunächst prüfen, inwieweit die Integration in schon vorhandene Lösungen möglich ist und wo neue Unternehmensabläufe und Tools erforderlich werden. Für eine funktionierende Supply Chain sind in der Regel veränderte Arbeitsabläufe notwendig, wenn nicht sogar neue Organisationsstrukturen. Dabei sollten Unternehmen nicht für einzelne Bereiche isoliert planen, denn hieraus resultieren Ungenauigkeiten und Verzerrungen. Als Folge schaukeln sich bereits kleine Schwankungen der Endkundennachfrage entlang der Logistikkette immer stärker auf. Je größer solche Effekte sind, desto mehr arbeiten Produktionsbetriebe am Kundenwunsch vorbei und sind gezwungen, Lagerbestände aufzubauen.
Um Kosten und Planungsaufwand zu reduzieren und die logistische Leistungsfähigkeit zu erhöhen, gilt es darüber hinaus festzulegen, wie Produkte hergestellt und durch die Supply Chain zum Kunden geschleust werden sollen. Das Unternehmen definiert das interne Logistiknetzwerk, also die Lieferbeziehungen zwischen Werken, Zentrallagern, Verteilzentren und Endkunden auf Basis des physischen Materialflusses. Darauf aufbauend werden Ansätze für die Vorplanung (Demand Planning), die mittelfristige Planung und die Detailplanung (Network Planning und Detailed Scheduling) festgelegt. Diese Vorarbeiten bestimmen den späteren Umsetzungserfolg.

SCM ist in der Regel strategisch motiviert

Unternehmen starten SCM-Einführungen in der Regel jedoch nicht nur, um Verbesserungen im operativen Bereich zu erzielen, sondern auch aus der Motivation heraus, Logistikketten zu reformieren und auf diese Weise nachhaltig wettbewerbsfähiger zu gestalten. Für dieses strategische Supply-Chain-Management bietet SAP den SAP Advanced Planner and Optimizer (SAP APO) an. Eine wichtige Frage bei der Verwendung von SAP APO ist, welcher Input dabei genutzt werden soll. Das operative Modell ist zur Beantwortung strategischer Fragen in der Regel nicht geeignet – denn nicht jedes hier erfasste Detail ist für übergeordnete Planungen von Interesse. Im Gegenteil: Die Masse an Daten führt zum Verlust von Transparenz. Strategische Fragestellungen dagegen sind nicht modelliert.

Welche Fragen modellieren?

Wie realisieren Unternehmen eine Lösung, die bei der Beantwortung strategischer Fragen hilft und das erforderliche Abstraktionsniveau aufweist? Dazu gilt es zunächst einmal zu definieren, welche Fragen für die Aufgabenstellung relevant und damit für die Modellierung der Informationsgrundlagen ausschlaggebend sind. Insbesondere gilt es, die Rahmenbedingungen der Beschaffung, der Produktion und der Distribution festzulegen. Erst wenn die wesentlichen Rahmenbedingungen realitätsnah modelliert sind, lassen die Ergebnisse der sich anschließenden Berechnungen sinnvolle Rückschlüsse zu, um die Unternehmensstrategie auszurichten.
Herkömmliche Ansätze kranken dabei häufig an Verzerrungseffekten. So abstrahieren Unternehmen Daten beispielsweise, indem sie bei der Modellierung nur die Hauptumsatzträger ihrer Produktpalette berücksichtigen. Bei diesem Verfahren fallen jedoch wichtige Informationen unter den Tisch – etwa die Tatsache, dass einige umsatzschwache Produkte in der Distribution mitunter sehr schwer zu handhaben sind und deshalb großen Aufwand verursachen. Auf der anderen Seite lässt sich die Alternative, jedes einzelne Produkt abzubilden, nur in Unternehmen mit einer sehr beschränkten Produktpalette umsetzen.

Geringer Verlust an repräsentativer Information

Produkt-Clustering

Produkt-Clustering

Um dieses Problem zu lösen, hat das Fraunhofer Institut für Technologie- und Wirtschaftsmathematik (ITWM) in Kaiserslautern zusammen mit dem Saarbrücker Business Consulting-Unternehmen ORBIS ein Verfahren auf Basis des Produkt-Clusterings entwickelt, mit der sich die Informationsgrundlage für strategische Entscheidungen erstellen lässt: Dabei handelt es sich um eine mathematische Methode zum Nachweis, ob und in welcher Form sich Variablen in komplexen Datensätzen häufen. Mit Produkt-Clustering lassen sich Erzeugnisse in beliebig vielen Dimensionen beschreiben – von Verkaufszahlen über Durchlaufzeiten bis hin zur Geometrie. Auf diese Weise identifizieren Unternehmen eine Anzahl repräsentativer Produkte mit geringem Verlust an relevanter Information für die Supply Chain. Anschließend lässt sich die Supply Chain zunächst ausschließlich für dieses deutlich geringere Produktspektrum modellieren. Die Transparenz erhöht sich – Alternativszenarien lassen sich durchplanen und bewerten. Außerdem sind Rückschlüsse auf den gesamten Prozess inklusive aller Produkte möglich. Ist die Lieferkette für die Repräsentanten optimiert, kann sie im operativen Bereich für die Gesamtheit der Produkte umgesetzt werden. Danach modellieren Unternehmen die Lieferkette auf Basis der gewonnenen Erkenntnisse, angefangen bei relevanten Kapazitäten bis hin zu Engpasslieferanten. Zum Schluss lassen sich unterschiedliche Szenarien simulieren, die eine Bewertung der strategischen Optionen erlauben.

Die richtige Strategie bringt Unternehmen weiter

Die operativen Schritte sind für effizientes SCM wichtig und unumgänglich. Die Verwendung weiterer Methoden, wie beispielsweise des Produkt-Clusterings, eröffnet Unternehmen jedoch zusätzliche Möglichkeiten, um vorhandene SCM-Softwareprodukte zielgerichtet zu nutzen. Speziell SAP APO bietet vor diesem Hintergrund sowohl in operativer als auch in strategischer Hinsicht einigen Nutzen. Die Möglichkeit strategische Unternehmensentscheidungen in ihrer Wirkung abzuschätzen, liefert wertvolle Hinweise darauf, ob und wie die Supply Chain umstrukturiert und das Tagesgeschäft verändert werden muss.

Frank Wilhelm

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