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Programmieren als Zukunftsperspektive

Feature | 30. November 2016 von Michael Nuesslein, Dana Roesiger 0

Die Refugee Code Week hat sich zum Ziel gesetzt, den Menschen in den Flüchtlingslagern des Nahen Ostens eine Perspektive zu geben.

„Tretet ein!“, lächelt Nisreens Vater fröhlich, als er uns von der staubigen Straße in das kleine Haus hinein bittet. Drinnen ist es angenehm kühl und es duftet nach frischem Tee. Die kleinen Zimmer wirken sauber und liebevoll gestaltet. Im sogenannten Wohnzimmer warten auch schon die Großmutter und Nichte auf uns. Es sieht fast aus wie zu Hause in Syrien sagen sie, damals vor dem Krieg. Draußen spielen lachende Kinder Fangen. Eine kleine Idylle, die sie sich geschaffen haben.

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Nisreen Abu-Salou mit ihrer Familie.

Doch die Fassade täuscht: Nisreen Abu-Salou, 37 Jahre alt, ist syrischer Flüchtling. Die Wände des Hauses sind aus Wellblech, sie lebt mit ihrem Vater allein im Haus. Die Mutter ist zurück nach Syrien zu den anderen Geschwistern. Wie es ihnen geht, wissen sie nicht. Kontakt ist nur spärlich möglich. Nisreens neues Zuhause ist Al Zaatari, Jordanien, das größte Flüchtlingscamp im Nahen Osten; mit 80.000 Einwohnern das zweitgrößte der Welt.

In Syrien arbeitete sie als Lehrerin und unterrichtete Kinder von Klasse 5 bis zum Abitur. Ihre Neugierde für Neues war dabei ihr ständiger Begleiter. Ihre Augen leuchten, wenn sie darüber spricht. Und jetzt hat sie die Chance, Programmieren zu lernen.

Nisreen ist eine Teilnehmerin der Initiative „Refugee Code Week“, die maßgeblich von SAP in Zusammenarbeit mit dem Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen (UNHCR) und dem Galway Education Center getragen wird. Konkret sollen in diesem Rahmen Flüchtlinge im Mittleren Osten in die Grundlagen des Programmierens eingeführt werden. Die Kurse finden in Jordanien, Ägypten, im Libanon und in der Türkei statt.

Qualifikationen für den aktuellen und künftigen Bedarf

Millionen mehr oder weniger unterbeschäftigter Flüchtlinge beiderlei Geschlechts in jeder Altersstufe und mit den unterschiedlichsten Qualifikationen sitzen in den Lagern rund um die Kriegsgebiete fest und freuen sich über jede Beschäftigung. Gerade Kinder haben oft keinen geregelten Zugang zu Bildungsmöglichkeiten über das Grundschulniveau hinaus. Auf der anderen Seite braucht die IT-Industrie gerade in dieser Region gut ausgebildete Experten, um den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu bewältigen und gleichzeitig den Anschluss an Weltstandards zu schaffen. Allein in Saudi Arabien fehlen schon jetzt etwa 30.000 Fachleute. Schätzungen zufolge werden die IT-Ausgaben von Unternehmen und Regierungen im Nahen Osten und Afrika (MEA) allein 2016 ungefähr 260 Milliarden US-Dollar betragen. Was also läge näher, als die hohe Motivation der Menschen – vor allem der Mädchen – zu nutzen und genau jetzt in eine bessere Zukunft zu investieren?

Die Zahlen

Zusammen mit 33 Partnern konnte SAP während der Refugee Code Week 10.200 Menschen weiterbilden. Die Infografik zeigt die Ergebnisse im Detail.

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Klicke hier, um die vollständige Infografik zu sehen.

In den Camps des unmittelbar an Syrien angrenzenden Königreichs Jordanien zeigt sich besonders deutlich, welche Auswirkungen die Initiative auf die Betroffenen hat. So berichtet etwa die 12-jährige Amnah, die ebenfalls aus dem Camp Al Zaatari kommt, dass ihr das Lernen mit der speziellen Software Scratch nicht nur keinerlei Probleme bereite, „sondern auch noch jede Menge Spaß“ mache. Dabei finden sich Frauen nicht nur auf Schüler-, sondern auch auf Lehrerseite: zum Beispiel die 21-jährige Rana, die in der Aktion eine einmalige Chance für Mädchen sieht, ihre Zukunft aktiv zu gestalten und selbst in einer verzweifelt wirkenden Situation eine Perspektive für sich zu entwickeln. Die Teilnehmer werden in Lerngruppen von 8 bis 11 und von 12 bis 17 Jahren unterrichtet. Alle, die nicht physisch teilnehmen können, haben die Möglichkeit, die offene SAP-Plattform für digitales Lernen zu nutzen – natürlich kostenlos.

Schulung hunderter Ausbilder

Die Schülerinnen profitieren dabei nicht nur von der pädagogisch-didaktischen Qualität des Scratch-Lehrprogramms, das sehr praxisorientiert und daher gut geeignet ist, die Begeisterung der Lernenden auch über gewisse Phasen trockener Theorie hinweg zu erhalten. Ihnen kommt darüber hinaus auch die hohe Motivation der Lehrenden zugute. Hunderte von ihnen werden von SAP-Experten ausgebildet, unterstützt von zahlreichen Freiwilligen. Nicht nur in den Flüchtlingslagern finden sich viele, die sich den Einsatz als Lehrkraft vorstellen können, auch unter den Bürgern der Gastländer gibt es viele Freiwillige. „Daran zeigt sich, wie wichtig die Train-the-Trainer-Veranstaltungen sind, bei denen SAP-Mitarbeiter ihr Wissen an junge Menschen weitergeben unabhängig davon, ob diese noch weiterziehen oder bleiben. Bei den Sessions werden frei zugängliche Lernmaterialien benutzt, mit denen die Lerngruppen ausgestattet werden. Die Unterlagen können jederzeit wieder abgerufen und eingesetzt werden“, erklärt Claire Gillissen-Duval, Verantwortliche für  SAP Corporate Social Responsibility in EMEA und Leiterin der Africa und Refugee Code Weeks.

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Kinder in Al Zaatari.

Das gesamte Modell basiert auf den Erfahrungen der Africa Code Week, die nun zum zweiten Jahr in Folge stattfand. Zusammen mit mehr als hundert Partnern konnte SAP 427.000 Kinder und Jugendlichen in Afrika erreichen. Vielen von ihnen steht nun eine berufliche Entwicklung offen, von der sie vorher nur träumen konnten. Genauso geht es den 10.200 Teilnehmern der Refugee Code Week. Ob als Angestellte in Unternehmen oder als Freelancer: Ihre Fähigkeiten sind begehrt und können überall auf der Welt eingesetzt werden – ganz besonders natürlich in ihren Heimatländern, wo sie die Basis eines wirtschaftlichen Aufschwungs bilden können.

Obama appelliert – SAP reagiert

Als das Weiße Haus in Washington im September 2015 den viel zitierten „Call for Action“ absetzte, gehörte SAP zu den ersten, die dem Ruf folgten und sich engagierten. SAP verpflichtete sich, im Rahmen der Refugee Coding Week im Oktober rund 10.000 Flüchtlinge in den Grundlagen des Software-Programmierens auszubilden. Darüber hinaus sollten die entsprechenden Lehrpläne auch langfristig in den Curricula der Schulen in den teilnehmenden Ländern Jordanien, Libanon, Ägypten und der Türkei verankert werden, sodass auch auf dieser Ebene die Weichen für eine ganze Generation gestellt werden können. Dabei geht es nicht nur unmittelbar um die Ausbildung. Die Initiative soll auch ein generelles Zeichen setzen für zukunftsfähige Erziehungsmodelle in den Familien, damit der Teufelskreis aus Tradition, Armut und Bildungsferne insbesondere bei den Frauen durchbrochen werden kann.

Von der Schulbank direkt in den Job

Für einige der Refugee-Code-Week-Teilnehmer kann der Traum sogar noch früher in Erfüllung gehen. Von allen SchülerInnen der Masterclass kommen die 90 Besten in ein spezielles so genanntes „Bootcamp“ des Non-Profit-Partners der SAP RBK (vormals „ReBootKamp“). Wiederum mindestens 30 von ihnen dürfen sich nach Abschluss über ein konkretes Jobangebot im SAP-Partnernetzwerk freuen.

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Fatima Himmamy

Fatima hat bereits an einem RBK-Training teilgenommen. Die 26-Jährige aus Aleppo, die bereits ein vierjähriges Computerstudium absolviert hat, bezeichnet die Initiative als eine der besten Erfahrungen, die sie jemals machen durfte. Für sie ist die Tätigkeit als Lehrerin im Rahmen des Projekts weit mehr als ein Job. Sie eröffnete ihr eine völlig neue Sicht der Dinge und veränderte ihr Leben im Lager von Grund auf. Nun hat sie wieder einen Antrieb und erfährt darüber hinaus reichlich Zustimmung. Gerade die Weitergabe ihres Wissens an andere Frauen und Mädchen liegt ihr besonders am Herzen. „Ich liebe, was ich hier tue“, schwärmt sie.Die Refugee Code Week zeigt, wie Menschen selbst in der Not noch Chancen identifizieren und nutzen können. Es ist – wie so oft – vor allem eine Frage des Willens. Und hier macht gerade den teilnehmenden Mädchen und Frauen so schnell niemand etwas vor.

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