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“Prozesse konsequent digitalisieren”

Feature | 19. September 2017 von Julia Mohr 9

Die Digitalisierung in Unternehmen wird oft genug von der bestehenden Software-Architektur gebremst. Software-Hersteller wie die SAP müssen Schnittstellen zu Plattformen und neuen Dienstleistern öffnen, fordert Otto Schell, Vorstand der DSAG, im Interview mit dem Digital Business Magazin.

Internet der Dinge (IoT), Industrie 4.0 und Big Data sind Synonyme für die aktuellen Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Die Technologieentwicklung skaliert, Echtzeit-Anwendungen und damit auch Datenanalysen sowie die Umsetzung in Prozesse erfolgen in kürzester Zeit über Start-ups oder Apps. Klassische unternehmensinterne Schnittstellen werden zunehmend durch Netzwerke und Cloud ersetzt. Bevor die Digitalisierung für Unternehmen überhaupt greifbar wurde, hat sich die Deutschsprachige SAP-Anwendergruppe e.V. (DSAG) bereits mit den notwendigen Veränderungen beschäftigt und dabei die Geschäfte in den Vordergrund gestellt. Im Interview beschreibt DSAG-Vorstandsmitglied Otto Schell, wie die digitale Zukunft für Unternehmen aussehen kann und welche Rolle Allianzen mit Softwareherstellern dabei spielen.

Herr Schell, die digitale Transformation ist längst kein Kann mehr, sondern ein Muss. Unternehmen werden aktiv oder digitalisieren ihre Prozesse weiter. Was ist der Stand der Dinge?

Jedes Unternehmen, jede Branche ist gezwungen, Geschäftsprozesse durchgehend zu digitalisieren und zu automatisieren. Das bestätigt die DSAG-Investitionsumfrage von diesem Jahr. Über 60 Prozent der Budgets der befragten Mitglieder fließen bereits in die Digitalisierung. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer schätzen diese Investitionen als wichtig bis sehr wichtig ein, etwas über 40 Prozent messen ihnen wenigstens eine mittlere Bedeutung zu. Investitionen in neue Geschäftsmodelle sind vielen indes weniger wichtig: Nur 36 Prozent der Befragten schätzen sie als wichtig bis sehr wichtig ein. Das ist ein deutliches Zeichen: Wir sind mittendrin im technischen Wandel und erleben gerade grundsätzliche Änderungen – im besten Fall treiben wir sie voran. Sei es Industrie 4.0 oder das übergeordnete Internet of Things (IoT), Big Data oder In-Memory-Computing, heute wird alles in der Wirtschaft vernetzt, Menschen wie Maschinen. Angesichts dieser Entwicklungen im Umfeld von IoT und Digitalisierung entwickeln sich auch neue Berufsbilder und Chancen für die Wirtschaft. Unternehmen im deutschsprachigen Raum, die traditionell ja stark in der Forschung und im Maschinenbau tätig sind, profitieren sogar von mehr Möglichkeiten, etwa durch die notwendige Anbindung und Anpassung von Sensorik an die Backend-Systeme.

Wo gibt es derzeit am meisten Handlungsbedarf?

Die Digitalisierung löst bekannte Rahmenbedingungen auf, das dadurch gewonnene Mehr an Transparenz sorgt für mehr Druck. Nicht nur die Unternehmen selbst sehen ihr Geschäftsmodell, ihre Preise, Gewinnspannen und Potenziale klarer, sondern eben auch der Wettbewerb und die Kunden. Mit jungen Unternehmen entstehen neue Konkurrenten, die klaren Linien zwischen Branchen verschwimmen, das erhöht ebenfalls den Druck. Die neuen Wettbewerber bedrängen zum Teil schon Marktführer und machen digitalen Nachzüglern das Leben schwer. Trotzdem haben die meisten DSAG-Mitglieder ihre Wirtschaftssysteme noch nicht auf einen zukunftsfähigen Stand gebracht. Sie halten sich zurück, weil die Frage ungeklärt ist, wie das klassische Denken von On-Premise-ERP in digitales Denken übersetzt werden kann.

Welche Rolle spielt dabei die Softwareindustrie?

Eine ganz wesentliche, denn alle Bereiche und Branchen werden von Software durchdrungen. Umso wichtiger ist es, dass die Strategie eines Softwareherstellers zu den kurz- und mittelfristigen Zukunftsplänen ihrer Unternehmenskunden passt.

Unabhängig von der Stufe der Digitalisierung – was empfehlen Sie Unternehmen?

Sie müssen das Unbekannte wagen. Sie müssen ihren Blick auf das gesamte Unternehmen richten, ein Digitalisierungskonzept entwickeln und eine neue oder zumindest eine an die neuen Anforderungen angepasste IT-Architektur planen und etablieren. Neue berufliche Anforderungen und neues Denken erfordern, dass Unternehmen auch in Weiterbildung investieren, aber auch in gemeinsamen Gremien austauschen. Die Zeiten des Silodenkens sind vorbei. Prozesse konsequent digitalisieren, das bedeutet, dass sich Unternehmen darüber klar werden müssen, wo sie gerade stehen – und welche Ziele sie anvisieren. Das Wichtigste ist sicher, Bekanntes und Gewohnheiten kritisch zu hinterfragen.

Start-ups erschüttern klassische Geschäftsmodelle, wo ist die Disruption beim IoT spürbar?

Hier ist Disruption überall spürbar, die interne Kommunikation, die Produkte, Abläufe, aber auch die Kundenbeziehungen wandeln sich. Das IoT bringt allerdings nicht nur Vorteile. Unternehmen sollten sich im Klaren darüber sein, dass sie damit eine Transparenz schaffen, die sie bis heute nicht kannten. Bisher konnten sie sich ihrer Geschäftsmodelle und Leistungen sicher sein, doch nun werden viele Gewohnheiten auf den Kopf gestellt. Im Handel wird das bereits deutlich: Unabhängig davon, ob sie auf Verbraucher oder Geschäftskunden abzielen, werden die bekannten Distributionskanäle derzeit von den Möglichkeiten des Omni- oder Multichannel erweitert und ergänzt. So entsteht mehr Kundennähe, aber Kunden bekommen mehr Möglichkeiten, sich jederzeit und überall über Angebote zu informieren und darauf zuzugreifen. Interne Abläufe müssen an die daraus resultierenden neuen Ansprüche angeglichen werden. Die Möglichkeiten des IoT sind immens – der Handlungsbedarf in vielen Unternehmen aber auch.

Welche Rolle spielen Enterprise-Ressource-Programme beim Thema Digitalisierung?

Der Name Enterprise Ressource ist inzwischen überholt. Es geht nicht mehr um die Ressourcen in Unternehmen, sondern um eine geschickte Vernetzung auch über Unternehmensgrenzen hinaus. Das spiegelt auch das Motto des nächsten DSAG-Jahreskongresses im September wider: „Zwischen den Welten – ERP und digitale Plattform“. Klassische ERP müssen sich öffnen, Schnittstellen bilden für Online-Tools und unterschiedliche Clouds. Alle Prozesse und Transaktionen, die nicht zum Kerngeschäft gehören, können schon heute über Cloud Applikationen bezogen oder für Geschäftspartner freigegeben werden. Fest steht schon jetzt: Backend-Prozesse wie die Abrechnung, der Einkauf oder das Reisekostenmanagement werden künftig sicher in spezialisierten Netzwerken oder auf Plattformen organisiert. Doch vielen SAP-Anwendern ist noch nicht klar, weshalb sie auf neue Technologien umsteigen sollten – hier sehen wir viele Themen für den Jahreskongress, aber auch Beratungsbedarf seitens der Anbieter.

Wie könnte das ERP der Zukunft aussehen?

Ich gehe davon aus, dass künstliche Intelligenz (KI) künftig eine wesentliche Rolle in den ERP-Funktionen spielen wird. Routinearbeiten und gleichförmige Aufgaben werde damit an Roboter delegiert, Unternehmensabläufe mit Hilfe von Process Mining visualisiert und damit leichter analysierbar.

Was ist nötig, um ein klassisches ERP in ein intelligentes System umzuwandeln?

Man müsste das ERP befähigen, transaktionelle Prozesse abzulösen. Aussehen könnte das dann zum Beispiel so, dass man KI-Algorithmen einsetzt. Diese könnten unter anderem Menschen ersetzen, die Reports auswerten und danach manuelle Maßnahmen anstoßen. Außerdem könnte KI die Zeiten beenden, in denen Daten aus dem ERP exportiert und in eine Excel-Tabelle zur Auswertung und Weiternutzung importiert werden. Ich glaube jedoch nicht, dass es einen großen Hersteller gibt, der das alles schon stemmen kann.

Allianzen in der Softwareindustrie könnten diese Lücken überbrücken, oder?

Sie sind im Blick auf die Digitalisierung sogar unabdingbar. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, dass sie Standards benötigen, um vernünftig zu digitalisieren. Die Vernetzung muss funktionieren und Daten müssen flexibel austauschbar sein. Durch Allianzen zwischen Anwendern und Softwareherstellern lassen sich hier Potenziale heben – das hat die Historie der DSAG bereits mehrfach gezeigt. Aber auch Allianzen zwischen Softwareherstellern und Startups oder weiteren Programm-Anbietern sind sinnvoll. An runden Tischen lässt sich viel bewegen. Als DSAG fordern wir beispielsweise, was die Digitalisierung anbelangt, die Integration von Komponenten, die über den Standard hinausgehen, auch jene von Nicht-SAP-Plattformen, außerdem eine flexible Struktur, in die Unternehmen auch externe Daten oder Funktionalitäten integrieren und diese in Standardprozesse einbinden können. All das sind Themen, die wir durch unsere Zusammenarbeit mit SAP beeinflussen und auf deren Umsetzung wir im Sinne der Anwender hinarbeiten.

Was muss SAP tun, um den Herausforderungen der Digitalisierung bei seinen Kunden gerecht zu werden?

Zunächst müsste SAP die Rahmenbedingungen anpassen und konsumierbare Preis- und Servicemodelle schaffen. Außerdem sollten Unternehmen sich künftig über eine Plattform die Services unterschiedlicher Anbieter zusammenstellen können. Die Anforderung an SAP besteht darin, Schnittstellen zu öffnen und zu standardisieren, so dass Entwickler spezielle Problemlösungen erarbeiten und anbieten könnten.

Welche Rolle werden Plattformen wie SAP S/4HANA spielen?

SAP S/4HANA ist mehr als nur ein neues Release von SAP. Es bringt neue Funktionalitäten, allerdings werden manche Funktionalitäten nicht mehr ersetzt und fallen weg. SAP S/4HANA ist die Weiterentwicklung der SAP Business Suite und eignet sich zurzeit vor allem für Unternehmen, die ihre Geschäftsprozesse erneuern und digitalisieren, weil sie darin einen Wettbewerbsvorteil sehen. Die meisten Unternehmen legen die Prioritäten zurzeit noch eher auf klassische Projekte rund um das ERP.

Viele Anwender warten ab, bis eine neue Lösung wie SAP S/4HANA vollständig ist, anstatt einzelne Schritte mitzugehen. Der Umstieg auf neue Produkte geht deshalb schleppender voran als erwartet, auch die Digitalisierung wird gebremst. SAP muss verstehen, was ein Kunde an Personentagen in die Restrukturierung bestehender Systeme oder bereits in neue Anwendungen investiert hat. Wenn die Anwender auf neue Lösungen umsteigen sollen, muss die Einführung schneller und einfacher werden. Bisher hat sich die Einführungszeit für ein Release jedoch leider nicht verkürzt.

Was können Unternehmen von der DSAG bei der Digitalisierung von ERP und auf ihrem Weg in die Daten-Cloud erwarten?

Als Plattform bietet die DSAG Mitgliedern einen geschützten Raum und darin die Chance zum Austausch und zur Erweiterung von Sichtweisen. Mitglieder können so ihr Know-how vertiefen und von den Erfahrungen aus anderen Digitalisierungsprojekten profitieren. So entsteht eine ganzheitliche Sicht auf das Thema und durch die Erfahrungen anderer können manche Wege abgekürzt werden. Konkret hat die DSAG einen Leitfaden zur digitalen Transformation erarbeitet, der Anhaltspunkte für die Realisierung von Digitalisierungsprojekten bietet.

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