Recycling mit System

Feature | 20. März 2009 von Hans-Josef Jeanrond 0

Ehrenamtliches Engagement SAP-Mitarbeiter helfen aktiv bei der Verbesserung ihres gesellschaftlichen Umfelds, indem sie soziale Projekte tatkräftig unterstützen.

Besuch beim wohl außergewöhnlichsten SAP-Kunden der Welt. Der „Empfang“ ist auf der Straße. Auf den Bürgersteig vor einer ehemaligen Autowerkstatt hat eine vom Leben gezeichnete Dame einen Stuhl gestellt. Dem Besucher bedeutet sie, heute finde kein Publikumsverkehr statt. Durch das Tor werden aus Lastwagen Gegenstände aller Art hineingetragen: Möbel, Kleider, Spielsachen, Bücher, Geschirr, Elektrogeräte – alles, was man auf einem Flohmarkt erwartet. Morgen, Samstag, ist Verkaufstag.

Charles-Edouard Vincent, Chef der karitativen Einrichtung und früher bei SAP Frankreich tätig, hier für alle einfach „Charlie“, lässt mich dann doch freundlich ein und weist den Weg zu Anne-Sophie (Nachamen sind in der Emmaüs Gemeinschaft unüblich), die sich ehrenamtlich einen Tag in der Woche um Finanzen und Buchhaltung kümmert und das SAP-Business-One-Projekt leitet. Wo einst ein Lastenaufzug Autos in die erste Etage beförderte, klafft in der Decke ein Loch.

Der Zugang zum Büro führt über eine kleine Wendeltreppe, durch die Möbelwerkstatt im Obergeschoss, durch die Toiletten, an Dusche und Waschmaschine vorbei in einen Raum, der mit drei Schreibtischen, PCs, SAP-Server, Drucker und Schränken überfüllt ist.

Hier sitzen die beiden SAP-Anwenderinnen, Anne-Sophie und Valérie, die fest angestellte Buchhalterin, Sekretärin und, wie alle hier, zuständig für vieles, was in keiner Stellenbeschreibung steht. Überdies ist Dominique Génin vom IT-Dienstleister Business Plus zugegen, der das System installiert und die Damen geschult hat – und mittlerweile zum vorwiegend ehrenamtlichen Betreuer geworden ist.

obdachlos

Ein Herz für Obdachlose

Emmaüs Défi ist die jüngste der vielen karitativen Organisationen, die zum Emmaüs-Netz des Abbé Pierre gehören. Der katholische Priester galt jahrelang als bekanntester und beliebtester Franzose. Noch in hohem Alter beteiligte er sich am Kampf um die Öffnung leer stehender Gebäude für Obdachlose. Über ein Gebrauchtwarenhaus innerhalb der Stadtgrenzen von Paris verfügt das Imperium des 2007 verstorbenen Abbé erst seit etwas mehr als einem Jahr.

Der Défi, zu Deutsch „Herausforderung“, besteht in der Wiedereingliederung Obdachloser in ein geregeltes Arbeitsleben. Unterstützt von wenigen hauptamtlichen Kräften und zahlreichen Freiwilligen, sammelt der Verein bei Firmen und Privatpersonen ein, was er im Laden verkauft. Manches wird wieder hergerichtet, die Hauptarbeit aber besteht im Transport zwischen Spendern, Lager und Geschäftsraum. Der Umschlag ist enorm: An manchen Samstagen findet fast die Hälfte der Waren neue Besitzer.

Kein Obdachloser, der hier arbeiten möchte, wird abgewiesen. Das erklärt das rasante Wachstum von zwei betreuten Mitarbeitern bei der Gründung vor einem Jahr auf heute über dreißig. Gebrochene Lebensläufe sind in dieser Belegschaft die Norm. Um das Solidaritätsunternehmen aufzubauen, mussten Angestellte und Helfer neben Engagement auch Organisationstalent mitbringen, Einfühlungsvermögen, Charisma – und die Bereitschaft, zu einem deutlich geringeren Salär zu arbeiten als anderswo.

Wozu dient SAP Business One in dieser unkonventionellen Umgebung? Die verkauften Objekte sind Sachspenden. Kaum eines ist mehrfach vorhanden, keines kann man nachbestellen. Es gibt keinen Einkauf, keinen Lieferanten-, Artikel- oder Kundenstamm. Des Rätsels Lösung lautet: zur Buchhaltung.

Hätte dazu nicht ein Tabellenkalkulator oder ein Buchhaltungsprogramm aus dem Regal gereicht? Mag sein, doch handelt es sich bei Software (drei User), Rechnern und einem Kontingent an Arbeitstagen zur Implementierung ebenfalls um Geschenke – gestiftet von SAP Frankreich. Emmaüs Défi zahlt nur Wartungsgebühren.

Die Anwenderinnen sind zufrieden und sicher ein wenig stolz, in ihrem engen Büro in der Flohmarkthalle mit einem so modernen System zu arbeiten. Anne-Sophie freut sich über die auf Knopfdruck erzeugten Berichte, die die Geschäftssituation klar und zeitnah darstellen. Wichtiger noch ist ihr das Vertrauen, das die professionelle Datenverarbeitung bei Partnern, Geldgebern und staatlichen Stellen schafft. SAP Business One signalisiere: „Diese Organisation ist kompetent geführt, die Verwendung der Gelder nachvollziehbar.“

Allerdings entlockt das strenge Regime der SAP-Software den beiden Damen bei der Buchführung manchen Seufzer. Fehleinträge lassen sich nicht einfach überschreiben; die Korrekturbuchung bleibt sichtbar. IT-Berater Dominique hält „diskrete“ Korrekturen ohnehin für eine schlechte Idee. Charlie und Anne-Sophie haben Business Plus nicht ausgesucht, vielmehr war Dominique Teil des Geschenkpakets von SAP Frankreich. Anne-Sophie beeilt sich aber klarzustellen, dass er für Emmaüs Défi ein Glücksfall sei.

Vor Dominique habe sie noch nie einen Systemingenieur getroffen, der bereit gewesen wäre, die Geschäftsprozesse seines Kunden beim Gang durch die Lagerhalle zu erfragen und mitzuschreiben. Außerdem stehe er mit Rat und Tat zur Seite, obwohl die geschenkten Arbeitstage längst aufgebraucht sind.

Ist dies seine Art, den Namen Business „Plus“ mit Leben zu erfüllen? Als ich den Kramladen verlasse, bedauert Charlie, am Vorabend des Markttags keine Zeit zu einem Gespräch zu haben. Der ehemalige SAP-Mann strahlt: „Ist doch toll, dass wir das System bei uns implementieren konnten. Das bringt eine Menge Vorteile.“ Bis Juni gilt es, ein neues Domizil zu finden. Dann nämlich muss die alte, mietfreie Halle dem sozialen Wohnungsbau und einer Kinderkrippe weichen.

Immerhin: Der Gemeinnutz bleibt erhalten.

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