RFID bringt Mehrwert für den Mittelstand

Feature | 19. September 2005 von admin 0

RFID hat sich von einer Vision zu einem konkreten Technologie-Trend gemausert, dem inzwischen ein hohes Entwicklungs- und Marktpotenzial vorausgesagt wird. Die Marktanalysten von IDTechEx gehen von exponentiell steigenden Wachstumsraten aus. Bis zum Jahr 2015 soll sich der Wert des gesamten RFID-Marktes inklusive der Systeme und Dienstleistungen von derzeit 1,95 Milliarden auf 26,9 Milliarden US-Dollar erhöhen. Vor allem im Konsumgüterbereich, bei Arzneimitteln und Postsendungen sieht IDTechEx künftig eine verstärkte Nachfrage. Nach einer Prognose der Experten von SOREON Research wird sich allein der europäische RFID-Markt bis zum Jahr 2008 versechsfachen und von 400 Millionen Euro (Stand 2004) auf 2,5 Milliarden Euro steigen.

Kosten senken, Produktivität steigern

Die optimistischen Prognosen der Marktforscher gründen sich vor allem auf die umfassenden Einsatzmöglichkeiten dieser Technologie in der Lagerwirtschaft und Kommissionierung und bei der lückenlosen (Rück-) Verfolgung von Produktionsteilen und Chargen. Zu den Vorreitern in Sachen RFID gehören deshalb vor allem Unternehmen aus den Branchen Handel, Waren-Logistik und Industrie, so das kaum überraschende Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Marktforscher von Lünendonk und TechConsult sowie von IDC Central Europe. Laut Steffen Binder, Research Direktor bei SOREON, profitieren derzeit besonders Firmen aus diesen Branchen von den Vorteilen der Technologie.

Nach den Zahlen des VDEB (Verband der EDV-Software- und Beratungsunternehmen) rechnen 34 Prozent der Betriebe, die in RFID investieren, mit Kostensenkungen durch weniger Ausschuss, Verlust oder Falschlieferungen und 66 Prozent mit höherer Produktivität und Effizienz.

Mit den gesetzlichen Vorgaben zur Chargenrückverfolgung, beispielsweise in der Lebensmittelbranche (EU 178/2002), kommt ein weiterer Aspekt ins Spiel, der die Prognosen der Marktbeobachter positiv beeinflusst. Danach müssen Lebens- und Futtermittel über alle Produktions-, Verarbeitungs- und Vertriebsstufen hinweg rückverfolgbar sein. Hier ist die RFID-Technologie viel sicherer und schneller als die manuelle Eingabe. Auch Mittelständler mit eigener Lagerverwaltung, die Waren oder Materialien kommissionieren, also für den späteren Versand zusammenstellen und vorbereiten, bekommen mit RFID einen raschen und transparenten Überblick über die Bestände und ihre exakte Position im Lager. Für solche Unternehmen erweisen sich Investitionen in RFID manchmal auch deshalb als notwendig, weil sie sich „als Zulieferer an die Vorgaben ihrer Geschäftspartner anpassen müssen“, wie Frank Schmeiler, Manager Consultant bei TechConsult, feststellt.
Unabhängig davon ist Steffen Binder überzeugt, „dass Unternehmen angesichts des Kostendrucks generell jede Chance zur Einsparung nutzen müssen. Aber“, so schränkt der Experte ein, „RFID ist eine sehr komplexe Technologie, die nicht allen gleichermaßen hilft.“ Firmen, die mit dem Gedanken spielen, RFID einzusetzen, sollten vorab in jedem Fall detaillierte Wirtschaftlichkeitsanalysen anstellen. Generell bringt RFID Mittelständlern laut Steffen Binder im Wesentlichen drei Vorteile. „Sie sparen Prozesskosten, etwa durch den Verzicht auf manuelle Registrierung oder Barcode-Scanning. RFID reduziert zudem den Warenschwund, wodurch die Sachkosten sinken, und schließlich generieren die Firmen Mehrumsätze, weil leere Lager und Einkaufsregale für sie künftig der Vergangenheit angehören.“

Neue Möglichkeiten für steigende Anforderungen

Gegenüber dem bisher üblichen EAN-128-Barcode haben die so genannten Smart Chips oder Tags deutlich erweiterte technische Möglichkeiten, um Produktinformationen zu speichern, auszulesen und eindeutig zu identifizieren. Die Tags sind überdies sehr widerstandsfähig gegenüber äußeren Einwirkungen, etwa beim Transport oder bei der Reinigung von Behältern. Hinzu kommt ihre im Vergleich zu dem EAN-128-Etikett deutlich größere Flexibilität. Daten, die auf aktive RFID-Tags geschrieben sind, lassen sich auch nachträglich ändern beziehungsweise berichtigen. Den steigenden Anforderungen, was die Rückverfolgung von Produktionsteilen, Medikamenten oder Lebensmitteln angeht, trägt ihr weit höheres Speichervolumen Rechnung.
Die sechs wichtigsten Einsatz-Bereiche von RFID sind:

  • Management von Behältern und Ladeeinheiten: RFID-Tags ermöglichen die Identifizierung jedes einzelnen Behälters und jeder Ladeeinheit (beispielsweise Paletten).
  • Wareneingang/Warenausgang: Die RFID-Technologie unterstützt den Wareneingang und die Kommissionierung innerhalb eines Lagers.
  • Supply Chain/Handel: Hier sichert die Transpondertechnik die lückenlose Rückverfolgbarkeit in der Nahrungsmittelindustrie. Der Inhalt eines Kartons oder einer Palette lässt sich automatisch auslesen, ohne dass die Verpackung geöffnet werden muss.
  • Fertigungskontrolle/Materialflussüberwachung: Einzelne Arbeitsprozesse werden identifiziert und überwacht. Durch die Fortschreibung kann jederzeit festgestellt werden, an welcher Stelle in der Fertigung sich ein Produkt gerade befindet.
  • Sendungsverfolgung: Sie vereinfacht die Dokumentation des Gefahrenübergangs zwischen mehreren Beteiligten in der Logistikkette und vermeidet Fehler bei der Zustellung.
  • Temperaturüberwachung: Transponder überwachen die Kühlkette von Lebensmitteln oder Medikamenten, beispielsweise in der Frischelogistik oder beim Transport und der Lagerung von medizinischen Produkten sowie temperaturempfindlichen Chemikalien.

Straffe Wertschöpfungsketten, schneller ROI

Laut SOREON Research verspricht RFID die größten Vorteile im Behältermanagement. In einem Fallbeispiel stattete ein Unternehmen seine über 5.000 Behälter, die zum Transport von Bauteilen im Werk eingesetzt werden und in einem werksinternen Kreislauf zirkulieren, mit Transpondern aus. Als Return on Investment (ROI) über einen Zeitraum von drei Jahren errechnete SOREON einen Wert von 364 Prozent. „Durch RFID lassen sich hauptsächlich die Prozesse bei der Kennzeichnung und wiederholten Identifizierung der Behälter massiv verkürzen und optimieren, da es keine Barcode-Labels mehr gibt, die manuell eingescannt werden müssen“, begründet SOREON-Analystin Melanie Henke die hohen Einsparungen.
Ein weiteres Beispiel ist die Automobilindustrie. Autos entstehen heute in komplexen Wertschöpfungsnetzwerken. Die Fertigungstiefe nimmt ab, einzelne Produktionsbereiche (zum Beispiel die Teilefertigung) werden zunehmend auf mittelständische Zulieferfirmen verlagert, für die dadurch der Innovations- und Qualitätsdruck steigt. Hier kann RFID als Basistechnologie dienen, um manuelle Lesevorgänge abzulösen, einzelne Teile innerhalb der Wertschöpfungskette lückenlos (rück-)verfolgbar zu machen, ihre Echtheit zu garantieren sowie Auftragsdaten oder Montageanleitungen zu speichern. Damit werden Materialflüsse optimal gesteuert und dokumentiert. Das erhöht das Einsparpotenzial und schafft Wettbewerbsvorteile. Auch im After-Sales-Bereich, etwa bei Werkstätten, können Kosten gesenkt werden, wie SOREON Research anhand eines Beispiels errechnete: Selbst wenn nur ein geringer Prozentsatz der defekten Teile, die zu Reparaturzwecken identifiziert und bestellt werden müssen, mit RFID gekennzeichnet wäre, könnte eine mittelständische Werkstatt bereits im zweiten Jahr die Kostendeckung erreichen und über drei Jahre hinweg einen ROI von 102 Prozent erzielen.

Keine Eile

Allerdings warnt Steffen Binder davor, RFID überhastet einzuführen. „Es besteht überhaupt kein Anlass zur Eile, denn vieles wird noch getestet und damit erst mittelfristig wirtschaftlich sinnvoll zu nutzen sein. Kleinere und mittlere Firmen sollten zunächst mit überschaubaren Pilotprojekten, Testreihen oder Ähnlichem beginnen.“ Dass die künftigen RFID-Anwender diesen Rat beherzigen, bestätigt eine Untersuchung von IDC Central Europe unter mehr als 600 Unternehmen in Deutschland. Demnach wollen 53 Prozent der Befragten, die planen, RFID einzuführen, im Jahr 2005 weniger als 100.000 Euro ausgeben. Weitere 26 Prozent beabsichtigen, zwischen 100.000 und 249.999 Euro zu investieren. Diese Ergebnisse sind laut Martin Haas, Consulting Director bei IDC Central Europe, „als Indiz dafür zu werten, dass die Anwenderunternehmen eher mit kleineren Projekten starten.“
Die Einführung eines RFID-Systems ist ein wichtiger Schritt in Richtung transparenter Lieferketten. Erreicht wird dieses Ziel aber erst, wenn die gelieferten RFID-Prozessinformationen auch mit Backend-Systemen, zum Beispiel einem ERP- oder SCM-System, verknüpft und dort verarbeitet werden. SAP hat deshalb das Thema RFID bereits früh aufgegriffen. Welche RFID-Pakete und Zusatzlösungen die SAP und ihre Partner speziell für Mittelständler liefern, lesen Sie im nächsten Artikel.

Weitere Informationen:

Allgemeines: www.bitkom.org/files/documents/White_Paper_RFID_11.08.2005__final_.pdf
Der Branchenverband stellt ein ausführliches RFID-Whitepaper mit dem aktuellen Diskussionsstand zur RFID-Technologie (August 2005) sowie zahlreichen Literaturangaben und Links zum Download bereit.
Studien: www.idtechex.com/products/en/articles/00000136.asp, www.idc.de, www.luenendonk.de, www.soreon.de, www.vdeb.de
SAP AG: www.sap.de/rfid und www.sap.com/rfid

Dr. Andreas Schaffry

Dr. Andreas Schaffry

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