“RFID: Viel Intelligenz direkt in der Lagerhalle”

Feature | 3. Mai 2004 von admin 0

Warum ist RFID ein Thema?

Fleisch: RFID und verwandte Bereiche wie Ubiquitous Computing sind der nächste logische Schritt in der betrieblichen Informationsverarbeitung. Bisher wurden inner- und überbetrieblich Rechner integriert. Jetzt gilt es, die reale Welt zu integrieren. Produkte, die in ein Lager kommen, müssen heute direkt mit den Servern kommunizieren. Mit RFID steht erstmals eine Technik zur Verfügung, die die Macht hat, diese Kommunikation zu standardisieren.

Wer sind hier die großen Vorreiter?

Fleisch: Das sind Handelsketten wie WalMart, Gilette, Metro oder Tesco, aber auch die Automobilindustrie mit innerbetrieblichen Closed-Loop-Anwendungen. Hier gibt es bereits zahlreiche Anwendungen bei nahezu jedem Autobauer. Daneben wären überbetriebliche Anwendungen zu nennen, die Informationen mit Zulieferern über RFID-Tags austauschen. Ein Beispiel: Die Produktion von Autotüren für VW. Um diese zu liefern, sind spezielle Gestelle nötig, in denen die Türen für den Transport zwischengelagert werden. Bisher wusste niemand, wo genau sich diese Gestelle befinden oder wie viele davon im Umlauf sind. Heute werden diese Gestelle in groß angelegten Projekten mit RFID-Tags ausgestattet und gesteuert. Das gleiche gilt im Übrigen für die Transportwagen am Flughafen, der Airport Wien hat ein entsprechendes Projekt gestartet.

Wer ist der Treiber im Bereich Standardisierung?

Fleisch: Der richtige Nachdruck kam 1999 mit der Gründung des Auto-ID-Centers am Massachusetts Institute of Technology in Boston. Gründungsunternehmen sind beispielsweise auf Seiten der Anwender WalMart oder Gilette, auf Seiten der Anbieter Phillips, SAP oder Intel. Insgesamt sind über 100 große Unternehmen aus der IT-Branche beteiligt. Mittlerweile gibt es sechs Auto-ID-Labs, eines davon am Institut für Technologiemanagement der Uni St. Gallen. Die in den Labs aufgesetzten Standards wurden zusammen mit Universitäten weltweit weiterentwickelt. Die Labs legen fest, welche Information der RFID-Tag enthält. Es handelt sich bei dem Standard um einen EPC-Code, mit dem sich im Gegensatz zum Barcode nicht nur Klassen abbilden lassen – jede Mineralflasche hat die gleiche Nummer – sondern auch Instanzen, so dass jede Flasche ihre eigene Nummer hat. Die Labs suchen zudem nach Verfahren, RFID-Tags herzustellen, die nur fünf Cent kosten, beschäftigen sich mit der Standardisierung der Luftschnittstelle zwischen dem RFID-Tag und dem Lesegerät und arbeiten an Spezifikationen für das Netzwerk, in dem sich die EPC-Codes mit IP-Adressen verknüpfen lassen. Zur Vermarktung wurde das Unternehmen “EPC Global” gegründet, eine hundertprozentige Tochter von EAN und UCC. EAN/UCC ist die weltweit größte Organisation für Produktnummerierung.

Wie sieht eine klassische RFID-Installation technisch aus?

Fleisch: Ein Beispiel wäre ein Server, der bei Wareneingängen und Qualitätskontrollen alle Ereignisse aufzeichnet. Passiert eine Palette mit 100 Kisten die Schranke, so registriert der Server 100 Ereignisse. Die Informationen werden bereinigt, nur die relevanten Daten gehen über Netze weiter an die nachgelagerten Systeme. Die dafür nötigen Softwarekonzepte wurden im Open-Source-Verfahren in den Auto ID-Labs entwickelt. Im Grunde handelt es sich hierbei um ein Event-Management-System. Die Lösung erkennt nicht nur, dass eine Box mit einem Code ankommt, sondern entscheidet auch gleich, was sie mit dieser Information macht, wenn beispielsweise die gelieferte Ware gar nicht bestellt wurde. Das ist ein Echtzeit-Prozess, mit viel Intelligenz direkt in der Lagerhalle.

Wer verkauft eine solche Lösung?

Fleisch: Wir haben in den Auto-ID-Labs vorentwickelt, wie eine entsprechende Lösung aussehen muss. Dieses Konzept haben die Softwareunternehmen aufgenommen. Beispielsweise SAP, die die Auto-ID-Infrastruktur in SAP NetWeaver abbildet – im dritten oder vierten Quartal dieses Jahres sollen entsprechende Produkte auf den Markt kommen. Als zweites Unternehmen in der EU macht sich Infineon im Bereich RFID stark. Infineon hat in München eine RFID-Unit gegründet, die nicht nur die Chips verkauft, sondern auch Software. In den USA ist in diesem Bereich der MIT-Ableger Oats System mit dem Produkt “Savant” zu nennen. Daneben gibt es viele andere kleine Unternehmen, wie etwa Intellion in St. Gallen.

In welchem Bereich werden RFID-Anwendungen am meisten nachgefragt?

Fleisch: Bisher waren das innerbetriebliche Anwendungen in der Produktion beziehungsweise in der Lieferkette. Hier wird nach wie vor mit unzuverlässigen Daten gearbeitet. Wenn die Daten genau den Stand der vorhandenen Materialien wieder spiegeln, funktioniert die Lieferkette besser. Heute sind 30 Prozent aller Stamm- und Bewegungsdaten, auf deren Basis die Lieferkette abläuft, falsch, weil die verwendete IT nicht weit genug greift. Ein einfaches Beispiel: Wenn die Kassiererin im Supermarkt eine Flasche Cola und eine Flasche Sprite und eine Flasche Fanta summarisch als drei Flaschen Cola abrechnet – schließlich haben alle den selben Preis – stimmt das Warenwirtschaftssystem nicht mehr. Daher die Idee, mit RFID die Daten genauer zu machen.

Quelle: Das Interview führte Konrad Buck, freier Journalist für Euroforum, im Vorfeld der Handelsblatt-Tagung “RFID – Potentiale, Praxiseinsatz, Hürden und Chancen der Transpondertechnologie”.

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