RFID zum Anfassen

Feature | 6. September 2006 von admin 0

Vanderlande Industries entwickelt Lösungen für Lager und Distributionszentren, Express- und Paketdienste, für das Gepäckhandling und die Fertigungsbranche. Außerdem produziert das Unternehmen Sortiersysteme, etwa den Cross-Sorter, der in erster Linie in großen Distributionszentren und Expressdiensten eingesetzt wird. Der Cross-Sorter identifiziert die Produkte anhand der Barcodes auf den Paketen und Kisten und leitet sie zum richtigen Ausgang. Um die Materialflusssysteme in Distributionszentren, auf Flughäfen und in Sortierzentren zu automatisieren, bindet Vanderlande seit einiger Zeit RFID-Daten in seine Prozessmanagementsoftware ein.
Aus diesem Grund interessierte sich das Unternehmen sehr dafür, wie sich das volle Potenzial der RFID-Technologie für diese Art von Cross-Docking-Vorgängen entfalten lässt. Gemeinsam mit Capgemini machte man sich daran, die Auswirkungen auf die verschiedenen Softwaresysteme – Back-Office- und Cross-Docking-Lösungen – zu untersuchen. Außerdem wollte Vanderlande auf Anfragen von Kunden zum Thema RFID-Unterstützung für die Sortiersysteme vorbereitet sein. Capgemini wiederum zog SAP zu Rate, um zu klären, inwieweit der Softwarehersteller beim Einrichten des Systems und beim Aufbau einer Plattform behilflich sein könnte. Diese Plattform sollte sowohl den beteiligten Partnern als auch den Kunden als Anschauungsobjekt für eine RFID-Anwendung dienen. Das im Oktober 2004 gemeinsam erstellte Konzept wurde Ende Januar 2005 in Angriff genommen.

Brückenschlag zwischen Theorie und Praxis

Die Partner

Die Partner

In nur zweieinhalb Monaten wurde das RFID Experience Center eingerichtet und am 14. April 2005 in Veghel eröffnet. Es führt die Potenziale der RFID-Technologie unter den realen Bedingungen eines Distributionszentrums vor und ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen SAP, Capgemini, Vanderlande, Tyco, Intel, Philips und HP. Gemeinsam möchten diese Unternehmen demonstrieren, wie die RFID-Technologie den Logistikprozess verändert. Die beteiligten Partner bringen jeweils unterschiedliche Fachkenntnisse und Kompetenzen ein: SAP ist für Software und Support zuständig, Vanderlande liefert die Sortieranlage und stellt das Areal zur Verfügung und Capgemini übernimmt die SAP- und RFID-Beratung sowie das Projektmanagement. Von Tyco stammen die RFID-Lesegeräte, und Intel hält die RFID-Middleware-Lösung von noFilis bereit. Die Tags, die auf der Chiptechnologie von Philips basieren, kommen von UPM Raflatac und Philips, und HP stellt die Server.
Das Zentrum soll die Kluft zwischen Theorie und Praxis überbrücken und bietet ein Portfolio aus Beratung, Technologie und Outsourcing-Services. Die Besucher finden hier ein vollständiges Cross-Docking-Distributionszentrum vor, in dem sie jeden Schritt eines exemplarischen Logistikprozesses nachvollziehen. Das Anwendungsbeispiel führt ihnen vor Augen, wie ihr eigenes Unternehmen von RFID profitieren könnte: Anhand eines Beispiels aus der eigenen Praxis werden den Besuchern die Vorteile – höhere Produktivität, bessere Qualität, Verringerung des Altbestands und Reduzierung der Bestände – aufgezeigt und mögliche Probleme, die eventuell durch Faktoren wie Flüssigkeiten oder Metalle entstehen, da diese die Leserate beeinträchtigen, verdeutlicht. Auch Tests mit eigenen Produkten der Kunden lassen sich durchführen. Die Besucher erörtern anschließend in der Gruppe das Ergebnis für ihr spezifisches Geschäftsszenario. “Die Implementierungspartner profitieren, weil sie hier Marktpräsenz zeigen und der RFID-Technologie in Branchen wie dem Einzelhandel, der Fertigung und der Logistik zum Durchbruch verhelfen können”, erläutert Ard Jan Vethman, Global RFID Lead bei Capgemini. “Nur wenn ein Kunde sieht, wie sich Qualität, Effizienz und Transparenz unter realen Bedingungen vereinen, beginnt er darüber nachzudenken, was das für sein eigenes Unternehmen bedeutet.”

Technologie mit durchschlagendem Erfolg

Der Cross-Sorter

Der Cross-Sorter

Das Zentrum informiert Kunden und Interessenten: Wie funktioniert die RFID-Technologie? Wie wird RFID in eine SAP-Anwendung, etwa mySAP ERP mit SAP Logistics Execution System (SAP LES), integriert? Wie sieht die Kosten-Nutzen-Analyse für RFID aus? Die Partner laden regelmäßig zu einer kostenlosen, halbtägigen Veranstaltung ein, in deren Rahmen sie die neuesten Informationen zur RFID-Technologie vorstellen, Kosten und Nutzen aufzeigen und die Technologie vorführen. Normalerweise werden zu Beginn der Veranstaltung die generellen Vorteile erörtert und diese dann an den Geschäftsprozessen der Kundenunternehmen überprüft. Im Anschluss folgt eine Diskussion über die Bereiche, die für die einzelnen Kunden von Interesse sind. So gewinnen die Besucher einen Einblick in die spezifischen Vorteile und Herausforderungen sowie in Probleme und Lösungsmöglichkeiten. Einige Unternehmen haben das Ergebnis dieses Gesprächs zum Beispiel genutzt, um die möglichen Auswirkungen einer RFID-Implementierung intern zu prüfen.
Im Innovation Center sind zu Testzwecken verschiedene Materialflussanlagen aufgebaut. An der zirka dreißig mal vierzig Meter großen Sortieranlage wird dem Kunden ein vollständiger Cross-Docking-Prozess vorgeführt. Hier passieren zwei Paletten mit Waren von zwei unterschiedlichen Lieferanten ein Eingangstor. Die RFID-Tags werden ohne menschliches Zutun gelesen und in die SAP Auto-ID Infrastructure (SAP AII) übertragen. Diese verarbeitet die empfangenen Daten in Echtzeit und verknüpft sie direkt mit den Geschäftsprozessen. Bei einer Leserate von hundert Prozent werden die Waren als Wareneingang in der SAP-Hauptanwendung erfasst. Beträgt die Leserate weniger als hundert Prozent, leitet der zuständige Mitarbeiter die Waren zurück zum Wareneingangstor.
Auf Grundlage der eingetroffenen Waren werden drei Kundenaufträge erstellt und anschließend eine Kommissionierwelle angelegt. Diese wird über die SAP NetWeaver Exchange Infrastructure (SAP NetWeaver XI) an die Cross-Docking-Software von Vanderlande weitergeleitet. Bei der Kommissionierwelle handelt es sich um eine Gruppe von Kundenaufträgen, die in einem Durchlauf kommissioniert werden müssen. Ein Angestellter bringt die Waren zum Zuführbereich der Sortiermaschine und legt sie auf das Band, wo ein RFID-Lesegerät die Waren scannt. Anhand des RFID-Codes erkennt die Cross-Docking-Software die einzelnen Posten und verknüpft sie mit dem dazugehörigen Kundenauftrag. Da jedem Kunden ein eindeutiger Ausgang – auch Rutsche genannt – zugeordnet ist, weiß die Software, wohin die Waren gehören. Nachdem sie sortiert sind, packt ein Mitarbeiter sie auf einen Rollcontainer, der ebenfalls mit einem Tag versehen ist, und bestätigt den Vorgang an der Rutsche. Daraufhin sendet die Cross-Docking-Software über eine SAP-XI-Schnittstelle eine Packbestätigung an mySAP ERP und SAP AII. Außerdem wird über die RFID-Tags festgehalten, welche Waren für welche Kunden sich in welchen Containern befinden. Am Ende der Vorführung geht die Besuchergruppe durch das Tor, an dem die Waren für den Versand in den LKW geladen werden. Wenn der Container das Tor passiert, erfolgt der Warenausgang, die Rechnung wird versandt. Darüber hinaus erhält der Kunde ein Lieferavis mit den RFID-Daten. Alle diese Vorgänge werden über die SAP-Software gesteuert.

Ein ereignisreiches Jahr

Zufuhr der Sortieranlage mit RFID-Lesegerät

Zufuhr der Sortieranlage mit RFID-Lesegerät

Seit der Eröffnung im April 2005 haben mehr als zweihundert Kunden das Zentrum besucht. “Von diesen zweihundert arbeiten derzeit etwa zwanzig mit RFID. Dabei verwenden sie Komponenten verschiedener Hersteller, einschließlich der Firmen, die das Experience Center eingerichtet haben. Derzeit führen wir mit etwa zwanzig weiteren Kunden Gespräche darüber, wie wir in die nächste Phase übergehen können”, berichtet Ard Jan Vethman. Verschiedene Upgrades bringen das Zentrum, das inzwischen nicht mehr wie ein Provisorium erscheint, sondern den Charakter einer dauerhaften Einrichtung hat, immer wieder auf den neusten Stand. So wurden beispielsweise Ultra-High-Frequency-(UHF)-Tags eingeführt, die den Prozess zuverlässiger und schneller machen. Der Wechsel auf die Etiketten der zweiten Generation dauerte ungefähr drei Wochen. Dabei wurden gleichzeitig auch andere Dinge verbessert, etwa die Leserate oder die Echtzeit-Anzeige auf einem mobilen Datenerfassungsgerät.
Dank der Aktualisierung auf Generation-2-Tags werden jetzt Etiketten und Lieferungen ohne zusätzliche manuelle Identifikation vom System erkannt. Darüber hinaus haben Intel und noFilis eine gemeinsam erarbeitete Lösung implementiert, die das Management des Lesegeräts verbessert. “Wir führen jetzt eine RFID-Lösung vor, die sich schrittweise einführen lässt und sich sehr positiv auf die Geschäfte unserer Kunden auswirken könnte. Die Kunden erkennen das und sind sehr angetan von den Zusatzinformationen, die sie im RFID Experience Center erhalten”, erläutert Vethman.
Erst kürzlich wurde eine Lösung mit einem mobilen Handgerät implementiert, sodass die Mitarbeiter nun in der Lage sind, Fehler – beispielsweise eine unvollständige Lieferung – selbst zu beheben. “Wir lüften das Geheimnis um RFID, damit die Technologie für unsere Kunden real wird, und zeigen das volle Potenzial der RFID-Lösungen auf. Damit gelingt es uns, den Kunden die wirklichen Vorteile von RFID für ihr Unternehmen nahezubringen”, sagt Ard Jan Vethman.

Frank Wammes

Frank Wammes

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