Einkaufen mit Radiowellen

Feature | 4. Juli 2007 von admin 0

Ein „Berater für Ernährung und intelligentes Einkaufen“: Wie ist die Idee dazu entstanden?

Hellenschmidt: BERNIE ist ein Prototyp im Rahmen der Fraunhofer-Initiative für intelligente Produkte und Umgebungen. Ihr Ziel ist es, Technologien zu erforschen und zu entwickeln, die den Menschen in Alltagssituationen unterstützen. Im Rahmen dieser Initiative ist in unserer Abteilung die Idee entstanden, das Einkaufen im Supermarkt – eine völlig alltägliche Handlung – unter dem Aspekt der Gesundheit zu erleichtern. Dafür wollten wir einen „intelligenten“ Einkaufswagen schaffen, der dem Kunden beratend zur Seite steht.

Welche technische Ausstattung braucht ein solcher Einkaufswagen?

Hellenschmidt: Wir haben ein System gesucht, das möglichst wenig eigene Aktion des Anwenders erfordert, denn die Technik soll den Alltag ja erleichtern und nicht erschweren. Barcodes oder Scanner einzusetzen war damit von vornherein ausgeschlossen. Wir wollten vielmehr, dass die Technik unmittelbar assistiert − ganz nebenbei, während der Kunde den Einkaufswagen belädt. Dazu braucht es eine Technologie, die kontaktlos ist und über eine gewisse Reichweite verfügt. RFID bot sich also an. Wir haben daher einen Einkaufswagen mit der nötigen Elektronik, einem RFID-Lesegerät und einer RFID-Antenne, ausgestattet und die Waren mit passiven RFID-Etiketten versehen.

Um was für eine Art von „Sender“ handelt es sich dabei?

Hellenschmidt: Passive RFID-Etiketten sind keine Sender im herkömmlichen Sinne. Wird ein passives Etikett durch eine Antenne von außen angeregt, „schwingt“ es seine Informationen als Antwort zurück. Für BERNIE verwenden wir das UHF-Frequenzband von 865 bis 869 MHz. Die nötige Software ist in Java programmiert und kann damit relativ einfach auf unterschiedlichen Endgeräten wie PDAs oder javafähigen Mobiltelefonen laufen. In der Regel besitzt jedes RFID-Etikett eine eindeutige ID und einen gewissen Speicherplatz − wir hatten 96 Bit −, der sich frei beschreiben lässt.

Welche Informationen bekommt der Kunde?

Hellenschmidt: In unserem Fall haben wir diesen Speicherplatz mit einer bitweise kodierten Auswahl der Zutatenliste verschiedener Nahrungsmittel gefüllt. Konkret waren dies die Bestandteile Alkohol, Weizen, Milch und Milcheiweiß sowie Fleisch. Unser Prototyp unterstützt also genesende Alkoholiker, Menschen mit Gluten- und/oder Milcheiweiß-Allergien und Vegetarier.

Auf der CeBIT haben Sie einen Laptop auf dem Einkaufswagen montiert. Wie könnte die Lösung in einem Supermarkt aussehen?

Hellenschmidt: Als Empfänger verwenden wir eine herkömmliche Antenne im Frequenzbereich 865 Mhz, die es in vielen Bauformen gibt. Für die CeBIT haben wir uns für die „wuchtige“ Lösung entschieden, um dem Publikum den Versuchsaufbau klar zu demonstrieren und direkt in technische Diskussionen einsteigen zu können. In der endgültigen Umsetzung würde die Antenne unsichtbar in den Einkaufswagen integriert sein. Anstelle des Laptops genügte ein kleines Display am Griff des Einkaufswagens.

Für welche Zielgruppe ist das Projekt gedacht?

Hellenschmidt: Diese Technik ist für Menschen konzipiert, die aus gesundheitlichen, religiösen oder ideologischen Gründen auf die Inhaltsstoffe von Lebensmitteln achten müssen. Letztendlich haben wir also den Endverbraucher im Auge. Für die eigentliche, technische Umsetzung von BERNIE spielen hingegen vor allem andere, vorgeschaltete Zielgruppen eine Rolle: die Nahrungsmittelhersteller und Supermarktketten.

Wie ist der aktuelle Stand der Forschung und Entwicklung?

Hellenschmidt: Von Seiten der Forschung ist das meiste getan. Jetzt muss an der Miniaturisierung gearbeitet werden und zugleich an Benutzerevaluationen und der Marktdurchdringung. Um ein Beispiel zu nennen: Zehn bis 20 Prozent der Bevölkerung leiden an einer Laktose-Intoleranz, eine von 500 Personen verträgt kein Gluten. Diese Menschen würden von BERNIE profitieren. Je bekannter solche Zahlen werden, desto deutlicher wird der Nutzen von BERNIE und desto spezifischer würden wir die Informationen auf den Etiketten ausweisen. Gleichzeitig gilt es, weiter Aufklärungsarbeit zu leisten, weil die RFID-Technologie bei vielen Menschen unnötige Bauchschmerzen hervorruft.

Mit welchen Ängsten werden Sie da konfrontiert?

Hellenschmidt: Das sind in der Regel sehr vage Befürchtungen. „Ich will nicht verfolgt werden“, ist eine typische Aussage. Oder: „Dann weiß ja mein Nachbar, was ich im Kühlschrank habe.“ Es gibt eine Studie der Humboldt-Universität Berlin, die sich mit diesen Ängsten befasst. Darin werden unter anderem „Angst vor dem Kontrollverlust“ und „Verfolgbarkeit“ genannt.

Was entgegnen Sie diesen Leuten?

Hellenschmidt: Hier muss vor allem die Technik näher erläutert werden. Ein RFID-Etikett hat selbst dann nur eine geringe Reichweite, wenn sich zwischen Antenne und Etikett nichts als Luft befindet. Schon eine Wand blockt die Datenübertragung ab. Außerdem müsste man den konkreten Nutzen besser hervorheben. Die Leute müssen erkennen, welchen Mehrwert sie durch ein System wie BERNIE haben: Eine Haselnuss im Frühstücksmüsli kann für einen Allergiker zur Lebensgefahr werden. Ob eine Praline mit Alkohol hergestellt wurde oder nicht – das ist doch eine wichtige Information für einen trockenen Alkoholiker. Milcheiweiß, Gluten, Fisch … es gibt so viele Stoffe, auf die manche Menschen allergisch reagieren. BERNIE könnte ihnen eine Entscheidungshilfe beim Einkauf bieten − und ihnen das Leben ein bisschen leichter machen.

Welche Erfahrungen bringen Sie von der CeBIT mit?

Hellenschmidt: Auf der CeBIT haben wir sehr viel Zuspruch von „normalen“ Menschen erfahren, die keine großartigen technischen Vorkenntnisse hatten. Sie waren von der Idee und ihrer Ausführung begeistert. Ich sah mich da eher in die Rolle gedrängt, begründen zu müssen, warum es BERNIE noch nicht auf dem Markt gibt.

Und wie geht es weiter?

Hellenschmidt: Es gab auf der CeBIT erste Gespräche mit mehreren Supermarktketten, die jetzt weitergeführt werden müssen. Wenn sich das positiv entwickelt, werden wir den BERNIE-Prototypen in ausgewählten Supermärkten testen. Pro Einkaufswagen muss allerdings mit Kosten von ungefähr 1.500 Euro gerechnet werden, dazu kommt noch die Ausstattung der Nahrungsmittel mit RFID-Etiketten und deren Beschreibung mit Informationen.

Angenommen ein Produkt ist falsch kodiert und liefert falsche Informationen. Der Kunde greift zu und erleidet einen allergischen Schock. Wie sehen Sie das Problem der Haftung?

Hellenschmidt: Ich bin kein Jurist, aber genau dieser Punkt könnte die Verbreitung einer solchen Technologie verhindern. Der Supermarkt würde ja – als Stellvertreter des Herstellers – garantieren, dass ein Nahrungsmittel dem Käufer nicht schadet. Genau an dieser Schnittstelle, Nahrungsmittelproduzent – Supermarkt, setzen wahrscheinlich die juristischen Fragen ein.

Wer entscheidet, ob er BERNIE nutzen will: der Supermarkt oder der Hersteller, der die Verpackung entsprechend ausstattet?

Hellenschmidt: Der Supermarkt müsste die Einkaufswagen samt Software bereitstellen, und alle Nahrungsmittelhersteller müssten sich verbindlich auf eine einheitliche Beschreibung ihrer Produkte bezüglich der Inhaltsstoffe einigen. Ein entsprechender Vorstoß des Gesetzgebers würde die Sache beschleunigen. Theoretisch könnte BERNIE in sechs bis zwölf Monaten umgesetzt werden. In der Praxis müssen sich dann Industrie, Handel und Gesetzgeber einig werden. Doch die Erfahrung lehrt, dass hier hohe Hürden gesetzt sind. Daher dürfte die Umsetzung noch geraume Zeit auf sich warten lassen.

Welche Vorteile hätte ein Supermarkt von der Technologie?

Hellenschmidt: Ein Supermarkt, der sich für BERNIE entscheidet, würde sich natürlich als Vorreiter erweisen. Das kann ein gewaltiger kommerzieller Vorteil sein, gerade im Hinblick auf das gestiegene Qualitätsbewusstsein vieler Verbraucher in puncto Ernährung.

Wie bewerten Sie den Stellenwert der RFID-Technologie, wo sind ihre Stärken und Schwachstellen?

Hellenschmidt: Verglichen mit Barcodes oder vergleichbaren Technologien macht RFID viel mehr Informationen innerhalb derselben Zeit ohne zusätzliche Handgriffe zugänglich. Für die Logistik und die „Intelligenz“ innerhalb der Lieferkette ist das unschätzbar.

Schwächen sehe ich derzeit in zwei Bereichen. Der eine ist der Kostenfaktor: Schon passive Etiketten kosten derzeit mehrere Cent. Aktive Etiketten sind sogar noch teurer, weil sie über eine eigene Stromversorgung mittels Batterie verfügen. Das andere Problem ist technischer Natur: Die Reichweite der passiven Etiketten liegt, wie schon erwähnt, bei nur wenigen Metern. Auch Abschirmeffekte von beispielsweise Wasser oder Glas sind ein Handikap, denn die RFID-Technologie basiert auf elektromagnetischen Wechselfeldern. Diese Probleme werden sich aber in der nächsten Zukunft lösen lassen. Und durch geschickte Settings − das heißt durch die Erhöhung der Anzahl der RFID-Antennen oder die Ausstattung des Nahrungsmittels mit mehr als nur einem RFID-Etikett − gehören sie bereits heute fast der Vergangenheit an. Das treibt zwar zunächst die Kosten wieder in die Höhe, aber durch Massenproduktion oder modernere Herstellungsverfahren − es gibt beispielsweise Versuche, RFID-Etiketten zu drucken − ließen sich diese wieder eindämmen.

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