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Roboter oder Mensch: Wessen Job ist es eigentlich?

Feature | 20. Dezember 2017 von Jacqueline Prause

Zukunftsforscher diskutieren zum Thema Roboter am Arbeitsplatz: In einer Welt voller moderner Roboter, was wird da unsere Bestimmung als Mensch sein?

Die Schlagzeilen zeichnen ein düsteres Bild: Sicherheitsroboter ertränkt sich im Springbrunnen. Die Fotos von dem tragischen Unfall sind beunruhigend und verwirrend – eine gruselige Melange aus Science Fiction und Krimi im Stil des Film noir.

Steve war der Name des Roboters, der sich verirrt hatte. Bis zu seinem vorzeitigen Tod war er in Washington als Sicherheitsroboter tätig. Er patrouillierte im Bürokomplex Washington Harbor durch die Gänge und Kaffee-Ecken. Und gelegentlich pausierte er für ein Selfie mit einem netten Angestellten. Als Sicherheitsroboter des Modells K5 war Steve vom Start-up Knightscope entwickelt worden, um Bedrohungen in der Umgebung zu erkennen. Ausgestattet war er mit Videokameras, Wärmebildtechnik, Näherungssensoren, GPS, Mikrofonen, Lichterkennung und Abstandsmessung. Man hielt ihn für zuverlässiger als einen menschlichen Wachmann und er arbeitete für eine Mietgebühr von sieben Dollar pro Stunde. Doch eines Tages tauchte Steve einfach im Springbrunnen des Bürogebäudes ab und „beging Selbstmord“. Aber warum tat er das?

Und vor allem: Was sagt uns diese Tech-Tragödie über die künftige Arbeit mit Robotern? Sollten Roboter überhaupt eingestellt werden? Und wenn ja, welche Jobs sollten an Roboter vergeben werden?

In der neuesten Folge der SAP-Internet-Radioshow Coffee Break with Game-Changers diskutierten zwei bekannte Zukunftsforscher diese Fragen: Kai Goerlich, Chief Futurist bei SAP und Gray Scott, Futurist bei GrayScott.com. Moderiert wurde die Gesprächsrunde von Bonnie D. Graham.

Hier eine Zusammenfassung der Aussagen und provokanten Äußerungen aus der einstündigen Sendung. Die vollständige Aufzeichnung der Folge Robots at Work: Whose Job Is It Anyway? steht ebenfalls zur Verfügung.

Was ist Ihrer Meinung nach wirklich mit dem Roboter Steve passiert?

Gray Scott: Ich denke, es war höchstwahrscheinlich nur ein Coding-Fehler oder vielleicht ein Hardwareproblem. In dieser Situation ist er über etwas gestolpert und hingefallen. Ich kenne die Details dieses speziellen Falls nicht, aber für mich ist klar: Wenn diese Maschinen in Zukunft auf Selbsterhaltung programmiert werden und wissen, dass Wasser sie zerstören kann, dann werden sie alles in ihrer Macht stehende tun, um solche Situationen zu vermeiden.

Kai Goerlich: Die Robotik steckt noch in den Kinderschuhen – oder zumindest die Entwicklung von humanoiden Laufrobotern. Wir wissen, dass zweibeinige Roboter sehr schwer zu bauen sind. Trotzdem versuchen wir, sie nach dem Vorbild des Menschen zu konstruieren. Ich gehe davon aus, dass es nur ein technischer Defekt oder ein fehlerhafter Algorithmus war. Es war sicher kein Selbstmord. Aber es stellt sich die Frage, ob ein Algorithmus oder eine Maschine Frustration spüren kann, wenn etwas nicht funktioniert. Maschinen, die das was wir Frustration nennen, spüren können, sind eine klassische Science-Fiction-Idee.

Werden Roboter jemals ein Bewusstsein haben? Und wenn ja, sollten sie dann einer psychologischen Beurteilung unterzogen werden?

Scott: Auf unserem Weg in die Zukunft werden diese Maschinen menschliches Verhalten nachahmen und vielleicht auch ein Bewusstsein für sich selbst besitzen – bis zu einem Punkt an dem wir nicht mehr unterscheiden können, was menschlich und was mechanisch ist. Diese Grenzen beginnen bereits zu verschwimmen. Und was das psychologische Profil betrifft, so werden Psychiater bestimmte Fälle in das DSM aufnehmen müssen. Das DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) ist das amerikanische Standardwerk zur Diagnostik mentaler Störungen. Wer möchte schon, dass eine Maschine, die ein psychisches Problem hat, auf die eigene Großmutter oder das Baby aufpasst, auch wenn sie sich menschenähnlich verhält. Bis jetzt ist es noch ein Code, ein Algorithmus, aber es kursieren überall Gerüchte, dass Maschinen bereits damit beginnen ihre eigenen Codes zu schreiben oder zu ändern. Was bedeutet das für die Zukunft, wenn eine Maschine deprimiert sein kann und sich in einer Situation wiederfindet, in der sie den Anweisungen nicht Folge leisten will?

Werden Menschen eine emotionale Bindung zu ihren Robotern und intelligenten Geräten aufbauen?

Goerlich: Wir Menschen neigen dazu, auch Gefühle für Dinge zu entwickeln. Und ich denke, wenn Roboter intelligent handeln, können wir es nicht vermeiden, emotional zu reagieren. In Zukunft müssen wir lernen, dass diese Maschinen zwar klug handeln, aber nicht auf die gleiche Art und Weise, wie wir intelligent sind. Wir sind in der Lage, Dinge zu erahnen, die passieren könnten. Auch verhalten wir uns von Zeit zu Zeit anders, um den sozialen Zusammenhalt zu wahren. Wir halten uns nicht immer an unsere Regeln, sondern passen sie an unsere Bedürfnisse und unser soziales Umfeld an.

Scott: Mit der Zeit werden Roboter den Menschen immer ähnlicher werden. Ausgestattet mit einer künstlichen Haut werden sie auch Temperaturen und Schmerz fühlen können. Es wird darauf hinauslaufen, dass wir in sie hineinprojizieren werden, was wir sind, wer wir sein wollen und wovor wir Angst haben. Wir müssen uns Gedanken darüber machen, was wir als Spezies sind und wohin wir uns bewegen, denn all dies wird sich in diesen Maschinen widerspiegeln.

Die Technologie ist ein Spiegel und durch diese Maschinen werden wir mit uns selbst konfrontiert werden.

Welche Menschlichkeit suchen wir durch unsere Interaktionen mit Robotern?

Scott: Wir sehen dies in Kulturen rund um die Welt, insbesondere jetzt bei Einwanderungsfragen – Gesellschaft, Kultur, Nationalstolz und ähnliche Dinge. In der Regel sehen wir die Leute als die „Anderen“ – so als ob jemand in unsere Sippe kommt und sie durcheinanderbringt: Das ist unseres und das ist meins und hier ist die Grenze. Aber die Welt ist einfach nicht mehr so. Wir leben heute in einer globalen Gesellschaft. Während diese Maschinen beginnen, sich zu etablieren, geht von ihnen eine zusätzliche Wirkung aus. Das Denkmuster „wir und die Anderen“ verstärkt sich. Deshalb müssen wir anfangen, das Rätsel dieses Verhaltens zu lösen. Warum tun wir das? Warum projizieren wir unsere Angst? Warum projizieren wir unsere Unsicherheiten und unseren Hass auf den Anderen, wenn er, wie in diesem Fall, nur eine Manifestation unserer Vorstellungskraft und unserer Zukunftsvisionen ist?

Goerlich: Wir stehen vor einer neuen Renaissance und wieder stehen die Menschen und ihre Errungenschaften im Mittelpunkt. Aber diesmal aufgrund der Möglichkeiten, die sie durch die moderne Technologie haben. Ich denke, die Analogie mit einem Spiegel ist hier passend. Wenn wir diskutieren, wozu Roboter in der Lage sein könnten, reden wir eigentlich darüber, was der Wert des menschlichen Lebens ist. Welche Arbeiten wollen wir verrichten? Müssen wir überhaupt arbeiten? Was ist mit unserer Empathie und Kreativität? Wir befürchten, dass uns dies weggenommen wird. In den letzten Jahrzehnten haben wir uns darüber wenig Gedanken gemacht. Besonders interessant fand ich die Anmerkung zu Einwanderung und Migration. Ich habe noch nicht darüber nachgedacht, aber es ist wirklich ein gruseliger Zufall. Wir sehen einen Stimmungswandel in der Flüchtlingspolitik und eine zunehmende Robotisierung der Welt.

Scott: Der Psychologe Carl Gustav Jung würde sagen, dass dies kein Zufall ist und dass wir alle in einen neuen Bereich vorstoßen, in dem wir dem Unbewussten bewusst werden. Ich meine, wir bringen – im wahrsten Sinne des Wortes – eine neue Spezies hervor. Und es ist kein Zufall, dass dies zu einer Zeit geschieht, in der all diese Dinge in der Welt passieren. Es gibt da eine Verbindung. Unternehmen, die Roboter bauen und niemanden im Betrieb haben, der über diese Maschinen nachdenkt, werden beim Coding, beim Bau und beim Einsatz viele Fehler machen.

In einer Welt voller moderner Roboter, was wird da unsere Bestimmung als Mensch sein?

Scott: Diese Frage beschäftigt mich schon sehr lange. Und nun fangen auch die Menschen an, darüber nachzudenken, weil sie ihre Jobs in Gefahr sehen. Viele von ihnen sehen in ihrer Arbeit den Sinn ihres Lebens. Egal ob sie einen LkW fahren oder in eine Fabrik gehen, viele Menschen sehen ihre Bestimmung darin, auch wenn die Tätigkeit sie in vielerlei Hinsicht nicht erfüllt.

Was wird im Jahr 2045 die Bestimmung des Menschen sein, wenn es nur noch sehr wenige Jobs gibt? Was wir jetzt schon zum Teil sehen, ist ein Trend zurück zu handgefertigten Produkten. Wir besinnen uns wieder auf die Kreativität, zurück zu dem, worin Menschen schon immer gut waren. Das sind Dinge, die Maschinen bis heute noch nicht gut können.

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(Die Aussagen der Diskussionsteilnehmer haben wir für diesen Artikel editiert und gekürzt.)

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