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SAP Fashion Management: Auch für andere Branchen geeignet

Feature | 2. Dezember 2014 von Andreas Schmitz 0

Eine zentrale Sicht auf alle Vertriebskanäle: Das ist das große Plus der Lösung SAP Fashion Management, die damit nicht nur für Unternehmen im Modebereich interessant ist.

Seit fast zehn Jahren beschäftigt sich SAP-Industry-Presales-Expertin Ulrike Karl mit der Lösung SAP Retail-Fashion, für deren Go-To-Market sie im deutschen Markt verantwortlich war. Zusammen mit Christoph Schröder, der für die weltweite Geschäftsentwicklung für Fashion Software zuständig ist, gibt sie einen Einblick in die neue Lösung SAP Fashion Management, die seit Anfang Dezember zu haben ist.

Mit der neuen Lösung bekommen Unternehmen erstmals vollständige Transparenz über den Handel, Großhandel, den Onlinehandel und die RealTime-Informationen. Was bedeutet das für die Branche?

Wenn man sich die Mehrheit von Modeunternehmen vor Augen hält, sieht man oft grundsätzlich getrennte Geschäftseinheiten wie Einzelhandel, Großhandel und Herstellung. Diese arbeiten in den Prozessbereichen Design, Einkauf und Verkauf meist völlig unabhängig voneinander. Daraus folgen voneinander getrennte große Datenmengen, die ein Unternehmen wieder mühsam zusammenführen muss. Die immer kürzer werdenden Saisongeschäfte und die daraus folgende Beschleunigung des Geschäfts verschärfen diesen Zustand zunehmend. Daraus erwächst der Druck, die Daten und folglich die Systeme zusammenzuführen, um den Kunden ganzheitlich und somit erfolgreicher zu unterstützen. Lange ist eine vertikale Lösung an Performance-Problemen gescheitert: Die Menge an Daten konnte einfach nicht schnell genug verarbeitet werden. Als dann der In-Memory-Ansatz von SAP durch Vishal Sikka (*damaliger SAP-Technologievorstand) und Hasso Plattner (*Mitgründer von SAP) 2010 vorgestellt wurden, war uns sofort klar, dass das ein Wendepunkt werden könnte.

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SAP-Industry Presales Expertin Ulrike Karl verantwortete den Go To Market für SAP Retail-Fashion. SAP HANA leitete die Weiterentwicklung für SAP Fashion Management ein.

Sie mussten die existierenden Lösungen miteinander verschmelzen und eine Lösung entwickeln, die auf den Trend der Vertikalisierung auf dem Modemarkt reagiert, eine Sicht auf Vertriebskanäle und sogar die Produktion zu liefern. Wie sind Sie vorgegangen?

Uns war klar, dass wir die beiden bestehenden Lösungen nicht einfach aufeinandersetzen konnten. Deshalb haben wir Ende 2011 eine Co-Innovationsgruppe gegründet und in einem Co-Innovationsmodell mit Partnern und Kunden aus der Industrie an einem neuen Konzept für die ganze Branche gearbeitet. Mit Adidas, Tommy Hilfiger, Giorgio Armani und Luxottica hatten wir einen regelmäßigen Ideen-Austausch und über einen so genannten Solution Backlog haben wir uns gegenseitig übermittelt, welche Funktionen und Prozesse in der künftigen Lösung zu berücksichtigen sind. Anfang 2013 waren schließlich die Anforderungen aus der Industrie klar und wir konnten beginnen, die Lösung zu entwickeln. Im Mai dieses Jahres begann schließlich die Ramp-Up-Phase, die Testphase bei ausgewählten Kunden. Ende November hat der erste Kunde die Lösung implementiert.

Worin liegen die wichtigsten Vorteile der Lösung für den Kunden?

Das möchten wir an ein paar exemplarischen Beispielen erläutern:

1. Die Multi-Channel-Sicht: Vertikal strukturierte Unternehmen wie etwa Adidas, s.Oliver, Zara und Esprit verkaufen traditionell ihre Produkte an Fachhandelshäuser bzw. Einzelhändler. Sie nutzen Ihr Vertikalisierungswissen dazu, sich zusätzlich eigene Vertriebswege zu erschließen und an vielen Standorten parallel mit eigenen Stores oder gleichzeitig über einen Webshop ihre Ware zu verkaufen. Sie sind also als sogenanntes Multi-Channel-Unternehmen aktiv.

Diese Vertriebskanäle sollten systemtechnisch möglichst über den gesamten Prozess von der Planung bis zum Verkauf getrennt betrachtet werden können. Gleichzeitig müssen aber alle Prozesse des Unternehmens konsequent an den Anforderungen der Endkunden bzw. Flächen ausgerichtet werden. Hierzu bedarf es also einer lückenlosen, vertikalen Transparenz über die gesamte Logistikkette von der Herstellung bis zum Handel. Zentrale Aufgabe und Ziel ist ein gemeinsam durchgeführtes „In-Season-Management“ mit durchgängigen Informationen entlang der kompletten Wertschöpfungskette. Damit ergeben sich neue Möglichkeiten einer zentralen Steuerung bzw. Ableitung von operativen, regulierenden Maßnahmen auf unerwartete oder ungeplante Situationen.

2. Datenverfügbarkeit in einem System: Das vertikale Retail Business hängt insbesondere von der Verfügbarkeit der Abverkaufs- und Bestandsdaten der Flächen, beziehungsweise Vertriebskanäle ab. Diese Datenverfügbarkeit ist in separaten Systemlandschaften in aller Regel nicht oder nur ungenügend gegeben. Idealerweise setzt die vertikale Planung einer Saison auf diesen Daten auf und mündet in einer Sortimentsstruktur oder Kollektionsgestaltung für die jeweiligen Vertriebskanäle.

3. Mehr Flexibilität in der Logistik: Die Vernetzung mit den Prozessen in den Vorstufen führt auch in der Logistik und Distribution zu mehr Effizienz und Geschwindigkeit entlang der gesamten Warenversorgungskette. Die vertikale Arbeitsweise führt durch zeitnahe In-Season-Sortimentierungs- und Nachversorgungsmechanismen insbesondere zu größerer Flexibilität und Reaktionsfähigkeit auf unvorhergesehene Situationen in den Vertriebskanälen bzw. Flächen. Sind etwa für den Online-Handel aufgrund einer schlechten Nachfrage noch mehr Exemplare eines Artikels im Bestand als geplant, im Einzelhandel aber zu wenige um dem aktuellen Bedarf gerecht zu werden, können Bestände kanalübergreifend, bedarfsorientiert angepasst werden und das RealTime.

4. Physische Trennung der Bestände: Bestände können „physisch“ nach bestimmten Kriterien getrennt werden – etwa nach Herkunftsländern oder nach Qualitätskriterien. Somit sind Einfuhrbeschränkungen einzelner Länder oder auch 2. Wahl-Ware künftig kein Problem mehr bei der Warenversorgung. Diese Segmentierungen waren bisher so nicht möglich.

5. Bessere Analyse: Darüber hinaus bieten neue Analysemöglichkeiten, große Chancen für eine effizientere Steuerung der Unternehmensprozesse. Kanalübergreifende Transparenz über Abverkäufe und Bestände sowie das Kaufverhalten von Konsumenten und Kunden , hilft vertikal agierenden Unternehmen frühzeitig Trends zu erkennen, nachfrageorienterte Sortimente für die einzelnen Vertriebskanäle zu entwickeln und diese „Just in Time“ zur Verfügung zu stellen. Damit können Sie schneller auf aktuelle Marktgegebenheiten reagieren und die Nachversorgung mit interessanter Ware frühzeitig anstoßen.

6. Geringere Kosten: Der größte und offensichtlichste technische Vorteil liegt darin, dass vertikale Unternehmen künftig nur noch ein System betreiben müssen und damit geringere Kosten (*Total Cost of Ownership) durch harmonisierte Prozesse und geringere Administration haben.

Schröder

Die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Einzelhandel, Großhandel und E-Commerce muss klappen. Nur so seien die Optimierungspotenziale von SAP Fashion Management zu heben, ist Christoph Schröder überzeugt, der für die weltweite Geschäftsentwicklung von SAP-Fashion-Software verantwortlich ist.

Welche Voraussetzungen sollte ein Unternehmen mitbringen, das die Software einsetzt?

Wie bereits angeführt ist es keine Ausnahme in den Unternehmen, dass einzelne Unternehmensbereiche oder Abteilungen von der Planung, über die Beschaffung bis zum Vertrieb völlig autark arbeiten. Das gleiche gilt für die Vertriebskanäle wie etwa Einzelhandel, Großhandel und E-Commerce. Die spannende Frage ist, wie sich diese Unternehmen künftig organisieren. Klar ist: Die Zusammenarbeit zwischen den Bereichen muss klappen und bietet großes Optimierungspotenzial. Voraussetzung dafür ist, dass ein Change Management im Unternehmen angestoßen wird. Natürlich versuchen wir auch seitens SAP Unternehmen in der Business-Transformation zu unterstützen. Die größte Herausforderung allerdings, vor der heute noch viele Unternehmen stehen ist es, ein harmonisiertes und integriertes Einkaufserlebnis über alle Vertriebskanäle hinweg zu gewährleisten – und zwar nicht nur in der Modebranche.

Welche anderen Branchen meinen Sie?

Grundsätzlich kann unsere Lösung auch von anderen Händlern genutzt werden, eigentlich allen, die über mehrere Kanäle ihre Produkte verkaufen. Allen Händlern etwa mit Saisongeschäft kommt die Lösung sehr entgegen. Das kann der Elektronikhändler sein, der Smartphones von Apple verkauft oder aber der Baumarkt, der im Dezember wieder Schneeschieber ins Sortiment aufnimmt. So weit hatten wir noch gar nicht gedacht, als wir die Lösung SAP Fashion Management genannt haben. Zunächst allerdings müssen wir SAP Fashion Management noch zu Ende entwickeln, um den angesprochenen Optimierungspotentialen gerecht zu werden.

Die vertikale Gesamtlösung wird im dritten Quartal des kommenden Jahres auch die Produktion von Textilien in die Prozesse einbeziehen – und damit vollendet. Dann müssen Unternehmen nicht mehr mit sehr langem Vorlauf das saisonale Geschäft planen, sondern können auch auf außerplanmäßige Nachfragesituationen schnell reagieren, Nachorder in Auftrag geben – und so auch von Produktionsseite unmittelbar auf Trends reagieren.

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Foto: Shutterstock

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