Das SAP Innovation Center Network: Probleme, gebt uns Probleme!

Das Innovation Center Network ist die Ideenschmiede der SAP. Der neue Leiter, Jan Schaffner, gewährt Einblicke in die Arbeitsweise des ICN und verrät, was es von anderen Innovationsabteilungen unterscheidet.

Ein Inkubator, in dem Innovationen entstehen, ist für große Unternehmen heutzutage keine Geheimwaffe mehr. „So etwas gibt es inzwischen in fast allen großen Unternehmen“, bestätigt Jan Schaffner, der seit Kurzem das SAP Innovation Center Network (ICN) leitet und gerade von einem Innovations-Workshop mit anderen Großunternehmen in Berlin zurückgekommen ist.

„Es hat mir schon einen gewissen Dämpfer versetzt, all diese Großkonzerne mit ihren Innovationszentren und digitalen Labs zu erleben, die nahezu dieselben Schwerpunktbereiche verfolgen wie wir“, räumt er ein. „Maschinelles Lernen, Blockchain, das Internet der Dinge und Smart Cities sind mittlerweile klassische Themen. Und in jedem Unternehmen gibt es einen Prozess für die Entwicklung von Ideen, mit dem zunächst in kleinen Projekten untersucht wird, was funktioniert, um die Ergebnisse anschließend in Produkte einfließen zu lassen.“

Seit 2018 leitet Jan Schaffner das SAP Innovation Center Network. Sein globales Team testet und entwickelt vielversprechende neue Technologien, die das Wachstum der SAP durch Transformation vorantreiben sollen.

Auf den zweiten Blick lassen sich jedoch wichtige Unterschiede erkennen. „In den meisten Unternehmen handelt es sich bei den Innovationszentren eigentlich um Teams, die die Innovation unternehmensweit koordinieren. So wie wir mit Design Thinking arbeiten, setzen sie dabei eine Methodik ein, mit der sie den einzelnen Abteilungen helfen, in ihren jeweiligen Bereichen innovativer zu werden. Unser ICN ist jedoch mit seinen dedizierten Entwicklungskapazitäten einzigartig.“

Das ICN beschäftigt mehr als 200 Entwickler an elf Standorten auf der ganzen Welt und ist damit in der Lage, die Entwicklung eines Produkts oder einer neuen Technologieplattform von Anfang bis Ende zu begleiten. Auf diese Weise fördert das Netzwerk die Einführung von Technologien und erschließt neue Einnahmequellen für die SAP. „Verglichen mit dem Gesamtumsatz der SAP sind das natürlich keine großen Summen“, gibt Jan Schaffner zu verstehen. „Doch offizielle Produkte wie SAP Customer Retention und SAP Product Lifecycle Costing sind ursprünglich im ICN entstanden.“

„Im Innovation Center Network wollen wir die Zukunft der SAP gestalten“, fasst Jan Schaffner die Vision des Netzwerks zusammen, dem er seit Januar 2018 vorsteht. „Auch andere Bereiche innerhalb der SAP befassen sich mit der Zukunft des Unternehmens, haben dabei jedoch einen kürzeren Zeitraum im Blick oder konzentrieren sich auf geschäftliche Aspekte. Im ICN liegt der Schwerpunkt auf der Technologie.“

Wie aus transformativen Innovationen Standardtechnologien werden

Im vergangenen Jahr führte das ICN eine strategische Portfoliobewertung durch, um die Projekte danach zu kategorisieren, welche Art von Innovation damit verfolgt wird. Dabei stellte sich heraus, dass nicht alle Projekte des ICN das Kriterium erfüllen, die transformative Innovation auf lange Sicht zu fördern.

Die unterschiedlichen Arten von Innovation

Es gibt drei Arten von Innovation, die jeweils mit besonderen Herausforderungen verbunden sind:

Kontinuierliche Innovation – schrittweise Weiterentwicklung bestehender Produkte

Innovation in angrenzenden Bereichen – Anwendung des vorhandenen Wissens und der bestehenden Technologien auf neue (angrenzende) Märkte zur Gewinnung neuer Kunden

Transformative Innovation – Entwicklung vollkommen neuer Trends, Technologien und Geschäftsmodelle für bahnbrechende Produkte und zukünftige Märkte

Jan Schaffner erläutert dies am Beispiel maschinelles Lernen: „Das maschinelle Lernen war ursprünglich eine neue Technologie, die sich inzwischen auf breiter Basis etabliert hat und in unserem gesamten Portfolio eingesetzt wird, um alle SAP-Lösungen intelligenter zu machen.“ Das ist einer der Gründe, warum maschinelles Lernen kein Schwerpunktbereich des ICN mehr ist. „Wir gehen nun der Frage nach, welche neuen Technologien die Stärken der SAP ergänzen und unser zukünftiges Wachstum ankurbeln können.“

Der richtige Schwung für Innovationen: Am ICN-Standort Potsdam erläutert Jan Schaffner, warum Innovation nicht nur einen strategischen Ansatz, sondern auch eine besondere Denkweise voraussetzt.

Ähnlich sehen die Pläne für die Blockchain-Technologie aus. Diese bildet nach wie vor einen Schwerpunkt des ICN, doch beteiligen sich mittlerweile bereits über 50 SAP-Kunden an der gemeinsamen Innovation zur Blockchain, die von verschiedenen Teams koordiniert wird. Die Aktivitäten sind in rund 30 Projekten gebündelt, mit denen Ideen zur Produktreife geführt werden sollen. Das Team plant außerdem, noch in diesem Jahr SAP Cloud Platform Blockchain allgemein verfügbar zu machen. Dabei handelt es sich um ein cloudbasiertes Blockchain-as-a-Service-Angebot, mit dem Kunden, Partner und Entwickler Zugriff auf sofort einsatzbereite Blockchain-Services erhalten, eigene Blockchain-Lösungen entwickeln und diese in bestehende SAP-Systeme integrieren können.

Echte Innovationen wachsen nicht an Bäumen. Unsere Arbeit fußt deshalb auf einer Kultur, in der wir jedes abgebrochene Projekt als Erfahrung für zukünftige Herausforderungen sehen.

– Jan Schaffner, Leiter des SAP Innovation Center Network

Das ICN gibt seine Verantwortung für ein Thema in der Regel dann ab, wenn eine Entwicklung zunehmend breite Akzeptanz findet oder mehrere Kunden ein Produkt einsetzen und dafür bezahlen. „Es muss auf dem Markt eine konkrete Nachfrage dafür geben.“ Auch hier ist die Blockchain das ideale Beispiel für die Vorgehensweise des ICN: „Unser Blockchain-Team kennt sich mit den technischen Aspekten und dem Konzept der Technologie bestens aus. Um Mehrwert zu schaffen, ermittelt das Team in enger Zusammenarbeit mit verschiedenen Geschäftsbereichen der SAP Anwendungsszenarien und entwickelt Lösungen für konkrete Herausforderungen von Kunden.“ Zwischen dem ICN und der SAP besteht somit eine enge Beziehung – die zentralen Geschäftsbereiche unterstützen das Netzwerk ihrerseits bei der Suche nach zukünftigen Themen und Produktverantwortlichen im Unternehmen.

Warum Misserfolge unvermeidbar sind

Ist es nicht eine undankbare Aufgabe, vollkommen neue Geschäftsfelder zu erschließen und die Verantwortung an andere abzugeben, sobald sie profitabel werden? „So denken wir im ICN nicht“, entgegnet Schaffner. „In unserem Team arbeiten Entwickler, die einem Problem auf den Grund gehen und die Entwicklung einer Idee vom ersten Tag an begleiten möchten. Sobald das Produkt in die Preisliste aufgenommen wird, geben sie es ohne große Wehmut an andere SAP-Bereiche ab, damit sie das nächste Projekt in Angriff nehmen können. Andere wiederum hängen an ihren Entwicklungen und möchten sie weiter begleiten und vorantreiben, auch wenn das ICN nicht mehr dafür zuständig ist.“

Trend Report 2018 – Emerging Technology Trends

Das SAP Innovation Center Network hat vor Kurzem den Trend Report für 2018 veröffentlicht. Der Bericht gibt Einblick in Technologien, die bereits wesentliche Auswirkungen auf die SAP und ihre Kunden haben oder in den nächsten fünf bis zehn Jahren haben werden. Er beschreibt die Technologien, die die SAP in naher Zukunft auf breiter Basis implementieren wird, beispielsweise maschinelles Lernen, Blockchain und dialoggestützte Systeme. Weitere Themen sind zukünftige Trends wie Quantencomputing oder neuromorphe Hardware. Sie können den Report hier herunterladen.

Ein wesentliches Merkmal dieses Zyklus ist, dass das ICN sich immer wieder neu erfinden muss. „Derzeit weiten wir unseren technologischen Schwerpunkt aus“, erklärt Schaffner. „Hierzu befasst sich ein kleines virtuelles Team mit Trends, und alle Kollegen im ICN sind aufgefordert, eigene Ideen einzubringen.“ Ergänzt wird diese Innovation auf Basis von Mitarbeiterinitiativen durch ein strukturiertes Portfolio-Framework und konkrete Anforderungen in bestimmten Projektphasen. Jan Schaffner zufolge ist es ganz normal, dass Projekte schon in einer relativ frühen Phase abgebrochen werden: „Weniger als zehn Prozent der Projekte, die wir in Angriff nehmen, haben ein Produkt zum Ergebnis. Und das ist so gewollt. Echte Innovationen wachsen nicht an Bäumen. Unsere Arbeit fußt deshalb auf einer Kultur, in der wir jedes abgebrochene Projekt als Erfahrung für zukünftige Herausforderungen sehen.“

Der kürzlich veröffentlichte ICN Trend Report (siehe Infokasten) enthält einen Ausblick auf diese zukünftigen Herausforderungen und Themen. Neben der Blockchain befasst sich das ICN derzeit mit diesen Projekten:

Wie werden wir in fünf Jahren Software entwickeln?

Bislang hat die SAP interessante Programmierkonzepte immer mit einer gewissen Verzögerung aufgegriffen. Da jedoch im Unternehmen und bei zahlreichen Partnern Unmengen an Code erzeugt werden, besteht ein natürliches Interesse an dem Thema. Facebook gilt in diesem Bereich als Vorreiter, weshalb das ICN durch den intensiven Austausch mit den Experten von Facebook ein Thema in den Blickpunkt rücken möchte, das Auswirkungen auf die gesamte Softwarebranche haben kann.

Ein Schwerpunktthema ist auch die Kreislaufwirtschaft. Die SAP unterstützt die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen und will deshalb der Frage nachgehen, wie Kunden mithilfe von SAP-Software ihre Produkte nachhaltiger gestalten können. Dieses Thema betrifft alle Geschäftsbereiche der SAP. „Keiner kann dieses Problem im Alleingang lösen“, betont Schaffner. „Wir möchten unsere Projekte nicht isoliert vom Rest des Unternehmens verfolgen, sondern suchen möglichst frühzeitig den Kontakt zu potenziellen Verantwortlichen innerhalb der SAP. Wir bieten ihnen Hilfestellung bei der Lösung ihrer Probleme und der Probleme ihrer Kunden.“

Beim Quantencomputing handelt es sich zwar um ein klassisches Hardwareproblem, doch eine Reihe von Anwendungsbereichen könnten auch die Softwarebranche betreffen. Hierzu gehört das auch das sogenannte „mehrdimensionale Rucksackproblem“, ein kombinatorisches Optimierungsproblem. „Wir rechnen hier in den nächsten fünf Jahren noch nicht mit konkreten Ergebnissen, doch möchten wir in Zusammenarbeit mit führenden Experten in diesem Bereich herausfinden, wie sich das Quantencomputing auf die Zukunft der SAP und die Zukunft unserer Kunden auswirken kann. Als Anbieter von Unternehmenssoftware müssen wir untersuchen, ob wir durch den Einsatz dieser Technologie echten Mehrwert für unsere Kunden schaffen können – und zwar bevor es die ersten Quantencomputer auf dem Markt gibt.“

Neben einem speziellen Team, das neue Technologietrends erforscht, liefern auch die Mitarbeiter zahlreiche Ideen für die Pipeline des ICN. Mit einem intern entwickelten Tool für das Innovationsmanagement werden diese Ideen erfasst. „Der Unterschied zwischen dem ICN und anderen Innovationszentren besteht letztlich nicht nur in der Art und Weise, wie wir diese Themen angehen“, resümiert Schaffner, „sondern auch in den Ergebnissen, die wir damit für die SAP und für unsere Kunden erzielen.“

Bildquelle: SAP