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Was SAP mit IoT vorhat

10. Januar 2017 von Andreas Schmitz 23

Das Internet of Things wird Geschäftsprozesse und -modelle neu definieren. Der Leiter der IoT-Strategie und -Innovation bei SAP, Hans Jörg Stotz, über die Chance für SAP, globaler Marktführer für IoT zu werden: 6 Fragen, 6 Antworten.

1. SAP investiert in den kommenden fünf Jahren zwei Milliarden Euro in das Internet of Things (IoT). Warum?

Der transformative Charakter des Internet of Things (IoT) für Geschäftsprozesse und -modelle ist derart signifikant, dass IoT einer der großen Wachstumstreiber der nächsten Jahre sein wird. Es gibt unzählige Studien und unterschiedliche Zahlen zum Einfluss auf die Weltwirtschaft und Marktgrößen. In Zusammenarbeit mit BCG gehen wir von einem Markt aus, der schon in wenigen Jahren im dreistelligen Milliarden-Bereich liegen wird. Von den wirtschaftlichen Perspektiven her gesehen ist es also vollkommen offensichtlich, dass wir in diesen Markt signifikant investieren müssen.

2. Welche Bereiche werden in den kommenden Jahren besonders von IoT profitieren?

Den Haupteinfluss sehe ich in der Fertigung und Logistik. Da jedes Transportmittel, Produkt und jede Maschine zu jedem Zeitpunkt über ihren Ort, Zustand und Eigenschaften Auskunft geben kann, werden sich Geschäftsprozesse radikal ändern. Physische Produkte werden einen „Digital Twin“ haben, einen Zwilling, der den Lebenszyklus des Produktes digital abbildet. Der Vorteil: Man kennt das Produkt zu jedem Zeitpunkt und kann Rückschlüsse aus dem aktuellen Gebrauch ziehen. Das ist wichtig für die Qualitätssicherung, die Mängel schneller erkennt als bisher. Für die Entwicklung bedeutet es, dass sie wiederholt auftretende Mängel beheben kann, und für die Produktion, dass sie Wege verkürzen und Prozesse beschleunigen kann.

Die vorausschauende Wartung ist inzwischen als gängigstes Szenario schon in den Produktionsalltag übergegangen. Künftig werden Systeme über „Machine Learning“ selbst hinzulernen und Informationen in so genannte Asset-Management-Systeme zurück spielen, die sämtliche Daten über den Lebenszyklus eingesetzter Maschinen und Geräte im Netzwerk sammeln. Diese Entwicklungen werden Geschäftsmodelle verändern. Schon heute bezahlen Kunden etwa für Flugstunden, die ein Triebwerk leistet („Power by the Hour“) und Unternehmen fertigen nach individuellem Bedarf („Manufacturing as a Service“). Sie bieten Service statt Maschinen. In der Logistik wird die Verfolgung von Gütern („Track & Trace“) immer wichtiger. RFID-Chips werden immer häufiger in Produktion, Fabrik und Transport eingesetzt werden. Die Transportkette wird somit zusehends transparenter.

Zudem werden autonome Systeme wie die Robotik im Lager und in der Logisik, aber auch in der Produktion neue Aufgaben übernehmen und direkt mit dem Business-System interagieren. IoT und autonome Systeme werden den Menschen in seiner Arbeit erheblich entlasten und unterstützen.

3. SAP hat kürzlich zwei Unternehmen – Fedem und Plat.One – gekauft, die Spezialwissen in Hinsicht auf IoT mitbringen. Welche Rolle werden sie einnehmen?

Fedem ist eine norwegische Firma, die sich beispielsweise mit der Wartung von Anlagen in extrem unzugänglichen Regionen beschäftigt, etwa Windparks in der Arktis oder Ölplattformen. Über den „digital Twin“ – das Pendant des physischen Produktes – simuliert Fedem die Abnutzung der Geräte. Die Situation und der Zustand des Objektes lassen sich in Echtzeit nachempfinden und etwa erkennen, wenn ein Bauteil zu verschleißen droht und ausgetauscht werden muss, bevor es einen Defekt aufweist. SAP hat bereits viele Kunden in der Öl- und Gasindustrie. Fedems Ansatz lässt sich also sehr gut auf jede Ölpipeline übertragen. Ausfälle hätten hier einen großen Einfluss auf die Produktionsprozesse, zusätzlich verbunden mit hohen finanziellen Auswirkungen.

Plat.One ist ein IoT-Start-up mit Wurzeln in Italien und Kalifornien, das unser Spektrum an IoT-Anwendungen erweitert. Die Akquise ist deshalb spannend für uns, weil sich Plat.One unter anderem mit dem Thema des EDGE-Processings beschäftigt und erkannt hat, dass die Analyse von Daten nicht nur in zentralen Systemen wie der Cloud durchgeführt wird, sondern bereits direkt im Gerät. Zudem bringt Plat.One eine große Anzahl von Schnittstellen und Protokollen mit sich, die das Anbinden unterschiedlicher Komponenten und Maschinen auf der Ebene der Operations Technology (OT) erlaubt. Bestehende Applikationen von Plat.One werden auf unserer Entwicklungsplattform SAP HANA Cloud Platform zusammengeführt, damit keine unterschiedlichen Werkzeugkästen nötig sind.

4. Wie setzt sich das IoT-Portfolio der SAP zusammen?

Unsere Philosophie ist: Der Wert von IoT zeigt sich durch die Anbindung der Dinge an die Geschäftsprozesse. Deshalb glauben wir, dass Kunden primär an Lösungen für Geschäftsprobleme interessiert sind und soweit wie möglich Standardlösungen bevorzugen. Hierzu bietet SAP das vermutlich breiteste IoT-Anwendungs-Portfolio am Markt an. Solche Lösungen entstehen auf unserer IoT-Plattform, die mittels IoT Application Services (wiederverwendbaren Microservices) auf der SAP HANA Cloud Platform entwickelt werden. Diese Plattform zielt darauf ab, dass Kunden und Partner Anwendungen selbst darauf entwickeln und bestehende erweitern können. Unter den etablierten Standardprodukten für IoT ist SAP Predictive Maintenance & Service sicher die Nr. 1 derzeit, mit dem wir bereits auf dem Markt sind. Darüber hinaus sehen wir im Markt großes Interesse an SAP Asset Intelligence Network. Wir sprechen hier von einem „Facebook of Things“. Das ist ein Geschäftsnetzwerk, über das Hersteller und Betreiber von Bauteilen sowie Anlagen und Wartungsfirmen gemeinschaftlich über die Daten, die so ein „Asset“ erzeugt, zusammenarbeiten können. Der Vorteil besteht darin, dass der Einsatz von Anlagen als auch Geräten und deren Wartung optimiert werden – im Sinne einer Network Economy, in der Erkenntnisse über Assets geteilt werden. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Nachverfolgung („Track & Trace“) im Transportmanagement. Warenströme benötigen eine hohe Transparenz, so dass zu jedem Zeitpunkt klar ist, wo sich etwa Fahrzeuge und Container gerade befinden.

5. Es gibt viel Konkurrenz im Umfeld von IoT-Plattformen. Wo sehen Sie das Alleinstellungsmerkmal der IoT-Plattform von SAP auf Basis der SAP HANA Cloud Platform?

Wenn Sie Analysten oder Beratungshäuser fragen, sprechen diese von 300 bis 500 IoT-Plattformen, die auf dem Markt sind. Das ist kein Wunder: Denn jeder Hersteller von Komponenten, Smart Products und Services steht vor der Herausforderung, dass er eine IoT-Infrastruktur benötigt. Der Endanwender fragt sich allerdings, wie er die unzähligen User Interfaces und Ansätze an einer Stelle zusammenbringt. Von SAP-Seite versuchen wir, die neuen IoT-Prozesse in bestehende Geschäftsprozesse einzubinden, unabhängig davon, welche Hardware und Assets im Einsatz sind. Es mag Kunden geben, die nur mit einem namhaften Komponentenanbieter zusammenarbeiten und dessen IoT-Platform nutzen. Für alle anderen wird es eine Heterogenität von Plattformen geben. Und das ist ein gravierender Nachteil. Unser Ansatz von SAP: Wenn Sie bereits eine SAP-Landschaft im Einsatz haben, führen Sie die IoT-Applikationen auch über uns zusammen. Denn die SAP HANA Cloud Platform ist unsere gemeinsame Plattform, die„Tür zum ERP“ sozusagen, auch für IoT-Anwendungen. Auf ihr bieten wir einen reichen Schatz an IoT-Business Services an, auf deren Basis eigene Lösungen gebaut werden können, die über bestehende Ansätze hinausgehen. Das schließt aber nicht aus, dass wir Cloud-to-Cloud auch andere Plattformen integrieren. Bosch beispielsweise aggregiert Daten von seinen Geräten und hält sie in seiner Cloud vor. Darauf greifen wir mit der auf Basis der SAP HANA Cloud Platform entwickelten Lösung SAP Vehicle Insights zu und analysieren in diesem speziellen Fall Telemetriedaten einer Gabelstaplerflotte.

6. Welche drei Entwicklungen sind für Sie die derzeit Interessantesten in Hinsicht auf das Internet of Things?

1. Asset Intelligence Network: Die Vernetzung über Unternehmensgrenzen hinweg ermöglicht, Anlagen und Bauteile übergreifend zu analysieren und sie gebrauchsabhängig etwa als „Manufacturing as a Service“ anzubieten. Das hat große Einflüsse auf die Art und Weise, wie wir bilanzieren, wie wir „Assets“ einsetzen und Lebenszyklen von Geräten und Bauteilen betrachten.

2. Autonome Systeme in Produktion und Logistik: Dezentrale Systeme wie autonome Roboter, Drohnen und Satellitenfahrzeuge im Lager sind lokal optimiert. Sie greifen nur noch sporadisch auf das Zentralsystem für die Planung und Steuerung zu. Eine neue Architektur zwischen zentralen Steuerungssystemen, dem ERP und den Nutzern des Systems ermöglicht weitgehend autonome Systeme.

3. Digitaler Zwilling: Der gesamte Lebenszyklus eines Produktes wird immer transparenter. So wird man zunehmend simulieren können, wie sich der Betrieb einer Maschine entwickeln wird. Zudem weiß ein Unternehmen künftig zu jedem Zeitpunkt, wo sich seine Produkte befinden. Das hilft dabei, gezielt die Wertschöpfungskette beschleunigen zu können, falls Bestellungen eingehen oder auf Knopfdruck hochzuskalieren.

Ich bin fest davon überzeugt, dass diese drei Entwicklungen die Industriestruktur in der Zukunft massiv verändern werden.

Weitere Informationen:

SAP stellt Startprogramm für IoT-Protfolio SAP Leonardo vor

IDC-Studie: 6 Erkenntnisse über IoT

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