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SAP Leonardo: Der Agilitätsmotor für Unternehmen

Feature | 15. November 2017 von Andreas Schmitz 23

SAP Leonardo, das System für digitale Innovation, bringt Geschwindigkeit in die Entwicklung von Innovationen. Wie Unternehmen an Projekte herangehen sollten, erläutern die SAP-Experten Martin Elsner und Glenn González.

In einer Studie der DSAG hat sich gezeigt, dass SAP Leonardo noch nicht ausreichend stark als neuer Bestandteil des SAP-Portfolios wahrgenommen wird, das den digitalen Wandel unterstützt. Woran liegt das?

Martin Elsner: Viele Unternehmen setzen derzeit bereits Lösungen aus dem SAP-Leonardo-Portfolio ein, ohne es zu wissen. Sie haben Produkte im Einsatz, die es schon gab, bevor SAP Leonardo eingeführt wurde. Dazu gehört etwa die SAP Cloud Platform, Machine Learning, Augmented Reality, Big-Data- Szenarien sowie das Analytics-Portfolio. Das ist einerseits eine Herausforderung, aber auch der Grund für die Zusammenfassung unter SAP Leonardo, dem System für digitale Innovation, das zugleich als Methode zu verstehen ist, um Kunden „strukturiert zur Innovation“ zu führen.

Mit SAP Leonardo machen wir Geschäftsprozesse möglich oder erweiterbar, entweder aus dem digitalen Kern heraus oder durch agile und flexible Innovationsprozesse. Dass SAP Leonardo von den SAP-Anwendern derzeit noch nicht vollständig verstanden ist, ist schade, aber auch der Tatsache geschuldet, dass der Name des Portfolios noch recht jung ist.

Mit SAP Leonardo machen wir Geschäftsprozesse möglich oder erweiterbar, entweder aus dem digitalen Kern heraus oder durch agile und flexible Innovationsprozesse. (Martin Elsner)

Können Sie ein Beispiel für ein typisches SAP-Leonardo-Projekt nennen?

Elsner: Einer der ersten großen Innovations-Beispiele, die zeigen, wozu SAP Leonardo imstande ist, hat MAPAL realisiert, ein Hersteller von Präzisionswerkzeugen, der die Werkzeugverwaltung mit Hilfe von IoT und der SAP Cloud Platform digital vernetzte. Wenn Maschinen einen erhöhten Verschleiß von C-Teilen wie Dreh-, Fräs- und Bohrköpfen haben, kann das schnell dazu führen, dass zu wenige Ersatzteile auf Lager sind. Mit vorausschauender Analyse ist es möglich, rechtzeitig zu wissen, wann wie viele C-Teile bestellt werden müssen, um immer ausreichend viele zur Verfügung zu haben. Das ist übrigens auch ein Business Case, der vor der „Taufe“ von SAP Leonardo im Juli 2016 entstanden ist.

Herr González, Sie haben viel Kontakt zu Kunden. Wie erklären Sie ihnen SAP Leonardo?

Glenn González: SAP Leonardo ist zum einen ein Innovationssystem, das die SAP Cloud Platform einschließt sowie zusätzliche Technologien wie Machine Learning, Internet of Things, Blockchain, Analytics und Big Data. Teil des Systems sind auch Data Intelligence sowie der SAP Data Hub. Darüber hinaus ist es noch viel mehr. Viele Unternehmen laufen derzeit einfach los und bauen ein Data-to-Dashboard-Szenario. Sie stellen spät fest, dass auch Innovationen zu Ende gedacht sein müssen. Am Ende muss irgendwo eine Rechnung erstellt oder ein Techniker eingeteilt werden oder es werden wichtige Stammdaten benötigt. Diese Erfahrung aus der Praxis hat dazu geführt, dass wir das Portfolio von SAP Leonardo deutlich erweitert haben und den Kunden über spezielle Angebote sehr schnell zu Innovationen bringen. Diese strukturierte Hinführung ist ebenso wichtig wie das Innovationssystem selbst.

Viele Unternehmen laufen derzeit einfach los und bauen ein Data-to-Dashboard-Szenario. (Glenn González)

Wie sieht diese Hinführung genau aus?

Elsner: Wer über Technologie reden will, muss bei dem Thema Innovation zunächst klären, welche Ziele erreicht werden sollen. Das ist eine völlig offene Diskussion. Viele Kollegen aus den Unternehmen – auch aus dem Kreis des DSAG – haben in den letzten Jahren vorrangig mit Themen wie SAP ERP, SAP R/3, SAP SRM, SAP CRM zu tun gehabt. Hier hat die SAP Standardprozesse und deren Nutzung klar definiert. Das funktioniert mit innovativen, agilen Lösungen nicht mehr.

Was bedeutet das für die Praxis?

Elsner: Mit dem Stahlkonzern Klöckner haben wir innerhalb von sechs Wochen ein Vertriebs-Cockpit entwickelt. Das war nicht unbedingt absehbar, denn wir hatten zunächst mit einer ergebnisoffenen Diskussion begonnen. Mit Hilfe der Integration einer Straßenkarte macht das neue Cockpit heute eine Routenplanung möglich und zeigt etwa die offenen Aufträge entlang von zehn Kilometern der Route eines LKWs. Die Herausforderung bestand darin, LKWs, die meist lediglich zur Hälfte beladen werden konnten, höher auszulasten als vorher. Heute ist nicht nur der Disponent, sondern auch der Vertriebler darüber informiert – und die Ware kommt schneller zum Kunden. Die SAP Cloud Platform, die Analysen, die Integration ins Backend: SAP Leonardo bringt die Informationen aus dem ERP mit digitalen Services wie der Straßenkarte zusammen. So ein Innovationsszenario ist innerhalb eines vorgegebenen Standards nicht realisierbar. Wir haben uns vor dem Beginn des Projekts mit Klöckner hingesetzt, innerhalb eines Design-Thinking-Workshops ein Brainstorming gemacht, Ideen entwickelt und auch wieder verworfen. Nach zwei Tagen stand ein Szenario, nach weiteren zwei Tagen ein Mockup und wenig später die Entscheidung, zusammen mit den Business-Verantwortlichen das Projekt zu realisieren. Es geht in SAP-Leonardo-Projekten oft um Szenarien, die stark erweiterbaren Charakter haben, sich aber auch regelmäßig verändern, einfach, weil sich das Geschäft verändert.

Mit dem Stahlkonzern Klöckner haben wir innerhalb von sechs Wochen ein Vertriebs-Cockpit entwickelt. (Martin Elsner)

Wie unterscheiden Sie zwischen kompletten SAP-Leonardo-Projekten und jenen, die „nur“ Machine-Learning- oder IoT-Projekte sind?

Elsner: Mit SAP Leonardo wollen wir schnell und flexibel Dienste möglich machen, die im digitalen Kern nicht enthalten sind. SAP Leonardo dient dabei als Agilitätsmotor. Klassische Warenbewegungen, generierte Kundenaufträge, Produktions- und Finanz- und Controlling-Prozesse gehören nach wie vor in den stabilen digitalen Kern, um sauber und durchgängig zu laufen. Beispiel Machine Learning: Geht es etwa um automatisierte Transaktionen durch Invoice Matching, also darum Standardprozesse zu automatisieren und zu optimieren, würde ich nicht von einem SAP-Leonardo-Projekt sprechen, sondern von der konsequenten Anwendung der SAP-Leonardo-Technologien im Business-Kontext. Gerade im Business-Kontext liegt unsere besondere Stärke. Ein gutes Beispiel dafür bietet ein Schmuckhersteller, der die Bilderkennung im Service einsetzt. Ist etwa ein Produkt aus dem Sortiment kaputtgegangen, reicht es aus, ein Foto etwa von einer Glas-Eule zu machen und auf der Kundenplattform hochzuladen. Das System erkennt es als eines unter sehr vielen unterschiedlichen Produkten, ordnet die Materialnummern direkt zu und versendet eine Meldung an einen Servicemitarbeiter. Im Kernprozess alleine funktioniert das nicht. In einem typischen SAP-Leonardo-Projekt ist nicht nur die Technologie essenziell, auch die Erarbeitung mit Hilfe eines strukturierten Ansatzes gehört dazu.

Mit SAP Leonardo wollen wir schnell und flexibel Dienste möglich machen, die im digitalen Kern nicht enthalten sind. SAP Leonardo dient dabei als Agilitätsmotor. (Martin Elsner)

Nicht alle Unternehmen sind Innovationsthemen gegenüber aufgeschlossen. Welche Bedenken bekommen Sie zu hören?

González: Wichtig ist immer, sich vor Augen zu führen, wo ich als Unternehmen hin will und nicht, wo ich aktuell bin. Klar gibt es die Unternehmen, die sich beklagen, dass sie sich gerade noch im SAP-ECC-Rollout befinden und gar nicht wissen, wie sie neue Projekte parallel zusätzlich stemmen sollen. Die Themen rund um die Digitalisierung bestimmen den Markt. Als SAP wollen wir Innovationen mitbestimmen und für unsere Kunden Vorreiter sein. Wenn wir das Thema nicht bedienen, hängen wir den Kunden indirekt ab. Ich versuche dem Kunden klar zu machen, dass Innovationsthemen neben einem Rollout sehr wohl auf die Agenda passen – im Sinne einer bimodalen IT.

Wenn wir das Thema Digitalisierung nicht bedienen, hängen wir den Kunden indirekt ab. (Glenn González)

Wie sollte ein Unternehmen starten?

González: Wenn eine Firma ganz am Anfang steht, sucht man sich die Mitarbeiter, die offen für Innovationen sind und startet einen Design-Thinking-Workshop wie etwa bei Klöckner. So entsteht ein emotionales Umfeld, in dem Neues entstehen kann. Bei den Fischerwerken war es so, dass uns das Unternehmen zuvor einige ihrer technischen Bausätze gegeben hat. Einer unserer Entwickler hat den Roboter „Explorer“, der bereits mit Sensoriken wie Kameras ausgestattet war, in die SAP Cloud Platform gebracht, über ein iPhone steuerbar gemacht, eine Bilderkennung angeschlossen und die Gesichtserkennung einer Person möglich gemacht. Gerade weil der Aufwand dafür so überschaubar war, starteten fast von alleine weitere Überlegungen: Was würde passieren, wenn wir über die Cloud unsere Produkte mit Software erweitern? Könnte der Roboter mit der Bilderkennung etwa in der Qualitätssicherung eingesetzt werden?

Was sagen Sie einem IT-Chef, der agile Strukturen im Unternehmen noch nicht etabliert hat?

González: Letztens kam ein CIO in einen Workshop, der selbst für einfache Innovationen wie eine Konfigurations-App für eine Messe keine Infrastruktur hatte und dem Fachbereich sagen musste: Ich kann das nicht liefern. Der Grund: Die meisten Mitarbeiter seiner Abteilung konzentrierten sich auf die Kernprozesse. Letztlich stellte er – im Sinne einer bimodalen IT – ein paar Mitarbeiter für diese Innovationsthemen ab. Was allerdings noch fehlte war eine entsprechende Plattform inklusive Coaching oder Methodologie, sprich: SAP Leonardo. Und schon fing das Unternehmen an zu laufen. Es muss ja nicht gleich so schnell sein wie Usain Bolt über hundert Meter. Es reicht ja, dass es überhaupt erst einmal anfängt zu laufen. Durch das Innovationssystem sind nun übrigens auch direkt die Technologien da, die auch für weitere – agile – Projekte benötigt werden, inklusive der Integration ins Backend.

Das Unternehmen muss ja nicht gleich so schnell sein wie Usain Bolt über hundert Meter. Es reicht ja, dass es überhaupt erst einmal anfängt zu laufen. (Glenn González über Unternehmen, die mit der Digitalisierung beginnen)

Martin Elsner ist Leiter Presales und Mitglied der Geschäftsführung der SAP Deutschland SE & Co KG; Glenn González ist Digital Transformation Lead bei SAP

Weitere Informationen:

Was ist SAP Leonardo? Sechs Antworten zum System für digitale Innovation

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