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Der Mensch im Mittelpunkt: Wie SAP die Bedeutung künstlicher Intelligenz für Europa bewertet

Feature | 6. Februar 2018 von Jeanette Rohr

Obwohl künstliche Intelligenz große Zugewinne an Effizienz verspricht und einige der dringlichsten gesellschaftlichen Probleme adressieren könnte, wird die Technologie in Europa auch kritisch betrachtet. SAP hat unter dem Titel „European Prosperity Through Human Centric Artificial Intelligence“ ein SAP Thought Leadership Paper veröffentlicht, verfasst von Andreas Tegge, Head Global Public Policy. Dieses adressiert die Bedenken der Menschen und schlägt konkrete Maßnahmen vor, um eine zügige Adaption und Weiterentwicklung von künstlicher Intelligenz in Europa zu gewährleisten.

Es gibt derzeit wohl kaum ein Technologiethema, das so fasziniert, aber auch so kontrovers diskutiert wird wie künstliche Intelligenz und ihre Subkategorie maschinelles Lernen. Algorithmen, die selbständig Wissen aus Daten generieren können, ohne explizit programmiert worden zu sein, ermöglichen es Maschinen mittlerweile zu sehen, zu lesen, zu hören und zu interagieren. Im intelligenten Unternehmen ermöglicht es maschinelles Lernen, dass Prozesse verbessert und effizienter gestaltet werden können. Das steigert die Produktivität und erlaubt Mitarbeitern, sich Aufgaben zu widmen, die größeren Mehrwert schaffen.

Maschinelles Lernen wird in nahezu allen Industrien und Branchen Anwendung finden. Die wirtschaftlichen Vorteile gehen über Kostenersparnis hinaus: Unternehmen können Prognosen über Märkte, Kundenverhalten oder die Laufleistung von Maschinen machen, operative Arbeit wird weitreichend optimiert und Kundendienste sowie der Umgang mit Software können vollständig personalisiert werden. Nicht zuletzt kann maschinelles Lernen auch dazu beitragen, einigen der dringlichsten sozialen Herausforderungen der Gegenwart zu begegnen wie etwa Gesundheitswesen, Katastrophenprävention und öffentliche Sicherheit.

Doch dem gegenüber stehen auch eine Vielzahl von Bedenken und Unsicherheiten. Welche Auswirkungen wird maschinelles Lernen auf den Arbeitsmarkt haben? Wie können Datenschutz und die menschliche Kontrolle über maschinelle Entscheidungsfindungsprozesse weiterhin sichergestellt werden? Wird die Intelligenz von Maschinen schon bald gleichauf mit der des Menschen sein oder ihn gar überflügeln?

Luka Mucic, SAP-Vorstand und Chief Financial Officer, hält es für wichtig, dass diese Bedenken und Unsicherheiten in der öffentlichen Diskussion aufgegriffen werden: „Der Mensch wird auch in Zukunft die wichtigste Rolle spielen, aber diese wird sich ändern. Das Ziel sollte sein, dass sich Mensch und Maschine am Arbeitsplatz ergänzen und Maschinen die menschliche Arbeit unterstützen. Um darauf vorbereitet zu sein, müssen Politik, Industrie und Zivilgesellschaft in einen Dialog treten, zu dem SAP mit dem vorliegenden Thought Leadership Paper einen Beitrag leisten möchte.“

Das intelligente Unternehmen: Europas Chance auf dem Weltmarkt

Dass künstliche Intelligenz in Zukunft weltweit ein wichtiger Treiber von Innovation, Wachstum und Produktivität sein wird, steht außer Frage. Doch welche Rolle wird dabei Europa zufallen? Derzeit entspinnt sich ein Wettlauf zwischen China und den USA um die Weltmarktführerschaft in Sachen künstlicher Intelligenz, bei dem der europäische Kontinent bisher allenfalls Zaungast zu sein scheint.

Die USA sind aktuell Weltmarktführer in Sachen künstlicher Intelligenz. Unternehmen wie Google, Facebook und Microsoft investieren nicht nur in ML-Technologien, sondern sind auch durch ihren Zugang zu großen Datenmengen im Vorteil. In 2016 wurden ca. zwei Drittel aller Investitionen in ML-Technologien in den USA getätigt.

China kann mit einem großen Talentpool und den Daten von 1,4 Mrd. Menschen punkten und schickt sich an, neben den USA eine globale Führungsrolle im Bereich KI zu übernehmen. Die chinesische Regierung hat kürzlich einen Entwicklungsplan vorgelegt, der eine chinesische Weltmarktführerschaft im Bereich KI bis 2030 anstrebt. Unternehmen wie Alibaba und Baidu investieren massiv in autonomes Fahren, Smart Traffic, Verteidigung und Gesundheitswesen. Bis Ende 2018 könnte der chinesische Markt für künstliche Intelligenz auf 5 € Mrd. anwachsen.

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Man könnte leicht den Eindruck gewinnen, dass Europa angesichts dieser Umstände ins Hintertreffen geraten ist. Doch wenn es um den B2B-Markt für künstliche Intelligenz und das intelligente Unternehmen geht, kann Europa eine Führungsrolle einnehmen. Intelligente Geschäftsprozesse, intelligente Infrastruktur, digitale Assistenten und Chatbots eröffnen weitreichende Möglichkeiten für die Anwendung von ML.

Europa verfügt zudem über starke Industriekompetenz, die essentiell wichtig ist, um ML-Lösungen auf dem neusten Stand der Technik zu entwickeln. Zahlreiche große und kleine europäische Firmen sind Marktführer in ihren jeweiligen Bereichen und haben ein hohes Innovationspotenzial. In Paris, London und Berlin gibt es Startupszenen, die sich intensiv mit künstlicher Intelligenz beschäftigen. Im Bereich Data Analytics haben sich europäische Firmen bereits gut mit ML-Lösungen aufgestellt.

Andererseits gibt es in Europa auch ganz besondere Herausforderungen in Bezug auf die soziale Akzeptanz von ML-Technologien. Der Erfolg von maschinellem Lernen in Europa wird unmittelbar davon abhängen, dass bei der Entwicklung und Anwendung gesetzliche Standards und europäische Werte respektiert werden.

Auf dem Weg zur Dark Factory?

Die Zukunft der Arbeit steht in direktem Zusammenhang mit der Einbettung von maschinellem Lernen in alle Facetten eines Unternehmens. Es gilt als sicher, dass ML in vielen Aufgabenbereichen Potenzial zur Automatisierung erschließen wird. Experten führen eine kontroverse Debatte darüber, welche und wie viele Jobs von dieser Automatisierung betroffen sein werden. Schätzungen reichen von 5 bis 47 Prozent aller Tätigkeiten.

Andererseits wird maschinelles Lernen auch Arbeitsplätze schaffen – nicht zuletzt deshalb, weil man Spezialisten brauchen wird, um ML-Systeme zu entwickeln und effizient zu nutzen. Davon abgesehen werden menschliche Originalität, Kreativität und Innovationsfähigkeit gefragter sein als je zuvor, was gänzlich neue Berufsbilder entstehen lassen wird. ML könnte auch dem durch den demografischen Wandel bewirkten Arbeitskräftemangel in Europa entgegenwirken und den Druck auf Firmen reduzieren, ihre Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern.

Die genauen Auswirkungen vorherzusagen ist schwierig, doch künstliche Intelligenz wird voraussichtlich evolutionär und nicht revolutionär sein. „Die meisten dieser Entwicklungen stehen allerdings erst in der Zukunft bevor und überschreiten das, was derzeit im Bereich des maschinellen Lernens möglich ist“, sagt Markus Noga, der das ML-Team der SAP leitet. „Wir haben die Fäden in der Hand und können aktiv mitgestalten, was in welchem Umfang automatisiert wird. Letztendlich ist es unser Ziel das menschliche Potential durch Technologie zu erweitern und nicht einzuschränken.“

SAP Chief Innovation Officer Jürgen Müller hält die sogenannte ,dark factory’, in der kein Licht mehr brennt, weil Maschinen zum Arbeiten keines brauchen, für nicht realistisch. „Maschinelles Lernen kann sehr spezifische Aufgaben automatisieren, doch so vielseitig wie ein Mensch ist künstliche Intelligenz noch lange nicht – falls sie es jemals sein wird. Die Zukunft der Arbeit wird deshalb vor allem vom Zusammenspiel von Menschen und Maschinen geprägt sein. Dabei ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Menschen künstliche Intelligenz nutzen, um ihre eigenen Fähigkeiten zu ergänzen und zu verbessern, und nicht etwa mit ihr in Konkurrenz treten.“

Welche Weichen jetzt gestellt werden müssen und was SAP empfiehlt

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, muss Europa die Chancen, die sich besonders im B2B-Markt bieten, wahrnehmen. Dazu müssen legitime Bedenken adressiert werden. Im SAP Thought Leadership Paper werden konkrete Empfehlungen für die europäische Politik und Wirtschaft ausgesprochen, um gemeinsam den Einsatz und die Weiterentwicklung von KI-Technologien in Europa zu beschleunigen.

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Dazu ist es wichtig, einen gesellschaftlichen Dialog zwischen allen beteiligten Interessensvertretern aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft innerhalb der Mitgliedsstaaten, aber auch auf EU-Ebene, in Gang zu setzen, um eine gemeinsame Vision für künstliche Intelligenz in Europa zu entwickeln.

SAP spricht sich für einen einheitlichen Rechtsrahmen innerhalb der EU aus, der die Entwicklung von KI begünstigt sowie die Förderung groß angelegter Forschungs- und Innovationscluster, um ML-Modelle durch partnerschaftliche Arbeit und die Verwendung großer Datensätze noch zuverlässiger und robuster zu machen, sowie um Forschungsprojekte zur Zukunft der Arbeit ins Leben zu rufen.

Die Förderung ML-relevanter Fähigkeiten und Kompetenzen bei Mitarbeitern steht ebenfalls sehr weit oben auf der Liste. Nicht nur müssen zukünftige Berufsanwärter auf Tätigkeiten in einer KI-basierten Umgebung vorbereitet werden; die Industrie muss auch dafür Sorge tragen, dass die derzeitige Arbeitnehmerschaft entsprechend weiterqualifiziert wird.

Elementar wichtig für die Entwicklung künftiger ML-Lösungen ist die Verfügbarkeit von Trainingsdaten für maschinelles Lernen. Dazu sollen im Rahmen der existierenden Datenschutzrichtlinien technische und administrative Hürden abgebaut werden, um die Nutzung der Daten etwa mittels des Open Data Portals seitens der öffentlichen Verwaltung möglich zu machen.

SAP schlägt weiterhin vor, einen Verhaltenskodex zum Thema ‚Good AI Governance and Business Practices‘ zu erstellen, in dem sich die Industrie auf Grundprinzipien und konkrete Vorgehensweisen zur Sicherung von ethischen und rechtlichen Standards bei der Entwicklung und Anwendung von ML-Lösungen verständigt.

Darüber hinaus sieht SAP den öffentlichen Sektor in Europa in der Verantwortung, Vorreiter beim Einsatz künstlicher Intelligenz zu werden, um die konkreten Vorteile für die Bürger greifbar zu machen und ein breiteres Verständnis darüber zu schaffen, was KI leisten kann. Dasselbe gilt für den Mittelstand, das Rückgrat der europäischen Wirtschaft – hier verspricht die Nutzung von KI große Chancen, um die Digitalisierung kleiner und mittlerer Unternehmen zu beschleunigen.

„Der Mensch muss im Mittelpunkt jeglicher Diskussion um künstliche Intelligenz stehen“, so Bernd Leukert, Mitglied des Vorstands der SAP und verantwortlich für Produkte & Innovation. „Um sowohl die Bedenken der Menschen zu adressieren als auch wirtschaftliche Chancen zu nutzen, ist es wichtig, dass Europa einen eigenen Weg für die Entwicklung und Nutzung künstlicher Intelligenz findet. Die Industrie muss Vertrauen in diese Technologien schaffen. Als SAP möchten wir hier eine Führungsrolle einnehmen.“

Ausführlichere Informationen zur Position von SAP finden sich im SAP Thought Leadership Paper.

Bildquelle: Shutterstock

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