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Frieden stiften mit Landwirtschaft

Feature | 14. Oktober 2016 von Elisabeth Peternek 2

Flucht ist heute leider allzu gegenwärtig. Das Startup Conflictfood unterstützt Bauern in Krisengebieten, indem sie ihnen neue Absatzmärkte eröffnen und damit eine wirtschaftliche Perspektive bieten. Ein erster wichtiger Schritt in eine autonome und existenzsichernde Zukunft.

Kein Tag vergeht, an dem die Medien nicht über gerettete Flüchtlingsbote im Mittelmeer und Flüchtlingsströme auf dem Weg nach Europa berichten, oder Bilder lang währender Konflikte ausgraben, damit wir nicht vergessen. Die Fluchtursachen ähneln sich nur zu oft: Krieg, Verfolgung und Armut. Wie können wir aus der Ferne helfen?

Das Startup Conflictfood möchte einen Beitrag leisten, Fluchtursachen an der Wurzel zu bekämpfen. Im Jahr 2015 reisen Salem El-Mogaddedi und Gernot Würtenberger nach Afghanistan. Was als Besuch ehrenamtlicher Hilfsprojekte begann, endete mit mehreren Kilo Safran im Handgepäck auf der Rückreise.

90% des weltweiten Opium-Handels wird von Afghanistan bedient.**

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Safranernte in Afghanistan (Foto: Gernot Würtenberger)

Lebensunterhalt: Von Opium zu Safran

Auf den Feldern des Frauenkollektivs in der Provinz Herat wurde jahrelang Opium angebaut. Heute blühen dort die violetten Blüten des Safrans. Das afghanische Institut für ländliche Weiterentwicklung gründete 2008 die Vereinigung zur Kultivierung von Safran. Dieses wurde zunächst von Männern dominiert. Mit der Hilfe einer NGO und nach vielen Gesprächen mit dem örtlichen Rat, gelang es den Frauen schließlich sich abzutrennen. Sie formierten sich neu und selbstverwaltet zum ersten Frauenrat. Nun konnte dauerhaft ein Ort entstehen, an dem sich Frauen unabhängig austauschen, Konferenzen abhalten und Fortbildungen stattfinden und natürlich auch der autonome Vertrieb von Agrarprodukten, wie dem Safran, ermöglicht.

Im Länderranking der Weltbank belegt Afghanistan beim grenzüberschreitenden Handel den letzten Platz. Conflictfood möchte mit dem Verkauf des Safrans vor Ort die Strukturen von innen heraus stärken und das Frauenkollektiv unterstützen. „Nach mehreren Besuchen zur Erntezeit, entschieden wir, wir kaufen diesen Frauen den Safran ab und erzählen über das Produkt eine andere Geschichte des Landes, die in den Medien eigentlich nicht so präsent ist“, erzählt El-Mogaddedi. Dass daraus Conflictfood wird und sie noch weitere Länder bereisen, ist erst in Deutschland entstanden.

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Conflictfood Team, Melisa Mincova, Gernot Würtenberger, Salem El-Mogaddedi, Laura Hellwig, Foto: Melisa Mincova

SAP unterstützt soziale Startups

Im Mai 2016 ging Conflictfood mit seinem ersten Produkt, dem Safran, an den Markt. Diesen erhält der Käufer in einer handgefertigten Schachtel gefüllt mit Rezepten, Produktinformationen und einer kleinen Zeitung, die über ein Afghanistan abseits des Krisenimages berichtet. Diese Darreichungsform drückt gleichzeitig die Würdigung der Arbeit des Frauenkollektivs aus. Mittlerweile ist das Team um Würtenberger und El-Mogaddedi weiter gewachsen. Externe Mitarbeiter und Volontäre unterstützen bei Übersetzungen, redaktioneller Recherche, Social Media und Webdesign. Doch vor dem Markteintritt gab es einige Fragen zu klären: Wie stellt man einen Finanzierungsplan auf? Was gibt es beim Vertrieb und Handelskonzept zu beachten? An dieser Stelle unterstützt SAP soziale Startups wie Conflictfood. Das Startup ist Gewinner eines Stipendiums von Startery. Das neunmonatige Programm umfasst die Nutzung der Infrastruktur des Social Impact Labs in Berlin, Workshops, Coaching und Mentoring. So kamen Würtenberger und El-Mogaddedi in Kontakt mit Anja Engelhardt, ihrer Mentorin bei SAP.


Im Rahmen des gesellschaftlichen Engagements unterstützt SAP Corporate Social Responsibility Bildung und Entrepreneurship. Zentraler Bestandteil dieses Engagements ist das Programm Startery (vorher: Social Impact Start) gemeinsam mit der Social Impact gGmbH. Weitere Infos zum Programm.


Engelhardt studierte Betriebswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Außenhandel/-wirtschaft und arbeitet seit mehr als 18 Jahren in verschiedenen Rollen bei SAP (seit einigen Jahren als Go-To-Market-Lead for Travel and Transportation). Über einen internen Verteiler wird sie auf Conflictfood aufmerksam. Sofort war für sie klar: Wenn sie SAP-Mentorin wird, dann für dieses Projekt. „Es ist eine Herzensangelegenheit von mir. Ich telefoniere auch gerne an meinen freien Tagen mit den beiden und bin total begeistert, wie erfolgreich sie sind und welchen Elan sie mitbringen“, schwärmt Engelhardt. Sie sehe die Aufgabe einer Mentorin als Ratgeberin, aber kann auch durch ihre langjährige Erfahrung in speziellen Themen wie Vermarktung und Vertrieb in neuen Märkten wichtige Impulse geben. „Es ist wichtig von einer externen Person Feedback zu bekommen, die nicht permanent damit zu tun hat“, bestätigt El-Mogaddedi.

Crowdfunding für ein Wunderkorn

Das nächste Produkt steht schon in den Startlöchern: Freekeh, eine Weizenart die jung geerntet und dann geröstet wird, aus Palästina. „Palästina ist das Sinnbild des Nahost-Konflikts, den wir gerne wieder medial auf den Tisch bringen wollen“, erklärt El-Mogaddedi. In Berlin lernten sie einen Priester kennen, der in Bethlehem sehr aktiv in der Friedensarbeit ist und vor Ort den Kontakt zu kleinen Genossenschaften und Bauern herstellte. Auch diplomatische Vertretungen und NGOs sind ein wichtiger Ansprechpartner für Conflictfood, um Kontakte herzustellen, Informationen über die politische Situation zu erhalten, ob man sich frei im Land bewegen darf, oder nicht.

Wurde die Afghanistan-Expedition noch aus eigenen Taschen finanziert, soll nun die Markteinführung des palästinensischen Produktes über ein Crowdfunding realisiert werden. Gleichzeitig ist „die Crowd“ ein weiterer Feedback- und Ideengeber. Das Crowdfunding startete im Rahmen des Festivals Stadt Land Food in Berlin/ Kreuzberg. Das Festival stand unter dem Oberthema der Identität und wie Essen und Lebensmittel unsere Identität beeinflussen. Ein Thema, dass auch Würtenberger und El-Mogaddedi mit ihrem Startup am Herzen liegt. Ihre Botschaft: unser Konsum ist immer auch eine politische Entscheidung. Nehmen wir schlechte Arbeitsbedingungen für billige Preise in Kauf? Interessiert es uns, ob für unser Produkt Landraub betrieben wurde?

El-Mogaddedi: „Wir sind an den Punkt angekommen, an dem wir uns nicht weiter darüber beschweren können, was man besser machen könnte auf der Welt. Wir müssen selbst etwas unternehmen. Conflictfood ist unser kleiner Beitrag. Jeder kann in seinem Maße und mit seinen Kräften etwas bewirken.“

Lesen Sie auch den Artikel: Startery – SAP baut die Hilfe für Startups aus

** Zitatinfo: Afghanistan ist derzeit der größte Opiumproduzent der Welt. Das hat dramatische Folgen für das Land selbst und die Grenzstaaten, die auf den Drogenrouten in Richtung Europa liegen. Um den illegalen Handel zu bekämpfen, muss nicht nur die Opiumproduktion im Inland, sondern auch die Vernetzung der betroffenen Staaten ausgebaut werden. Die Europäische Kommission startet gemeinsam mit den ECO-Mitgliedsstaaten Maßnahmen, um die Stabilität der Region zu stärken und die Sicherheit und Gesundheit der Bevölkerung in Afghanistan und entlang der Transitrouten zu verbessern (Quelle GIZ).

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