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Schlaflos

Blog | 3. November 2017 von Jennifer Johnson, Angela Klose 1

Als ich mit Anfang Zwanzig am College studierte, war es immer cool, damit anzugeben, mit wie wenig Schlaf man auskommt: „Hey, ich habe die letzte Nacht durchgemacht, um für die Prüfung zu lernen.“ Es ist schon verrückt, wie wenig einem das damals scheinbar ausgemacht hat. Selbst wenn man die ganze Nacht durchgelernt hatte, hatte man offenbar immer noch genug Energie, um das ganze Wochenende durchzufeiern.

Die U.S. Centers for Disease Control and Prevention (CDC) berichten über Trends, die zeigen, dass die Menge an Schlaf, die Menschen in den USA bekommen, seit mehr als 27 Jahren stetig sinkt. Die Anzahl der Erwachsenen, die innerhalb von 24 Stunden nur sechs Stunden Schlaf bekommen, hat sich von 38,6 Millionen auf 70,1 Millionen verdoppelt. Und dieses Problem existiert nicht nur in den USA. Beispielsweise ergab eine Studie des japanischen Gesundheitsministeriums, dass zwischen 30 und 40 Prozent der Männer in Japan zwischen 20 und 50 Jahren an Schlafstörungen leiden, die auf Stress im Beruf zurückzuführen sind. (Quelle: Joe Sherwood, SAP SuccessFactors, May 2017: You Snooze You… Win? )

Viele Jahre nach dem Studium beginnt für manche von uns eine andere Phase der durchwachten Nächte … als Eltern. Bei Frauen können Schlafstörungen bereits in der Schwangerschaft auftreten. So war es jedenfalls bei mir. Vom Sommer 2010 bis zum Sommer 2013 habe ich kaum geschlafen. In keiner einzigen Nacht schlief ich mehr als zwei bis vier Stunden, ohne aufzuwachen. Am schlimmsten war es nach der Geburt meines Sohnes. Von der Nacht, in der er geboren wurde, bis zu seinem ersten Geburtstag meldete er sich alle zwei Stunden und auch tagsüber wollte er nicht schlafen. Dadurch hatte ich keine Gelegenheit, den Schlaf nachzuholen – vier ganze Jahre lang. Und so begannen die Schlafstörungen.

Schon gewusst? Geht man zu unterschiedlichen Zeiten ins Bett und steht auch zu unterschiedlichen Zeiten auf, bringt dies die innere Uhr durcheinander und wirkt sich negativ auf die Schlafqualität aus. Wenn man immer etwa um die gleiche Zeit ins Bett geht und aufsteht (+/- 20 Minuten), stellt sich der Körper darauf ein und man schläft besser. (Mehr dazu: Why a Regular Sleep Schedule Benefits Your Health | How to Get on a Sleep Schedule)

Schlaflosigkeit beeinträchtigt die Leistungsfähigkeit

Nach zwei Jahren Elternzeit fing ich im April 2013 wieder an zu arbeiten. Zu dieser Zeit ging auch meine Ehe in die Brüche. Ab September 2013 war ich alleinerziehend – mit einem 2 ½-jährigen Sohn, im Ausland, ohne Familie, die mich hätte unterstützen können. In den meisten Nächten wachte ich um 3 Uhr auf und grübelte, bis der Wecker klingelte. Ich lag stundenlang wach und machte mir Sorgen. Dann stand ich auf und begann mein Tagesprogramm. Irgendwann fing ich an, in den schlaflosen Stunden zu arbeiten und so begann ein Teufelskreis. Mein Gehirn konnte einfach nicht mehr abschalten … ich war total überdreht.

Die Abteilung Schlafmedizin der Harvard Medical School hat herausgefunden, dass die kurzfristigen Produktivitätsgewinne, die sich ergeben, wenn man die schlaflose Zeit fürs Arbeiten nutzt, schnell durch die schädlichen Auswirkungen des Schlafentzugs zunichte gemacht werden. Die Stimmung, die Konzentrationsfähigkeit und die Nutzung höherer Hirnfunktionen leiden. Die negativen Folgen von Schlafmangel sind so groß, dass sogar Betrunkene im Vergleich zu Menschen mit Schlafstörungen in der Leistungsfähigkeit besser abschneiden können. (Dr. Travis Bradberry, expert on the field of emotional intelligence). Und jemandem mit Schlafdefizit – genauso wie jemandem unter Alkoholeinfluss – mag es laut einer Veröffentlichung der Harvard Business Review vielleicht gar nicht auffallen, dass seine Leistungsfähigkeit beeinträchtigt ist.

Meine Kollegen und meine Manager haben mich in der Zeit meiner Trennung ganz toll unterstützt. Aber niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung, wie meine Nächte aussahen. Darüber habe ich einfach nicht gerne gesprochen. Ich war jeden Tag pünktlich bei der Arbeit und habe meinen Job gemacht. Niemand konnte merken, dass ich oft auch nachts gearbeitet habe, um alles zu bewältigen. Ich habe mir einfach gedacht: „Du musst funktionieren, Jenny! Du schaffst das!“ Ja, es ist schon erstaunlich, zu welchen Dingen man fähig ist. Wenn man aber nicht schläft, schadet dies dem Körper. Und auch die Seele leidet – mit Langzeitfolgen. Denn Schlafmangel wirkt sich auf die körperliche und seelische Gesundheit aus. Zu wenig Schlaf führt zu Teilnahmslosigkeit, kann falsche Entscheidungen nach sich ziehen, vermindert die Kreativität und die Fähigkeit, Probleme zu lösen. (Dr. Els von der Helm, sleep scientist)

Meine Schlafstörungen hielten weiter an und wirkten sich auch auf meine körperliche Gesundheit aus. Mein Sohn brachte die typischen Krankheiten mit nach Hause, die in der Krippe oder im Kindergarten kursieren. Weil mein Immunsystem nicht in Ordnung war, habe ich mich immer angesteckt – nur, dass bei mir der Krankheitsverlauf oft noch heftiger war. Im April 2014 bekam ich Pfeiffersches Drüsenfieber. Zwei Wochen lang konnte ich überhaupt nicht schlucken oder sprechen, weil mein Hals so entzündet war. Ich hatte eine schlimme Bindehautentzündung. Außerdem bekam ich eine böse Mittelohrentzündung, durch die ich monatelang auf dem linken Ohr eine halbe Note höher hörte als auf dem rechten. An Musikhören – was ich sehr gerne mache – war nicht zu denken. Es ging mir hundeelend. So wird auch Schlafmangel mit verschiedenen ernsthaften Gesundheitsproblemen in Verbindung gebracht, darunter mit Herzinfarkt, Schlaganfall, Typ-2-Diabetes und Adipositas. (Dr. Travis Bradberry)

Schlafmangel erzeugt Stress

Wie sollte ich trotzdem weiter funktionieren, arbeiten und mich um meinen Sohn kümmern? Dann, eines Morgens, nachdem ich meinen Sohn in den Kindergarten gebracht hatte, passierte es. Ich spürte, dass ich den Tiefpunkt erreicht hatte. Ich stand in meiner Küche an der Spüle, schaute aus dem Fenster und fühlte mich einfach nur noch erschöpft. Ich musste mir Hilfe holen.

Durch die Erschöpfung fühlte ich mich sehr unsicher und hatte Angst – meinen Job zu verlieren, mein Haus, alles. Ich war nicht einmal mehr in der Lage, Briefe zu öffnen oder meine E-Mails zu checken. Ich hatte Angst, mit irgendjemand von der Arbeit darüber zu sprechen. Der Schlafmangel hatte mich in einen permanenten Alarmzustand versetzt. Jedes noch so kleine Problem war eine riesige Last … ganz zu schweigen von den großen. Dauerhafter Schlafmangel erzeugt Stress, weil der Körper zu viel Stresshormon Cortisol produziert, wenn er zu wenig Schlaf bekommt. (Dr. Travis Bradberry)

Ich bin ein richtiger Bücherwurm und bilde mich gerne weiter, indem ich viel lese – nicht im Internet, sondern in Büchern. Also begann ich, viel über das menschliche Hirn und die Konsequenzen von Stress nachzulesen. So habe ich erkannt, dass mein Körper voller Stresshormone war, die mein Gehirn in einen permanenten Alarmzustand versetzten. Ein weiterer Part im Teufelskreis der Schlaflosigkeit. Wow! Als mir allein das klar wurde, wurde alles viel leichter. Ich wusste endlich, warum ich so viel Angst hatte. Das war der erste Schritt auf meinem Weg, nachts wieder Durchschlafen zu lernen.

Und heute, im Oktober 2017? Ich habe für mich ein paar Regeln entwickelt, um dieses verrückte, wundervolle Leben zu überleben:

  • Ich halte mich an einen sehr strengen Schlafrhythmus – für meinen Sohn und für mich. Und ich mache nur sehr selten Ausnahmen.
  • Ich mag Kaffee, aber ich gönne ihn mir nur bis 13.00 Uhr. Außerdem versuche ich mich auf zwei Tassen zu beschränken. Sonst kann ich nicht zu den gewohnten Zeiten ins Bett gehen.
  • Ich versuche, regelmäßig mit meinem Kind an die frische Luft zu gehen und Sport zu machen. Wir fahren morgens zusammen mit dem Fahrrad zur Schule. Diese 3 Kilometer sind ein toller Ausgleich für mich.
  • Ich lese im Bett nicht mehr auf dem Handy. Das blaue Licht verleitet einen zu glauben, dass man nicht müde ist.
  • Ich beschränke berufliche Abend-Calls auf ein paar Mal pro Woche. Sonst bin ich zu aufgedreht, um jeden Abend rechtzeitig ins Bett zu gehen.
  • Yoga hilft mir auch, besser zu schlafen. Ich versuche, jede Woche einen Yogakurs zu besuchen und zusätzlich 5 bis 10 Minuten nur für mich jeden Tag, wenn ich es irgendwie unterkriege.
  • Der Fernseher bleibt bei uns aus. Wir schauen uns nur sehr ausgewählte DVDs an – ein paar Mal pro Woche. Denn Fernsehen ist für mich ein echter Schlafkiller.
  • Und – und das ist am allerwichtigsten: Es ist keine Schande, sich Hilfe zu holen, wenn man merkt, dass alles zu viel wird.

Schlafmangel verändert uns, oft ohne dass wir es merken.  Ich habe ein sehr erfülltes Leben. Nicht zuletzt, weil ich mir erlaube, Schlaf wichtig zu nehmen. Ich habe wieder mehr Energie für die Menschen und Dinge, die ich liebe: meinen wunderbaren Sohn, einen tollen Job und klasse Freunde und Kollegen, die mich unterstützen.

 

 

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