Big Data: neue Technik, neues Wissen

Feature | 30. Mai 2012 von Heather McIlvaine 0

Das Symposium des Münchner Kreises zu Big Data brachte Experten aus IT, Wirtschaft und Wissenschaft zusammen. (Foto: SAP.info)

Letzten Donnerstag wimmelte es bereits morgens gegen 9 Uhr im Konferenzraum des Münchner Hilton City Hotel von Vertretern aus Wirtschaft und IT. Der Münchner Kreis hatte zum Big-Data-Symposium geladen, und internationale Unternehmen wie Google, SAP, Intel, Sky Communications, Bosch, Springer und andere kamen – und wollten sich mit Forschungseinrichtungen und Beratungsunternehmen über das Trendthema Big Data informieren und von Experten von Siemens, BMW und IBM lernen. Doch was verbirgt sich denn nun hinter Big Data? Eine große Datenmenge anscheinend; und weiter?

Die vier Vs

Wie das McKinsey-Institut bereits letztes Jahr in seinem zu diesem Thema veröffentlichen Bericht feststellte, ist die Definition von Big Data immer relativ. So hängt sie zum Beispiel von der serverbedingten Speicherkapazität zu einer gegebenen Zeit oder von der herkömmlichen Datenmenge einer Branche ab. Laut McKinsey bezeichnet Big Data eine Datenmenge, die zu groß ist, um von herkömmlichen Softwaretools gespeichert und analysiert zu werden. Mit zunehmendem technischen Fortschritt wächst daher auch die Datenmenge, die als Big Data bezeichnet wird.

Dem stimmte Prof. Dr. Volker Markl von der Technischen Universität Berlin zu. Er stellte fest, dass die heute als Big Data bezeichnete Datenmenge dank Neuerungen wie SAP HANA bald schon für den Hauptspeicher eines gewöhnlichen Servers keine Probleme mehr bereiten wird. Er und seine Kollegen sprechen bereits von „Medium Data“ – eine große Datenmenge, die aber nicht vollkommen unbeherrschbar ist. Transaktionsdaten können beispielsweise als „Medium Data“ bezeichnet werden.

Markl hob hervor, dass unterschiedliche Faktoren die Datenanalyse erschweren. In diesem Zusammenhang spricht die Fachwelt von den vier Vs (Volume, Velocity, Variability und Veracity). Neben dem Datenvolumen stellen auch der schnelle Analysebedarf, das variierende Datenformat – strukturierte und unstrukturierte Daten – und die Richtigkeit der Daten hohe Anforderungen an die Analyse.

Warum sehen die Unternehmen Big Data angesichts dieser Schwierigkeiten dennoch so optimistisch?

Von links: Dr. Alexander Duisberg, Bird & Bird LLP, Prof. Arnold Picot, LMU München, Christian Klezl, IBM (Foto: SAP.info)

Großer Wettbewerbsvorteil

Studien zeigen, dass Unternehmen eine um 5 bis 6 Prozent höhere Produktivitätssteigerung erzielen können, wenn sie ihre Entscheidungen auf Daten stützen. Das mag selbstverständlich klingen. Doch wie Christian Klezl, Vice President und Cloud Leader bei IBM, sagte, macht das den Unterschied zwischen erfolgreichen und gescheiterten Unternehmen aus. Laut Klezl gibt einer von drei Firmenchefs zu, dass Entscheidungen in seinem Unternehmen anhand nicht vorhandener oder nicht vertrauenswürdiger Informationen getroffen werden. Und 60 Prozent der Führungskräfte geben an, dass sie über mehr Daten verfügen als effektiv genutzt werden.

Mit Big Data können Unternehmen einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil erzielen, doch viele kämpfen noch damit, dieses Potenzial zu nutzen. Schwierig im Zusammenhang mit großen Datenmengen ist es, die entscheidenden Informationen zur rechten Zeit bereitzustellen. Das wird die Aufgabe der BI-Werkzeuge der nächsten Generation sein. Markl vertritt die Ansicht, dass in Zukunft Daten unterschiedlicher Herkunft zueinander in Beziehung gestellt werden müssen – nicht nur aus Data Warehouses, sondern auch aus Web-Services, dem firmeneigenen Intranet und dem Internet. Nehmen wir an, Sie möchten das Durchschnittsalter aller Unternehmenschefs nach Land und Branche feststellen. Laut einer Quelle ist Bill Gates der Chef von Microsoft, eine andere Quelle gibt an, dass Bill Gates 56 Jahre alt ist. Die nächste Generation der BI-Tools wird solche Informationen zusammenführen und in Beziehung zueinander setzen, um die richtige Antwort zu liefern. (Und aufzeigen, dass Bill Gates Chairman von Microsoft ist und Steve Ballmer der CEO.)

Damit können dann auch Fragen nach der regionsspezifischen Kundenzufriedenheit und der Veränderung der Produktstimmung im letzten Jahr beantwortet werden. Diese Informationen können für einen Produktivitätszuwachs entscheidend sein, der verglichen mit den Mitbewerbern um fünf bis sechs Prozent höher ist. Und nicht nur Großunternehmen profitieren davon. Dank der Speicherung und Analyse dieser Daten in der Cloud können auch kleine und mittlere Unternehmen die Vorteile großer Datenmengen nutzen.

Die allgemeine Begeisterung für Big Data ist wohl der Tatsache zuzusprechen, dass sich die enormen Datenmengen auf nahezu alle Branchen auswirken – vom Finanzsektor über das Gesundheitswesen bis hin zu alternativen Energietechniken – sowie letztlich auf Einzelpersonen und Organisationen überall.

Das Branchenpanel: Axel Deicke, BMW, Prof. Dr. Jörg Ebersprächer, TU München, Dr. Volker Rieger, Detecon International GmbH, Prof. Dr. Tresp, Siemens (Foto: SAP.info)

Technik ist Nebensache

Obgleich die Erhebung, Speicherung und Analyse gewaltiger Datenmengen sicherlich mit dem technischen Fortschritt der letzten Jahre zusammenhängt, hat der praktische Nutzen von Big Data nicht wirklich mit der Technik zu tun, so IBM-Redner Klezl. Sein Unternehmen arbeitete kürzlich mit der irischen Stadt Dublin an der Optimierung von Busrouten und Fahrplänen zusammen. Sie trugen Ortungsdaten der Dubliner Busflotte zusammen und untersuchten das Pendlerverhalten, um effizientere Fahrpläne zu gestalten. Zudem wurden an Bushaltestellen Anzeigetafeln mit zeitnaher Aktualisierung der Busstandorte und Ankunftszeiten installiert. Die Fahrgäste können nun besser entscheiden, ob sie fünfzehn Minuten auf den nächsten Bus warten oder den Kilometer zu ihrem Ziel gehen möchten.

Dr. Volker Rieger von Detecon International in Bonn stellte weitere innovative Big-Data-Anwendungsbeispiele von mittelständischen Unternehmen und Start-ups vor. Das deutsche Immobilienportal immoscout24 nutzt seine Immobiliendatenbank, um Daten über Marktpreise zu gewinnen, und verkauft diese Informationen an Hauseigentümer. Ganz ähnlich ist es beim US-amerikanischen Start-up Bid my Bill. Das Unternehmen hat ein System eingeführt, mit dem Telekommunikationsanbieter basierend auf der Rechnungshistorie des Nutzers ein Gebot für einen Telefonvertrag abgeben können.

Auch andere Redner haben den branchenübergreifenden Nutzen von Big Data angesprochen. Die Möglichkeiten sind immens. Hier einige Beispiele:

  • Energieversorgung: Analyse von Smart-Meter-Daten zur Verbesserung von Energieversorgung und Nachfrageprognosen
  • Gesundheitswesen: Optimierung von Versicherungspolicen und bessere Entscheidungen vonseiten der Behörden
  • Alternative Energien: Analyse von Wetterdaten zur besseren Platzierung von Windrädern
  • Klima: Korrelation von vorausgesagtem Wasserbedarf und erwarteter Regenmenge in einer bestimmten Region zur optimalen Wassernutzung
  • Kriminalität: Analyse diverser Datenquellen zur Identifizierung von urbanen Problembereichen und besseren Organisation der Polizeipräsenz
  • Finanzen: Nutzung der Ereignisverarbeitung zur Risikosteuerung beim Handel
  • Fertigung: Einsatz von Fahrzeugsensoren für die Planung der präventiven Instandhaltung
  • Telekommunikation: zeitnahe Standort- und Häufigkeitsanalyse von Anrufausfällen für eine bessere Erreichbarkeit und Bindung der betroffenen Kunden

Viele Gespräche drehten sich um Datenschutz und rechtliche Fragen. (Foto: SAP.info)

Gesetze müssen her

Während Redner und Zuhörer gleichermaßen von der aufgezeigten Big-Data-Zukunft beeindruckt waren, ließ sie ein Aspekt jedoch aufhorchen: Privatsphäre und Datenschutz. Die Technologie macht schnelle Fortschritte und die Rechtsprechung hat es schwer, da mitzuhalten. Beim Thema Daten gibt es viele offene Fragen: Wem gehören die in einer Datenbank gehaltenen Daten? Dem Unternehmen, das die Daten erhebt, oder dem Cloud-Serviceanbieter, der sie bereitstellt? Die Kunden würden sagen, dass die Daten ihnen gehören. Doch solange die Informationen keinen individuellen Personenbezug aufweisen, ist die Eigentumsfrage ungeklärt. Und welche Auswirkungen hat es, dass die Staaten unterschiedliche Regelungen haben?

Dieser Teil der Konferenz warf viele Fragen auf, gab aber nur wenige Antworten. Doch eines ist deutlich geworden: Solange Daten für Unternehmen, Einzelpersonen und selbst Staaten zunehmend an Wert gewinnen, ist die Eigentumsfrage von großer Bedeutung.

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