Die lächelnde Revolution

Feature | 12. September 2007 von admin 0

Woran dachten Sie, als Sie am 19. September 1982 das erste Emoticon versandten, das auch unter dem Namen Smiley bekannt ist?

Fahlman: Um es kurz zu machen: Wir hatten ein Online-Forum ohne spezielles Themengebiet, in dem sowohl ernsthafte Diskussionen geführt als auch scherzhafte Beiträge eingestellt wurden. Es kam manchmal vor, dass Leute sarkastisch gemeinte Bemerkungen im Forum ernst nahmen und sich dann darüber aufregten. Wir brauchten also eine möglichst kurze Art zu sagen: „Ist nicht wirklich ernst gemeint“. Wir hatten damals aber nur eine einzige Betreffzeile aus ASCII-Zeichen zur Verfügung, was uns ziemliches Kopfzerbrechen bereitete. Mir fiel auf, dass die Zeichenfolge 🙂 gut erkennbar ein lächelndes Gesicht ergibt, wenn man den Kopf auf die Seite legt. Ich schlug diese Möglichkeit vor – und der Rest ist Geschichte. Das ist die Kurzfassung; eine ausführliche Version steht auf meiner Internetseite.

Wie werden Sie das 25-jährige Jubiläum des Smileys feiern?

Fahlman: Wir feiern hier an der Carnegie Mellon University eine kleine Party. Wir hoffen, dass von den Studenten, Mitarbeitern und Dozenten, die damals hier tätig waren und mittlerweile weggezogen sind, einige zum Mitfeiern kommen.

Welche Emoticons verwenden Sie heute noch?

Fahlman: Ich verwende die von mir vorgeschlagenen Symbole 🙂 und 🙁 mehrmals täglich. Hin und wieder verwende ich auch andere, beispielsweise 😉 für ein Augenzwinkern. Ich denke, diese Emoticons sind nützlich, zumindest sind sie es für mich. Die „nasenlosen“ Versionen, beispielsweise 🙂 und 🙁 verwende ich grundsätzlich nicht. Die sehen für mich zu sehr wie Frösche aus.

Was ist ihre Lieblingsgeschichte über die Emoticons?

Mehre Mitglieder meiner Familie sind erfolgreiche Geschäftsleute. Sie nannten mich häufig scherzhaft das „schwarze Schaf der Familie“, weil ich so etwas Unpraktisches wie die Forschung im Bereich der künstlichen Intelligenz zu meinem Beruf gemacht habe. Raten Sie mal, wer das erste Mitglied unserer Sippe war, dessen Name auf der Titelseite des Wall Street Journal prangte – und das wegen einer komplett albernen Sache :-). Kürzlich erschien ein Artikel über mich mit Foto im Modeteil der New York Times – das ist schon beinahe unvorstellbar.

Haben Sie jemals geglaubt, dass die Smileys so beliebt sein würden?

Fahlman: Ich habe mich zunächst gewundert, dass die Idee überhaupt Fuß gefasst hat. Ich habe mich auch gewundert, als die Idee in den Wohnzimmern der eher technikfernen Leute ankam. Ich wundere mich darüber, dass die Text-Smileys auch heute noch verwendet werden, wo doch jeder auf einfache Weise komplexe grafische Botschaften oder Videomitteilungen verschicken kann.

Auf Ihrer Website erwähnen Sie das „Digital Coelacanth Project“ („digitales Quastenflosser-Projekt“). Was hat es damit auf sich?

Fahlman: Der Quastenflosser – ein „fehlendes Glied“ in der Evolutionsgeschichte – ist eine sehr alte Fischart. Man ging lange davon aus, dass sie vor Millionen von Jahren ausgestorben war. 1938 fingen Fischer in Südafrika jedoch plötzlich einen lebenden Quastenflosser. Etwas Ähnliches ist mit dem Original-Forumseintrag passiert, in dem ich vorschlug, die Symbole 🙂 und 🙁 zu verwenden. Ich habe diesen Eintrag in rund zehn Minuten geschrieben, und ich habe mir nie träumen lassen, dass ich damit etwas von solcher Bedeutung und Langlebigkeit lostrete. Deshalb habe ich keine Kopie davon gemacht und mir auch das genaue Datum nicht notiert. Der Eintrag verschwand. Als uns klar wurde, dass das Smiley international Bedeutung erlangen würde, war der ursprüngliche Forumseintrag nicht mehr da.

Über die Jahre haben wir ein paar Versuche gestartet, den Eintrag und seinen Kontext auf unseren Sicherungsbändern zu finden. Leider erfolglos. 2002 startete Mike Jones, der zur Zeit des ursprünglichen Forumseintrages bei uns arbeitete und später zu Microsoft wechselte, ein ambitioniertes „Ausgrabungsprojekt“ mit dem Ziel, den alten Eintrag zu finden. Er wusste gut darüber Bescheid, wie das System von Sicherungsbändern des Fachbereichs organisiert war. Außerdem bot er an, sämtliche Kosten für die Suche zu übernehmen. Jeff Baird – zusammen mit vielen unserer heutigen Mitarbeiter im Support – fand schließlich den Original-Eintrag. Das Fundstück ist auf der vorhin erwähnten Internetseite zu sehen. Alles in allem eine ziemlich aufwendige Suche: Erst musste das Such-Team die alten Bänder finden, dann mussten sie ein altes Bandlaufwerk auftreiben, das diese Bänder lesen konnte, und dann brauchten sie noch Software, die ein solches Bandlaufwerk zum Laufen brachte.

Wie haben sich die Emoticons über die Jahre entwickelt?

Fahlman: Die Text-Emoticons, die man in Textmitteilungen verwendet, haben sich kaum verändert. In Japan hat sich ein anderer Stil herausgebildet, bei dem man seinen Kopf nicht zur Seite legen muss, beispielsweise (*_*). Manche Leute haben besonderes Vergnügen daran, sehr komplexe Smileys zu erfinden und zu sammeln. Es gibt Tausende solcher Smileys. Sie werden aber in der alltäglichen Kommunikation kaum verwendet. Und natürlich gibt es mittlerweile auch die grafischen und animierten Smileys. Bestimmte Unternehmen verdienen mit der Gestaltung Tausender solcher Emoticons ihr Geld. Die wirklich grundlegende Weiterentwicklung besteht aber meines Erachtens darin, wie diese Zeichen verwendet werden: Ursprünglich wurden sie nur von „Technikfreaks“ benutzt; mittlerweile sind Smileys häufiger in Mitteilungen „normaler Bürger“ zu finden.

Yahoo Messenger befragte kürzlich 40.000 Anwender darüber, wie sie Emoticons verwenden. Es wurde festgestellt, dass es die meisten Menschen leichter finden, Liebe mit Emoticons auszudrücken, als im persönlichen Gespräch.

Fahlman: Das finde ich sehr seltsam. Die Kultur des „Instant Messaging“ per Internet ist mir fremd. Ich habe außerdem eine große Abneigung gegen diese animierten, grafischen Emoticons. Das Witzige war meiner Meinung nach doch gerade die Herausforderung, aus einem begrenzten ASCII-Zeichensatz ein Bild zu erschaffen. Den Schülern von heute macht diese Sache jedoch scheinbar großen Spaß. Und wenn ich das mit ermöglicht habe, soll es mir recht sein.

Woran arbeiten Sie gerade?

Fahlman: Im normalen Berufsleben forsche ich im Bereich künstliche Intelligenz (KI). Meiner Meinung nach fehlt den derzeitigen KI-Systemen als wichtigstes Element die Fähigkeit, ausreichend Wissen zu speichern und dieses Wissen effizient zu verwenden. Nur so können sie ein gewisses Maß an „gesundem Menschenverstand“ herausbilden. Dazu müssen die Systeme Millionen von Fakten über Millionen von Dingen wissen. Meine Studenten und ich arbeiten gerade an einem System zur Wissensdarstellung mit dem Namen „Scone“, das bald als Open-Source-Softwarepaket veröffentlicht wird. Wir glauben, dass diese Software als Zubehör in viele Anwendungen eingebaut werden kann. Die Anwendungsgebiete reichen dabei von verbesserten Suchmaschinen über selbst konfigurierende Computersysteme bis hin zum Verständnis englischsprachiger Texte.

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