Sparte aus SAP-Stammsystem rauslösen

Feature | 17. Mai 2013 von Gabriela Ölschläger 0

Foto: Manroland

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Die Bogendruckmaschinen-Sparte der manroland AG ging nach der Insolvenz in die neugegründete manroland sheetfed GmbH über. Was einfach klingt, ging jedoch mit großen Veränderungen und zum Teil schmerzhaften Anpassungsprozessen einher. Nicht nur für die Menschen, sondern auch für die IT. Zu den gravierenden Veränderungen zählte, die neu gegründeten Nachfolgegesellschaften in ihren organisatorischen Strukturen auf eigene Füße zu stellen. Denn bis dato nutzten alle AG-Sparten gemeinsam einen komplexen Anwendungs-Systemverbund, der sämtliche Geschäftsprozesse bediente. Nach der Insolvenz der manroland AG und dem Verkauf der Teilbereiche waren die Tage der Gemeinsamkeit jedoch gezählt.

“Wir strebten die schnellstmögliche Bereitstellung einer für manroland sheetfed bereinigten und reduzierten IT-Systemlandschaft an”, umschreibt Richard Raum, System Manager IT Applications, die Ausgangslage nach dem Übergang der Bogendruckmaschinen-Sparte an Langley. Manche Anwendungen des bisherigen Systemverbundes konnten komplett entfallen. Andere wurden von neuen Lösungen ersetzt. Vor allen Dingen aber musste in Folge des Aufspaltens der gesellschaftsrechtlichen Struktur das zentrale SAP-ERP-System des Stammhauses gesplittet werden, damit manroland sheetfed mit einem eigenen System die betriebswirtschaftlichen Prozesse bearbeiten konnte. Zur Durchführung der SAP-Systemtrennung sicherte sich manroland sheetfed Unterstützung im SAP-Partnernetz. “Wir suchten jemanden, der nachweislich über Projekterfahrungen mit den SAP-Modulen FI/CO sowie SAP-Systemtrennungen verfügt. Zudem sollte er sich mit dem Werkzeug SNP Transformation Backbone auskennen”, nennt Richard Raum die Gründe, warum das Unternehmen die Bielefelder IT-Beratung Lynx-Consulting hinzuzog.

Strategie: Vom Outsourcing zum Insourcing

Ein IT Landscape Carve-Out ist im Grunde nichts Ungewöhnliches, auch wenn er die Beteiligten grundsätzlich fordert. Im Falle von manroland wies die Ausgangslage allerdings einige Besonderheiten auf, die den Aufteilungsprozess erschwerten. Da war zum einen die Umbruchsituation in Folge der Restrukturierung, die in den Nachfolgegesellschaften aufgefangen werden musste. Zum anderen stand die grundlegende Abkehr von der bisherigen IT-Strategie an. Während in der AG zum Schluss konsequent auf Zentralisierung sowie Outsourcing von RZ-Ressourcen Wert gelegt wurde, lautet die Prämisse für die neu gegründete manroland sheetfed, alles im eigenen Haus zu halten und zu betreiben. So mussten also die outgesourcten Systeme und der Komplettbetrieb wieder ins Werk zurückgeführt und ein eigenes IT- und Anwendungsmanagement neu aufgebaut werden. Ein wichtiger Schritt dabei war die Systemtrennung und das Neuaufsetzen nötiger Systeme.

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Zunächst war eine Kopie des Produktivsystems auf das neue SAP-System vorzunehmen und ergänzend eine Test- und Entwicklungs-Systemlandschaft aufzubauen. Altdaten aus Vor-Insolvenz-Zeiten mussten bereinigt und Daten der anderen Werke der ehemaligen AG gelöscht werden. Zu den vorbereitenden Arbeiten im Anschluss zählte neben der Einrichtung der Zielsystemlandschaft die Installation des SNP Transformation Backbone. Das Werkzeug unterstützt alle Phasen der Transformation von der detaillierten Planung bis zur konkreten Durchführung. “Sie erhalten einen genauen Einblick über Aufwand und Laufzeit der Migration”, erklärt Günter Hager, Senior Consultant bei Lynx-Consulting. Wer das Programm beherrsche, könne von zentraler Stelle aus die komplette Migration steuern und protokollieren. Die im Backbone hinterlegten Regelwerke und Vorgaben für die Datenselektion führten zu einem hohen Grad an Automatisierung im Transformationsvorgang. Der Aufbau dieses Regelwerkes und die Auswahl der Daten stellten für die IT-Experten die Kern-Herausforderung der Migration dar.

Der Weg zum endgültigen Produktivsystem führte über eine mehrstufige Testphase. In der ersten Stufe wurde das definierte Transformations-Regelwerk auf die Systemkopie angewendet, um die gewünschten Änderungen an den Buchungskreisen, Geschäftsprozessen oder Business-Objekten auszuführen. Der Datenbestand wurde im Anschluss um die nicht mehr benötigten Daten der anderen Werke oder der insolventen AG bereinigt. In der zweiten Stufe wurde eine Datenmigration vom outgesourcten ERP-System inklusive der Integration in die rund 40 “Randsysteme” der Anwendungswelt von manroland sheetfed durchgeführt. Auch hier fand wieder eine Prüfung und ein Nachschärfen des Regelwerkes statt, um weitere Bereinigungsvorgaben zu definieren, aber auch um ungewünschte Seiteneffekte durch Transformationsänderungen auszuschließen. Als letzten Schritt startete zwei Wochen vor dem angestrebten Go-live eine Generalprobe: Es wurde einmal die komplette Transformation einschließlich des vollständigen Integrationstests und der Abnahme durch die Key-User durchgespielt. Nach erfolgreichem Abschluss dieser Phase wussten die Projektbeteiligten nicht nur, dass das neue System allen Anforderungen genügt. Sie beherrschten auch das in mehreren Testläufen trainierte Verfahren zur Transformation. Die Zeit bis zum eigentlichen Go-live-Termin wurde noch für den Aufbau einer vollständigen SAP-Landschaft einschließlich Entwicklungs- und Testsystem genutzt. Mitte Juli 2012 war es dann soweit: Nach knapp fünf Monaten seit erstem Projekt-Kick-off ging das neue SAP ERP von manroland sheetfed produktiv.

Entgültiges System nach mehrstufiger Testphase

Im Rückblick stellt Systemmanager Richard Raum das große Engagement aller Beteiligten heraus, ohne welches das Projekt angesichts der Rahmenbedingungen nur schwerlich so schnell hätte vollendet werden können. “Ungeachtet der widrigen Rahmenbedingungen und trotz der zeitlichen Dringlichkeit wurde das Projekt termin- und kostengerecht vollendet”, zieht Richard Raum ein positives Fazit. Und man habe nun bei manroland sheetfed heute ein besser gepflegtes ERP-System im Einsatz, als dies zuletzt die AG hatte bereitstellen können.

Foto: Manroland

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Zum Unternehmenshintergrund

Ende November 2011 musste der Druckmaschinenhersteller manroland AG Insolvenz anmelden. Schnell wurde klar, dass sich für die AG als Ganzes kein seriöser Käufer finden ließ. Bei der Suche nach Investoren für die einzelnen Produktionsstandorte war der Insolvenzverwalter indes erfolgreicher. Im Januar 2012 übernahm die Lübecker Possehl-Gruppe den Augsburger Rollenoffsetdruckbereich der manroland AG, der heute unter dem neuen Unternehmensnamen manroland web systems GmbH firmiert. Im Februar kaufte dann der britische Mischkonzern Langley die in Offenbach ansässige Bogendruckmaschinen-Sparte inklusive des internationalen Vertriebs- und Servicenetzes für mehr als 40 Länder. Mit einer deutlich schlankeren Organisation als zu AG-Zeiten kann manroland sheetfed GmbH, so der offizielle Firmenname, bereits erste Erfolge vorweisen. Bei Umsatzerlösen von 346 Mio. Euro verzeichnet das Unternehmen für 2012 einen Vorsteuergewinn von 72,4 Mio. Euro. Bei der manroland-sheetfed-Gruppe ist man überzeugt, dass dies keine Eintagsfliege ist. Das Unternehmen ist nach der Restrukturierung so aufgestellt, dass mit einem Umsatz von 350 Mio. Euro 2013 bereits der Break-Even erreicht wird. Bei diesem Volumen würden die Produktionseinheiten in Deutschland mit einem Drittel der Kapazität und einer Auslastung von 80% bei derzeitigem Personalstand arbeiten. Nach der Normalisierung des Geschäftes ist zudem geplant, den Druckmaschinenhersteller als einen weiteren Unternehmensbereich in die Langley Holdings plc zu integrieren.

 

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