Freie Sicht, freie Hände

Feature | 5. September 2007 von admin 0

Als ideale Ergänzung zu Barcodes oder Picklisten hilft Pick-by-Voice − „Kommissionieren mit der Stimme“ −, Fehler um bis zu 70 bis 80 Prozent zu reduzieren. Die Erfahrungswerte des Anbieters von Mobile-Computing-Lösungen Psion Teklogix zeigen außerdem, dass im Gegenzug die Kommissioniergeschwindigkeit und damit auch die Produktivität je nach Ausgangssituation und Zielsetzung um mehr als 15 Prozent steigen.

Dass sprachgesteuerte Logistikanwendungen überwiegend im Umfeld der Kommissionierung verwendet werden, liegt am hohen Wettbewerbsdruck. Denn neben Geschwindigkeit und Kostensenkung verlangt der Markt vor allem eines: höchste Lieferpräzision. Entlang zunehmend integrierter Lieferketten werden Zulieferungen immer öfter „just in sequence“ oder „just in time“ benötigt. Kommissionierfehler im Auslieferungslager bringen beim Kunden komplex verzahnte Abläufe ins Stocken – mit Folgeschäden, die durch spätere Nachlieferungen eben nicht so einfach wie früher wieder gut zu machen sind. Hinzu kommt, dass Fehlkommissionierungen mit den wachsenden Compliance-Anforderungen in vielen Branchen, etwa in Bezug auf Produkthaftung oder lückenlose Chargen-Rückverfolgbarkeit, nicht zu vereinbaren sind.

Freie Sicht, freie Hände

In vielen Firmen ist eine geringere Fehlerquote daher das Hauptmotiv für die Einführung von Pick-by-Voice. Weitere Vorteile sind eine höhere Effizienz durch unterbrechungsfreie Abläufe und damit verbunden auch unmittelbare Kosteneffekte. Ungeachtet der kaum überschaubaren Vielfalt unternehmensindividueller Kommissionierstrategien dominiert im manuell bedienten Lager nach wie vor das Mann-zur-Ware-Prinzip: Der Mitarbeiter bewegt sich dabei zu Fuß oder per Flurfahrzeug von Regalplatz zu Regalplatz und befüllt sukzessive den zum jeweiligen Auftrag gehörenden Behälter.

Im Pick-by-Voice-Szenario trägt er dabei seinen Sprach-Computer am Gürtel und ein daran angeschlossenes Headset auf dem Kopf. Das zentrale Lagerverwaltungssystem (LVS) nennt ihm verbal über den Kopfhörer die Position der aufzugreifenden Ware. Am Regal befindet sich eine Prüfziffer, die der Mitarbeiter ebenfalls verbal an das LVS, beispielsweise SAP Logistics Execution System (SAP LES) oder SAP Extended Warehouse Management (SAP EWM) übermittelt. Die gesprochenen Anforderungen von Bewegungsdaten, beispielsweise die Menge, welche von Lagerplatz X entnommen werden soll, werden bei der SAP-Lösung per RFC (Remote Function Call), BAPI (Business Application Programming Interface), BADI (Business Add-Ins), Web-Services oder per IDOC (Intermediate Document) erfasst. Dadurch wird der korrekte Entnahmeplatz mit der entsprechenden Ware abgeglichen. Schließlich erhält der Kommissionierer vom Host-System die Stückzahl und Artikelnummer der aktuellen Auftragsposition. Sobald die Entnahme erfolgt ist, quittiert der Mitarbeiter den Vorgang und spricht zu diesem Zweck die entnommene Menge in sein Headset-Mikrofon. Das Pick-by-Voice-System antwortet darauf entweder mit der Regalplatznummer für die nächste Position – oder der Auftrag ist erledigt, und ein neuer kann gestartet werden.

Kein Tippen, kein Scannen, kein Abhaken von Listen unterbricht den Arbeitsprozess. Hände und Sicht bleiben frei für die eigentliche Tätigkeit, der Mitarbeiter kann sich voll auf das Kommissionieren konzentrieren. Hören und Sprechen ziehen deutlich weniger Konzentration von einer parallel ausgeführten Handlung ab, als etwa das Hantieren mit Papierlisten. So können Fehlbuchungen vermieden werden. Zudem sinkt das Unfallrisiko, weil der Lagerarbeiter nicht abgelenkt wird und beide Hände frei hat. So leistet Pick-by-Voice auch einen Beitrag zur Sicherheit am Arbeitsplatz.

Fehlerquote runter, Produktivität hoch

Von solchen Überlegungen ließ sich der in Kempenich in der Eifel ansässige Elektrozubehör- und Werkzeughersteller wolfcraft leiten, als er Mitte 2005 Papierlisten aus seinem Auslieferungslager verbannte. An ihre Stelle trat eine Pick-by-Voice-Lösung von Psion Teklogix: 18 Mitarbeiter kommissionieren mit mobilen Handheld-Computern von Vocollect jährlich weit über 100.000 Aufträge mit insgesamt etwa 3,5 Millionen Bestellpositionen. Zwar hätte wolfcraft die Echtzeittransparenz der Lieferdaten in der vorhandenen Software SAP R/3 auch mit anderen beleglosen Verfahren erzielen können – nicht aber die drastische Reduktion der Fehlerquote um 35 Prozent. Und auch die Produktivität der bei wolfcraft praktizierten Parallelkommissionierung verschiedener Kundenaufträge verbesserte sich maßgeblich: Sie stieg um 14 Prozent.

Ein zweites Beispiel für den Einsatz von Pick-by-Voice liefert die auf Montage- und Befestigungsartikel spezialisierte Würth Gruppe mit Hauptsitz in Künzelsau. Dort beschleunigt eine Sprachlösung im Hochregallager die Ein- und Auslagerung von Europaletten. Ziel der Adolf Würth GmbH & Co. KG ist es, in der Zentrale genügend Know-how anzusammeln, um dann auch an anderen europäischen Standorten Logistikprozesse per Sprachsteuerung zu straffen. Als Kommunikationsplattform zwischen den mobilen Terminals und der zentralen SAP-Lösung dient bei Würth die Integrations-Software TekSpeech von Psion Teklogix. Sie ist als Middleware mit eigener Datenbank und eigener Business-Logik ausgelegt, kann aber ebenso als Gateway ohne Datenbank und Business-Logik − wie bei wolfcraft − installiert werden. Der Gateway leitet die Daten von der SAP-Lösung an das Sprachterminal weiter. Es findet keine Aufbereitung statt, wie beispielsweise die Sortierung oder Kumulation von Mengen.

Geringer Aufwand, großer Effekt

Der Einsatz von Pick-by-Voice ist an verschiedene Bedingungen geknüpft: Beispielsweise dürfen Schwankungen von Temperatur- und Luftfeuchtigkeit die Funktionsfähigkeit sprachfähiger Mobil-Terminals im Lager nicht beeinträchtigen. Die Mikrofontechnik muss in der Lage sein, störende Nebengeräusche herauszufiltern. Was das Spracherkennungsverfahren betrifft, empfiehlt sich eine sprecherabhängige Methode. Das hierfür erforderliche „Training“ der Sprachsoftware dauert selten länger als eine halbe Stunde, da Lageranwendungen mit vergleichsweise wenigen aufgabenrelevanten Wörtern auskommen. Der große Vorteil individueller Sprachprofile liegt darin, dass die Erkennung unabhängig von Akzent und Dialekt oder sonstigen sprachlichen Eigenheiten zuverlässig funktioniert – auch wenn Zahlenkolonnen ohne Pause gesprochen werden oder verschiedene Wörter ähnlich klingen.

Wichtig sind zudem ausreichend Speicher- und Rechenleistung der Mobilgeräte. Denn je mehr Verarbeitungsschritte dezentral ablaufen, desto geringer ist die Belastung der drahtlosen Infrastruktur. Hierbei geht es vor allem um eine stabile Performance – die Grundvoraussetzung unterbrechungsfreier Kommissionierprozesse. Mit Blick auf die Integrationskosten können programmierbare Softwareschnittstellen zur Anbindung anderer Geschäftsapplikationen helfen, die Einführung von Pick-by-Voice zu verkürzen und den Investitionsbedarf zu senken.

Das Potenzial von Pick-by-Voice zur Steigerung von Qualität und Produktivität ist nicht auf Kommissionierung im engeren Sinne begrenzt. Auch in anderen Einsatzfeldern können sprachgestützte Lösungen logistische Prozesse verbessern. Zum Beispiel beim Wareneingang, beim Befüllen der Kommissionierregale oder in der Qualitätskontrolle. In welchem Umfang die Technologie messbaren Erfolg bringt, hängt immer von der konkreten Zielsetzung und der jeweiligen Ausgangssituation ab. Bei der Ablösung von Packlisten auf Papier ist der Wert am höchsten. Laut Anbieter Vocollect steigt die Produktivität um bis zu 15 Prozent und die Qualität um mehr als 35 Prozent. Wird von Kommissionierlisten auf eine beleglose Datenfunklösung wie Pick-by-Voice umgestellt, ist eine Produktivitätssteigerung von über 15 Prozent realistisch.

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