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Digitalisierung ermöglicht Innovationen für den kleinen Geldbeutel

Feature | 17. August 2017 von Danielle Beurteaux 1

Millionen Menschen weltweit haben immer noch keinen Zugang zu den grundlegenden Dingen, die für ein modernes Leben selbstverständlich sind. Zudem haben sie auch nicht die Mittel für den Aufbau einer konventionellen Infrastruktur, die beispielsweise ihre Wasser- oder Stromversorgung sicherstellt. Hier setzen Innovationen für den kleinen Geldbeutel an: Sie versuchen, komplexe Technologien so zu vereinfachen, dass sie kostengünstig in Herstellung und Betrieb sind.

Versorgung mit Wasser und Strom

Zwei Startups haben bezahlbare Systeme entwickelt, die Menschen Zugang zu grundlegenden Versorgungseinrichtungen geben.

Waterpoint Data Transmitter

Rund 780 Millionen Menschen – vorwiegend in ländlichen Gegenden – haben keinen Wasseranschluss. Um ans Grundwasser zu gelangen, nutzen sie Handpumpen. Früher oder später gehen diese Handpumpen aber kaputt und werden oft nicht repariert, weil es keine Ersatzteile gibt oder das nötige Know-how fehlt. Man schätzt, dass im Schnitt immer ein Drittel der Pumpen nicht funktionieren.

OxWater, ein Startup der Oxford University, hat hierfür eine Lösung – den Waterpoint Data Transmitter. Das Gerät nutzt Basis-Handy-Technologie und wird von Gemeinden zur Überwachung der Pumpen eingesetzt. Wenn eine Pumpe nicht mehr funktioniert, erhält ein entsprechend ausgebildetes Reparaturteam eine Meldung. Das Gerät liefert auch Vorhersagen, welche Pumpen wahrscheinlich bald kaputt gehen, und zeigt niedrige Wasserstände an. Bei einem Pilotprojekt in Kenia ging die Zeit bis zur Reparatur deutlich zurück – von durchschnittlich 37 Tagen auf nur zwei.

Quad

Solarenergie hat sich zur einer wichtigen Technologie für Menschen entwickelt, die in ländlichen Gegenden ohne Stromnetz leben. Nach Sonnenuntergang oder bei mehreren wolkigen Tagen kann es aber passieren, dass die Solarpanele nicht genug Strom erzeugen. Oft bedeutet das für die Menschen, dass sie auf ineffiziente und unsichere Lösungen zurückgreifen müssen, beispielsweise auf Kerosinlampen.

Azuri Technologies hat ein unabhängiges, einfaches System entwickelt, mit dem Solaranlagennutzer ihren Stromverbrauch an die erzeugte Strommenge anpassen können. Das Quad ist ein kleines Wandgerät, das mit einem Solarpanel verbunden ist und einen USB Port zum Aufladen eines Handys hat. Mit der HomeSmart-Technologie des Unternehmens überwacht das System die lokalen Wettermuster und erfasst den Stromverbrauch des Konsumenten. Ausgehend von der verfügbaren Strommenge reguliert es dann die für das Licht verbrauchte Menge (beispielsweise durch Anpassung der Helligkeit) und das Aufladen der Batterie.

Ein 5-Watt-System kosten rund 156 US-Dollar. Anwender können den Betrag mit wöchentlichen Raten über ein mobiles Geldkonto abbezahlen. Ab dem Zeitpunkt, an dem ihnen die Anlage gehört, erzeugen sie dann kostenlos Strom. Seit seiner Einführung im Kenia im Jahr 2011 wurden 90.000 Quads in zwölf afrikanischen Ländern gekauft.

Digitale Rettungshelfer

Katastrophen zu vermeiden und bei ihrem Eintritt Hilfe zu leisten ist schwer in entlegenen Gegenden, wo es kein ausreichendes Rettungsnetz gibt, das ein schnelles Reagieren ermöglicht. Schwierige Gegebenheiten und hohe Kosten können auch dazu führen, dass die Hilfe nicht ihr Ziel erreicht. Nachfolgende Startups nutzen einfache Technologien auf phantasievolle Weise, um vor Gefahren zu warnen und Menschen in Not Hilfe zukommen zu lassen.

Pouncer

Katastrophenhilfe ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Ob bei einer Naturkatastrophe, in Kriegsgebieten oder bei Hungerepidemien – Helfer müssen Hilfsgüter zusammenstellen und liefern, natürliche Hindernisse umfahren, sich gegen Diebstahl schützen und auf ihre Sicherheit achten. Für diese Situationen hat Windhorse Aerospace die Einweg-Drone Pouncer entwickelt.

Pouncer wurde für das Abheben von einem C-120 Herkules-Militärtransportflugzeug konzipiert und wird mit einem eingebauten GPS gesteuert. Die Drone kann bis zu 40 Kilometer von ihrem Ziel entfernt gestartet werden und hat eine Landungsgenauigkeit von 7 Metern. Mit ihr lassen sich Nahrungsmittel und Wasserrationen für 50 Personen transportieren. Zudem ist jedes Teil anderweitig nutzbar und abbaubar. Der Rahmen mit einer Spannweite von drei Metern kann beispielsweise als Unterschlupf genutzt oder Brennstoff genutzt werden (inzwischen plant Windhorse einen essbaren Rahmen zu entwickeln). Weil die gesamte Einheit für die einmalige Nutzung vor Ort vorgesehen ist, entstehen auch keine Kosten oder Gefahren, um sie aus dem Katastrophengebiet zurückzuholen.

Lumkani

Viele Arme weltweit leben in Hütten, die sehr eng aneinander gebaut sind und keine Stromversorgung haben. Deshalb nutzen sie häufig offenes Feuer als Lichtquelle, fürs Kochen und Heizen, sodass das Brandrisiko sehr hoch ist. Konventionelle Brandmelder können jedoch an Orten, an denen es viel Rauch gibt, nicht eingesetzt werden. Nach einem verheerenden Brand in Kapstadt, Südafrika, machte sich deshalb eine Gruppe von Studenten daran, einen Brandschutzmelder speziell für solche Orte zu entwickeln.

Der Lumkani-Detektor ist ein kleines, batteriebetriebenes Wandgerät, das im Falle eines Brandes nicht durch Rauch, sondern den Temperaturanstieg Alarm schlägt. Mit Basis-Funktechnologie verbindet der Detektor alle Geräte innerhalb eines Radius von 60 Metern zu einem Netzwerk und ermöglicht so frühzeitige Warnmeldungen für die dort lebenden Menschen. Das Gerät mit einem Preis von 7 US-Dollar speichert auch GPS-Koordinaten, sendet Warnmeldungen an die Bewohner und kann die Funktionstüchtigkeit des gesamten vernetzten Systems überwachen. Derzeit entwickelt Lukami eine Funktion, um Echtzeitdaten an lokale Feuerwehren und Rettungsdienste zu versenden.

Landkartierung und Wettermelder

Gehört Dir das Land, das Du bestellst? Wann kommt der nächste Regenguss? Dies sind eigentlich ganz einfache Fragen – für manche Menschen in Schwellenländern sind sie allerdings nicht leicht zu beantworten. Mit intelligentem Design und einfachen Benutzeroberflächen sorgen Startups dafür, dass Menschen in ländlichen Gegenden die nötigen Informationen bekommen, um erfolgreich arbeiten zu können.

FarmSeal

Für Millionen von kleinen Landbesitzern ist es sehr schwierig, teuer und praktisch undurchführbar zu prüfen, ob sie einen Rechtsanspruch auf ihr Land haben. Und ohne eine Dokumentation, die nachweist, dass das Land ihnen gehört, ist es nahezu unmöglich, ihre Eigentumsrechte zu schützen oder Kredite für die Vergrößerung ihrer Landflächen und den Ausbau ihres Geschäfts zu bekommen.

Landmapp, ein Startup in Ghana mit Sitz in Amsterdam, hat eine mobile Plattform entwickelt, mit der kleine Landbesitzer ihre Ansprüche kartieren und geltend machen können. Das Unternehmen schult Landwirte in Eigentumsrecht und nutzt dann, gegen eine geringe Gebühr, seine Plattform, um den Landbesitz zu erfassen und rechtlich zu klären. Landmapp setzt Geodaten-Software und Clouddaten auf einem Tablet ein. Schicke und teure Vermessungsgeräte sind deshalb nicht erforderlich. FarmSeal, das erste Produkt von Landmapp, richtet sich an Landwirte. Zudem bringt das Unternehmen derzeit HomeSeal für Hauseigentümer und CropSeal für Farmpächter und Landbesitzer auf den Markt. Die Plattform des Startups bindet auch Grundbücher und Vertragsregister von Gemeinden ein und lässt sich an die jeweiligen örtlichen Gegebenheiten anpassen.

Wetterstationen per 3D-Druck

Wetterdaten sind die Grundlage für viele Entscheidungen, die die Wirtschaft und öffentliche Sicherheit betreffen. In vielen Ländern bedeutet die spärliche Anzahl an Wetterstationen jedoch, dass für große geografische Gebiete keine Daten vorliegen. Konventionelle Wetterstationen sind teuer und kosten ab 20.000 US-Dollar aufwärts. In Schwellenländern haben Städte und ländliche Gemeinden nicht die Mittel oder Schulungsmöglichkeiten, um solche Geräte kaufen und instand halten zu können.

Beim gemeinnützigen nordamerikanischen Universitätskonsortium lösen Forscher den Mangel an Wetterstationen mit 3D-Druck. Sie haben eine Wetterstation entwickelt, die in ländlichen Gemeinden installiert werden kann. Die Anlagen nutzen herkömmliche Basissensoren, speichern Daten auf einem kleinen Computer und laufen mit Strom, der von einer Solarpanele erzeugt wird. Für die Herstellung der anderen Teile – beispielsweise den Rahmen und die Windmesser – haben die Betreibergemeinden 3D-Drucker, mit denen sich die Komponenten einfach anpassen und ersetzen lassen.

Kostenpunkt? Rund 300 US-Dollar. Und außer zu melden, wann etwa Regen im Anzug ist, kann das Gerät auch Frühwarnungen für Naturkatastrophen wie beispielsweise Überschwemmungen geben.

Weitere Denkanstöße finden Sie in der neuesten Ausgabe des Digitalist Magazine, Executive Quarterly.

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