Surfen statt Behördengang

Feature | 3. März 2003 von admin 0

Doch bei den elektronischen Angeboten geht es nicht darum, die “Öffentliche Hand” aufzuhalten. Die Dienste sollen in erster Line Nutzen für Bürger und Unternehmen bringen, etwa indem lästige Behördengänge entfallen und Prozesse optimiert werden. So ist für die Schweden die Kfz-Zulassung via Internet bereits gang und gäbe, in Irland können Bauanträge online gestellt werden, und in Österreich lässt sich ein Gewerbe auf elektronischem Wege anmelden.

Von Arbeitsplatzsuche bis Zollerklärung

E-Government-Studie

E-Government-Studie

Cap Gemini Ernst & Young hat Oktober 2002 untersucht, in welchem Maße 20 grundlegende öffentliche Dienstleistungen – von der Arbeitsplatzsuche- und -vermittlung bis hin zur Zollerklärung – via Internet für Bürger und Unternehmen verfügbar sind. Das Management- und IT-Beratungsunternehmen analysiert in der Studie insgesamt 10.569 Behörden aus den 15 EU-Mitgliedsstaaten sowie aus Norwegen, Island und der Schweiz. Diese haben inzwischen zu 86 Prozent eine eigene Internetseite.
Die Studie erfolgte im Auftrag der Europäischen Kommission. Sie ist Kernbestandteil des eEurope-Programms der Europäischen Union, das dazu beitragen soll, den Nutzen der Informationsgesellschaft allen Bürgern Europas zugänglich zu machen. Cap Gemini Ernst & Young führte die Erhebung seit Oktober 2001 zum dritten Mal durch.

Skandinavische Länder und Irland haben die Nase vorn

Ländervergleich

Ländervergleich

Der Ländervergleich der Studie offenbart in Punkto Online-Verfügbarkeit von öffentlichen Dienstleistungen allerdings deutliche Unterschiede. So weisen die Verwaltungen in Schweden mit 87 Prozent und Irland mit 85 Prozent den höchsten Wert auf, während deutsche Behörden nur auf 48 Prozent kommen. Im europäischen Ranking rutschte Deutschland damit binnen eines Jahres von Platz 14 auf Platz 16 ab und ist nun vor Belgien (47 Prozent) und Luxemburg (32 Prozent) eines der Schlusslichter.
Bei differenzierter Betrachtung zeigt sich allerdings, das Deutschland bei Dienstleistungen des Bundes – zu denen neben Steuersachen auch die öffentliche Beschaffung und die Arbeitsvermittlung zählen – auf dem Niveau der Spitzenreiter steht. Elektronische Angebote auf kommunaler und Länderebene fallen dagegen eher gering aus. “Deutschland braucht einen strategischen Kopf, der die vielfältigen und heterogenen Initiativen von Bund, Ländern und Gemeinden koordiniert und bündelt. Zweitens ist eine ebenenübergreifende Agentur DeutschlandOnline notwendig, die Motor und Katalysator für das deutsche eGovernment sein sollte. Und drittens können erhebliche Fortschritte durch interkommunale Zusammenarbeit erreicht werden”, sagt dazu Dr. Helmut Haussmann, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister und jetzt Vizepräsident bei Cap Gemini Ernst & Young in Berlin.

Wachstum verlangsamt

Unterm Strich zeigt die Studie: E-Government-Dienste sind im Kommen, wenn auch mit gedrosselter Geschwindigkeit. Zwar erreichen immer mehr Länder einen hohen Grad an Online-Verfügbarkeit ihrer Dienste, doch das Wachstum fiel Ende 2002 bescheidener aus als noch im ersten Halbjahr 2002. Während sich die Entwicklung von Online-Angeboten zwischen der ersten Erhebung im Oktober 2001 und der zweiten im April 2002 um 10 Prozent verbesserte, liegt der Zuwachs bei der dritten Erhebung im Oktober 2002 bei lediglich fünf Prozent. Daraus lässt sich ableiten, dass die Wachstumsgeschwindigkeit mit steigender Online-Verfügbarkeit tendenziell abnimmt.
Deutlich wird außerdem, dass Online-Dienste für Unternehmen in fast allen Ländern einen größeren Fortschritt verzeichnen, als Service-Angebote für Bürger. Angebote für Unternehmen (Government-to-Business, G2B) sind inzwischen zu 72 Prozent via Internet verfügbar, während Dienste für Bürger (Government-to-Citizen, G2C) einen Umsetzungsgrad von 52 Prozent aufweisen. Allerdings wachsen G2C- und G2B-Services mit vier beziehungsweise fünf Prozentpunkten mit der gleichen Geschwindigkeit.

Vier Service-Kategorien

Die elektronischen Angebote der Öffentlichen Hand sind breit gefächert und reichen von der bloßen Bereitstellung von Informationen bis hin zur komplexen Fallabwicklung. Sie lassen sich in vier Kategorien einteilen:

  • Einnahmengenerierende Dienste: Services, bei denen Zahlungen von den Bürgern und Unternehmen an die Behörde erfolgen, vor allem Steuern und Sozialbeiträge
  • Registrierungsdienste: Angebote, die den Eintrag von objekt- oder personenbezogenen Daten im Rahmen administrativer Vorschriften betreffen, wie Geburts- und Heiratsurkunden oder die Kfz-Zulassung
  • Leistungen für Bürger und Unternehmen: Dienstleistungen, die im Gegenzug für Steuern und Beiträge angeboten werden, etwa Öffentliche Bibliotheken oder die Arbeitsplatzvermittlung oder -suche
  • Genehmigungen und Konzessionen: Dokumente, die von Behörden ausgestellt werden, zum Beispiel Baugenehmigungen oder Gewerbescheine
Vergleich Dienstleistungsgruppen

Vergleich Dienstleistungsgruppen

Insgesamt überrascht es kaum, dass Internet-Dienste, die Staatseinnahmen sichern – beispielsweise Einkommens-, Umsatz- oder Körperschaftssteuern – bereits am weitesten entwickelt sind und die größten Fortschritte machen. Der Umsetzungsgrad dieser Angebote liegt im europäischen Durchschnitt bei 82 Prozent. Mehr noch, jeder einzelne Dienst dieser Kategorie liegt über dem Gesamtdurchschnitt von 60 Prozent. Den höchsten Umsetzungsgrad in Europa erreicht hier der Service “Umsatzsteuererklärung” mit 90 Prozent, an letzter Stelle rangiert die Zollerklärung (71 Prozent), die jedoch mit acht Prozentpunkten Zuwachs den größten Fortschritt verzeichnet. Dänemark, Italien, Frankreich, Finnland und Schweden besitzen bei jedem Dienst dieser Kategorie einen Umsetzungsgrad von 100 Prozent. Das heißt, die entsprechenden Verfahren werden vollständig elektronisch abgewickelt.

Nachholbedarf für Dienste in Sachen Gesundheit

Dagegen sind Dienste der Kategorie “Genehmigungen und Konzessionen” mit einem Wert von 41 Prozent in den meisten Ländern noch sehr entwicklungsbedürftig. Zu diesen Angeboten zählen die Immatrikulation an Hochschulen, die einen Durchschnittswert von 54 Prozent erreicht, sowie der Antrag für Baugenehmigungen (33 Prozent).
Zur Kategorie “Leistungen für Bürger und Unternehmen” gehören die Dienste, die bei der Erhebung den besten und den schlechtesten Wert ergaben: Die Arbeitsplatzsuche oder -vermittlung via Internet ist im Durchschnitt der 18 Länder zu 91 Prozent verfügbar. Dagegen besteht für “Gesundheitsbezogene Dienste” (14 Prozent) noch erheblicher Nachholbedarf.

Der Schlüssel zum Erfolg sind zentralisierte Angebote

Die Fortschrittsanalyse des elektronischen Service-Angebots der öffentlichen Hand macht deutlich, dass zentral koordinierte öffentliche Dienste mit einfachen Verfahren – etwa Arbeitsplatzsuche, Steuern – die besten Werte erzielen. Koordinierte E-Government-Lösungen ermöglichen es lokalen Behörden, zentralisierte Online-Initiativen zu nutzen, in dem sie dem Bürger/Unternehmen einen Kontaktpunkt für alle Dienste anbieten.
Hingegen weisen dezentral koordinierte Angebote mit komplexen Verfahren, wie Bauanträge oder Umweltkonzessionen in der Regel die niedrigsten Werte auf. Sie erfordern eine Reorganisation des Back-Office, um einfachere Prozesse zu realisieren, und entwickeln sich daher langsamer.

Der Bauantrag via Internet

Das Beispiel “Online-Bauantrag” in Irland zeigt, wie sich ein stark dezentral angesiedelter Service mit einem komplexen Prozess erfolgreich im Internet durchführen lässt. Die irische Regierung hat dazu im Jahr 2000 die E-Government-Initiative “Reach Agency” ins Leben gerufen, um eine Strategie für die Integration der öffentlichen Dienste zu entwickeln und einen Rahmen für E-Government zu implementieren. Das Ergebnis heißt “Reachservices” und bietet den Bürgern einen zentralen Zugang zu allen Online-Diensten der öffentlichen Verwaltung. Über “Reachservices” lassen sich zahlreiche Informationen des öffentlichen Sektors abrufen. Darüber hinaus haben registrierte User die Möglichkeit, online Anträge bei den unterschiedlichen Behörden zu stellen. Aber auch der traditionelle Weg ist nicht versperrt: Wer sich nicht registrieren will, kann sich das entsprechende Formular ausdrucken und per Post an die zuständige Stelle zu schicken.
Die Studie “Webbasierte Untersuchung des elektronischen Service-Angebots der Öffentlichen Hand” ist erhältlich bei Cap Gemini Erst & Young .

Willi Kaczorowski

Willi Kaczorowski

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