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Viva con Agua: „Alle für Wasser. Wasser für alle.“

Feature | 22. März 2018 von Andrea Diederichs, Angela Klose

Helfen soll Spaß machen, findet die Hilfsorganisation Viva con Agua. In einer ungewöhnlichen Kooperation mit der SAP entstand die Barchecker App – und noch vieles mehr.

Wasser ist Leben.

Ganz selbstverständlich fließt es aus dem Hahn, immer verfügbar, in Trinkwasserqualität. Für die einen eine alltägliche Selbstverständlichkeit, für die anderen ein Wunschtraum. Erst kürzlich waren die Menschen in Kapstadt mit dem Szenario „Day Zero“ konfrontiert – der Tag, an dem die Leitungen leer bleiben. In der südafrikanischen Metropole ist Day Zero vorerst abgewendet, doch das weltweite Ringen um das Überlebenselement Wasser bleibt: 582 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.*

„Alle für Wasser, Wasser für alle“ lautet daher die glasklare Vision der Hamburger Organisation Viva con Agua, die sich seit zwölf Jahren dafür einsetzt, Menschen Zugang zu sauberem Trinkwasser zu ermöglichen. „Ohne Wasser geht gar nichts, es ist der Anfang von jeder Art von Entwicklung“, erklärt Benjamin Adrion, einer der Gründer.

Um ihr Ziel zu erreichen, hat Viva con Agua ein riesiges ehrenamtliches Netzwerk meist sehr junger Unterstützer mobilisiert. Doch wie schafft es die Organisation, die selbst rund zwanzig feste Mitarbeiter beschäftigt, so viele Freiwillige zu begeistern?

Viva con Agua fördert Projekte aus dem WASH-Bereich (Water, Sanitation and Hygiene), Foto: Viva con Agua

Helfen soll und muss Spaß machen, findet Viva con Agua – und schon der Name ist Programm, denn das spanische Wort „Viva“ steht für Leben und Lebensfreude. Bewusst verzichten die Hamburger auf die üblichen Elendsbilder. Den Zugang zu Entwicklungszusammenarbeit vermitteln sie lieber über Kunst, Sport oder Musik – eben alles, was ein positives Erlebnis verschafft. Tobias Rau, Mitgründer und zuständig für Freiwilligenkoordination und Fundraising, erklärt es so: „Jeder kann seine eigenen Ideen und Talente einbringen. Denn das, was man natürlicherweise gerne macht, macht man auch gut – und das wollen wir mit unserer Vision verbinden.“

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt: Da sammeln zum Beispiel die „Becherjäger“ auf Konzerten oder in Sportstadien Pfandbecher ein – für die Besucher eine sehr einfache Art, zum einen ihren leeren Becher loszuwerden und zum anderen den ein oder anderen Euro zu spenden.

Die Aktivitäten zur Förderung des Wasserzugangs finanzieren sich teilweise aus Becherspenden auf Festivals (Foto: Philip Ruopp für Viva con Agua)

Die Verbindung mit dem Sport ist kein Zufall. Benjamin Adrion spielte früher beim FC St. Pauli. „Alles begann mit einem Trainingscamp auf Kuba“, erinnert sich Adrion. „Das hat in mir etwas verändert und zurück in Hamburg habe ich mich gefragt, will ich weiter Fußball spielen oder etwas Anderes tun?“ Er entschied sich, mit dem Fußball aufzuhören und stattdessen erst einmal die Welt zu bereisen. Genau am gleichen Tag rief ihn sein Manager und bot ihm einen festen Vertrag für den FC St. Pauli an. Zwei Wochen blieben ihm für die Entscheidung, dann gründete er Viva con Agua. „Für mich ist es sinnvoll, meine Zeit nicht nur für mich selbst zu nutzen, sondern mich so gut wie möglich auf das Glück anderer Menschen zu konzentrieren – das möglichst langfristige Glück möglichst vieler Menschen“, meint Adrion. „Das ist eine gute Motivation, den Tag zu beginnen.“

Cloud-Lösung: Die Barchecker App

Neben den Pfandbecher-Aktionen oder gemeinsamen Projekten mit Musikern und Künstlern aus der Hamburger Szene vertreibt Viva con Agua auch Flaschenwasser, das in angesagten Kneipen und Bars so etwas wie Kultstatus erlangt hat. 60 Prozent der Erlöse fließen in die internationalen Wasserprojekte.

Um den Vertrieb des Wassers zu unterstützen, hat die SAP die Barchecker App entwickelt, die auf der SAP Cloud Platform, SAP HANA und AngularJS basiert. Die Idee: Die 12.000 Unterstützer in ganz Deutschland erkennen über die App, ob in einer Gaststätte bereits Viva-con-Agua-Wasser verkauft wird. Wenn nicht, können sie gegebenenfalls das Interesse des Wirtes über die App melden. Ein professioneller Vertriebskollege von Viva con Agua nimmt dann den Faden auf. „Die Barchecker App kann helfen, das Wasser zu verbreiten und noch mehr Leuten die Möglichkeit zu geben, ganz niederschwellig und einfach durch eine Konsumentscheidung dafür zu sorgen, dass mehr Leute Zugang zu sauberem Trinkwasser bekommen“, erklärt Tobias Rau.

Andreas Doelling

Viva con Agua runs SAP – das ist aus Sicht von Andreas Doelling, Consulting Manager bei der SAP in Hamburg und Initiator der Zusammenarbeit, auch ein interessantes Signal der SAP in Richtung Start-up-Kultur. „Wir wollen zeigen, dass auch kleinere Unternehmen mithilfe unserer Cloud-Software ihr Geschäft betreiben.“ Doch das sei nicht der einzige Effekt, erklärt Doelling: „Viva con Agua braucht Software, wir haben Software, und sie haben einen legendären Zugang zu jungen Leuten, die als potenzielle Quelle junger Talente für uns extrem interessant ist.“

Juliane Rieck

Wie Juliane Rieck, die als Senior Consultant bei der SAP tätig ist und das Projekt unterstützt hat, erläutert: „Die jungen Talente, die wir bei der SAP unbedingt brauchen, kommen nicht, weil sie ABAP programmieren dürfen, sondern, weil sie etwas Cooles, Innovatives machen wollen.“ So gelang es Andreas Doelling, über das Viva-con-Agua-Projekt Studenten für die SAP zu gewinnen, die die App weitgehend selbstständig entwickelt haben. Fünf von ihnen konnte Doelling inzwischen fest bei SAP einstellen. Hinzu kommen duale Studenten und Uni-Studenten, mit denen die SAP zusammenarbeitet: „Daraus werden in den nächsten Jahren hoffentlich noch drei bis vier weitere Einstellungen resultieren“, so Doelling.

Sein eigener Aha-Moment in diesem Projekt war die Aufgeschlossenheit auf beiden Seiten: „Für mich war es schwer vorstellbar, dass eine Organisation wie Viva con Agua mit einem großen, etablierten Konzern zusammenarbeiten will. Aber die Offenheit und positive Energie war sehr groß, und genau mit dieser Haltung betreibt Viva con Agua auch Entwicklungszusammenarbeit.“

All Profit

Eine Non-Profit-Organisation im Wortsinn will Viva con Agua lieber nicht sein. Stattdessen steht der „All Profit“-Gedanke im Vordergrund – alle sollen etwas von dem Engagement haben, Empfänger und Unterstützer. Augenhöhe ist dabei entscheidend: „Ich sehe unsere Unterstützung nicht als Spende, sondern als Investition in Wasserprojekte und letztlich in eine bessere Zukunft für uns alle“, erklärt Pressesprecherin Claudia Gersdorf. „Damit wollen wir zu einem Umdenken in der Gesellschaft beitragen, was eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen dem Norden und dem Süden betrifft.“ Auch Tobias Rau sieht in der traditionellen Art und Weise, Hilfsprojekte zu betreiben, eher eine Einbahnstraße: „Wir wollen in den Austausch mit den Menschen in den Projektländern gehen und gemeinsame Erlebnisse schaffen, zum Beispiel über Praktika vor Ort oder indem wir sie nach Hamburg einladen.“

Ein Beispiel dafür ist die Millerntor Gallery, ein alljährliches Kunstfestival in Zusammenarbeit mit dem FC St. Pauli. In den Gängen des Millerntor-Stadions lassen sich Street-Art-Kunstwerke von Künstlern aus aller Welt bewundern, aus Hamburg, aber auch aus Projektländern von Viva con Agua, wie Kenia, Uganda, Äthiopien und Nepal. „Die Idee ist, dass man den Kunstaustausch immer beidseitig fördert und auch Kontakte und zwischen den Künstlern entstehen,“ erklärt Lars Braitmayer, der bei Viva con Agua für HR und Wasserprojekte verantwortlich ist. Inzwischen hat sich die Millerntor Gallery auch in der Schweiz, in den Niederlanden und in Uganda etabliert.

Die Millerntor Gallery knüpft Kontakte zwischen Künstlern aus aller Welt (Foto: Stefan Groenveld für Viva con Agua)

Deborah Mateja

Deborah Mateja, hat bei der SAP ihre Bachelor-Arbeit über Viva con Agua geschrieben. Sie hatte zum ersten Mal im Leben das Gefühl, eine bedeutungsvolle Arbeit zu leisten. „Weil ich etwas Großes gemacht habe und für viel verantwortlich war, und weil ich wusste, wenn wir Viva con Agua helfen, helfen wir nicht nur ihnen oder uns, sondern vielleicht am Ende des Tages auch einem Kind irgendwo in Afrika“, meint Mateja.

*Quelle: Viva con Agua

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Weitere Informationen:

Top-Foto: John Brömstrup für Viva con Agua

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