Vom Vertriebslager zur Paketfabrik

Feature | 22. August 2005 von admin 0

Wella

Wella

Im Jahre 1999 beschloss die Wella AG, ihr so genanntes Eurologistic-Konzept umzusetzen. Um das bestehende Distribution Center als Zentrallager zur Belieferung sämtlicher Wella-Kunden in Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich, Luxemburg, Belgien und der Niederlande zu erweitern, mussten in den Jahren 2000 und 2001 erst einmal die logistischen Voraussetzungen geschaffen werden. Die Kapazität des automatischen Hochregallagers wurde von 15.000 auf 29.000 Stellplätze nahezu verdoppelt, die vorhandene Paletten- und Behälterfördertechnik wesentlich erweitert sowie sämtliche dazugehörigen Steuerungssysteme erneuert.

Behälterförderanlage

Behälterförderanlage

Die Investitionen in das Logistiksystem sollten die Leistung des DC Weiterstadt um etwa 80 Prozent steigern bei annähernd gleicher Zahl von 240 Mitarbeitern in der Kommissionierung. Dies war erforderlich, um die durch Eurologistik und das Umsatzwachstum stark gestiegene Auftragslast zu bewältigen. Auch galt es, hohe Servicegrade zu erfüllen. Innerhalb von 24 Stunden müssen 98 Prozent aller Sendungen beim Empfänger eingetroffen sein. Nur durch die Einführung einer neuen Lagerverwaltungssoftware, die für eine optimale Auslastung der komplexen Logistikmaschinerie sorgt, ließ sich dieses ehrgeizige Ziel erreichen.

Altsystem als Auffanglösung

Lagenkommissionierung

Lagenkommissionierung

Um dem gerecht zu werden, entwickelte das Wella-Projektteam zusammen mit den Partnern SAP und Logiplus einen Drei-Stufen-Plan zur Implementierung. In der ersten Phase wurden die Funktionalitäten für den Wareneingang und die Bestandsführung in SAP LES abgebildet. Dazu zählten auch die Schnittstellen zur Palettenfördertechnik und dem automatischen Hochregallager. In Phase Zwei setzten die Projektbeteiligten die Nachschubprozesse vom Hochregallager in die einzelnen Kommissionierbereiche um – unter anderem die Anlage zur so genannten Lagenkommissionierung, eine Besonderheit des Distribution Centers. In dieser Anlage werden die aus dem Hochregallager ausgelagerten Paletten vereinzelt. Damit kann für jeden Artikel aus dem etwa 7.000 Produkte umfassenden Warenangebot von Wella die passende Nachschubmenge für die Kommissionierbereiche bereitgestellt werden. In der dritten Phase schließlich wurden die Kommissionier- und Versandprozesse auf SAP LES umgestellt.
Phase Eins erwies sich als technisch am einfachsten zu verwirklichen. Sie barg jedoch ein hohes Risiko, da sich mit vertretbarem Aufwand keine Ersatzlösung für Stör- und Ausfälle einrichten ließ. Die Stufen Zwei und Drei waren zwar wesentlich komplexer, ließen sich aber ohne Probleme parallel zu den in den Altsystemen laufenden Prozessen implementieren. Damit bestand die Möglichkeit, bei Unregelmäßigkeiten jederzeit auf die Altsysteme zurückzuschalten und den Logistikbetrieb aufrecht zu erhalten.
In Phase Drei wurde eine zusätzliche Steuerungstabelle in die ERP-Lösung eingefügt. Sie filterte Aufträge aus den noch nicht in SAP LES übernommen Organisationen und Bezirken aus und leitete sie an die Altsysteme um. Dank dieser kleinen Anpassung ließ sich die Auftragslast in der neuen Lagerverwaltungslösung langsam hochfahren. Sie half, kleinere Schwierigkeiten, die bei der Inbetriebnahme umfangreicher Materialflusssysteme nicht ausbleiben, rasch zu erkennen und zu beheben.

Nagelprobe für Flexibilität

Mitte des Jahres 2003 wurde Wella überraschend durch Procter & Gamble übernommen. Das durchkreuzte den ursprünglichen Plan, sowohl das Frisörhandwerk als auch den Einzelhandel aus dem Zentrallager zu beliefern. Denn mitten in der Implementierung wurde Ende 2003 beschlossen, das Handels-Geschäft nicht von Weiterstadt aus zu beliefern, sondern es komplett an den Mutterkonzern Procter & Gamble zu übergeben.

Logistische Kennzahlen

Logistische Kennzahlen

Nun konnte sich die im Logistikkonzept und Implementierungsplan vorgesehene Anpassungsfähigkeit bewähren. Kurzfristig mussten parallel zur SAP-LES-Implementierung die Handelskunden ausgegliedert werden. Viel wichtiger: Es gelang auch ohne Schwierigkeiten, die frei werdenden Logistikkapazitäten und -systeme auf die Abwicklung des Frisörgeschäfts der europäischen Vertriebsregionen mit rund 100.000 Kunden umzustellen. Nach zwei Jahren waren die logistischen Ziele erreicht. Das Distribution Center wandelte sich zu einer “Paketfabrik”, die Höchstleistungen vollbringt und im Geschäftsjahr 2004/2005 über 2,2 Millionen Versandpakete mit einem Gesamtgewicht von über 38.000 Tonnen auf den Weg brachte.

Transparenz en Detail

Die neue Lagerverwaltungssoftware erreicht Transparenz bis ins kleinste Detail und eine bisher nie erreichte Prozesssicherheit. Für jedes der 7.000 Wella-Produkte, ist in SAP LES ein Kommissionierverfahren hinterlegt. Es bestimmt, wo die Produkte – etwa im Hochregallager, in der Lagenkommissionierung oder in der Pick-to-light-Anlage – zu entnehmen sind, und gibt durch Transportaufträge vor, wie auf wirtschaftlichstem Weg die Ware von den Kommissionierungs- an die Packplätze gelangt. Dieses als Add-On realisierte Sortierverfahren erlaubt den Mitarbeitern, die jeweilige Arbeitslast optimal zu steuern. An allen Kommissionierungsplätzen wird beleglos kommissioniert. Dabei erscheinen die Auftragspositionen am Bildschirm beziehungsweise Display; jede bestellte Ware, die im Versandbehälter abgelegt wird, quittiert der Kommissionierer per Tastendruck.
Weiterhin werden Daten von SAP LES an die nachgelagerten Materialflusssysteme gegeben, die für den reibungslosen Transportbetrieb auf den automatischen Förderbändern für Paletten und Behälter sorgen. Wella bedient sich in einigen Bereichen des Versandzentrums auch besonders ausgerüsteter Gabelstapler, der sogenannten Multi-Order-Picking Mobile. Mit ihnen steuern Lagerarbeiter nach vorausberechneten Routen die Kommissionierplätze an, um auf kürzestem Weg gleichzeitig bis zu neun Versandbehälter den Aufträgen entsprechend zu befüllen.

Warenausgangsmonitor

Warenausgangsmonitor

Sind die Versandbehälter an den Packstationen verschlossen und adressiert sowie die Kommissionier-Transportaufträge quittiert, haben die Packstücke meist zu den LKWs noch lange Wege vor sich. Auch diese Transporte überwacht die Lagerverwaltungssoftware.
Das Bündel von Funktionalitäten des SAP LES bildet ein solides Fundament für gegenwärtig laufende Projekte, die die Integration weiterer Distributionsaufgaben aus dem Konzernverbund von Procter & Gamble am Standort Weiterstadt zum Inhalt haben.

Dr. Jürgen Augustin

Dr. Jürgen Augustin

Leave a Reply