Vom Wald ins Werk

Feature | 4. Juni 2008 von Dr. Andreas Schaffry 0

Roland Hülsmann ist LKW-Fahrer bei einem holzverarbeitenden Unternehmen, das Faserplatten herstellt. Er pfeift zufrieden, denn soeben hat er den letzten Baumstamm mit dem hydraulischen Greifarm von seinem Transporter auf dem Lagerplatz der Firma abgeladen. Damit ist seine Schicht beendet, und zwar zwei Stunden früher als sonst. Ein Grund dafür ist, dass er alle Sammelplätze im Wald, die so genannten Polter, wo Holzlieferanten die in der Produktion benötigten Baumstämme zur Abholung bereitstellen, sofort und ohne Umwege findet.

Möglich wird die beschleunigte Abwicklung, weil Hülsmanns Arbeitgeber seit kurzem die SAP-Business-All-in-One-Branchenlösung it.wood timber des Bielefelder SAP-Komplettdienstleisters itelligence einsetzt. Mit ihr hat sich auch für LKW-Fahrer Hülsmann vieles verbessert. Seit Jahren fährt er pro Woche dreimal in die nahegelegenen Staatsforste und holt dort die Rundhölzer ab, die sein Unternehmen bei den zuständigen Forstverwaltungen bestellt hat. Die erforderlichen Positionsdaten der einzelnen Polter stellen die Forstverwaltungen, aber auch die anderen Holzlieferanten, in Form von Längen- und Breitengraden zur Verfügung.

Auf den Baum genau mit Google Earth

Genau diese Informationen sind in it.wood timber als GPS-Daten hinterlegt. Zugleich ist die SAP-Branchenlösung über eine XML-Schnittstelle direkt mit GPS-basierten Lösungen für die Routenplanung, wie Map & Guide oder Google Earth, verbunden. Dadurch werden die genauen geografischen Koordinaten jedes einzelnen Polters ohne Umwege an die mit GPS-Systemen ausgestatteten LKWs übermittelt. Das schließt auch die Abzweigung von der letzten Koordinate auf öffentlich verzeichneten Straßen ein. Auf diese Weise finden Hülsmann und die anderen Fahrer die für sie bestimmten Polter schnell und sicher.

Vorbei sind damit die Zeiten, als die LKW-Fahrer Positionsdaten als handschriftliche und oft fehlerhafte Notizen mit dem Auftragszettel ausgehändigt bekamen. Dadurch verstrich oft wertvolle Zeit auf der Suche nach dem richtigen Polter, darüber hinaus war zusätzlicher Abstimmungsaufwand mit der Zentrale erforderlich.

Positionsdaten per Mausklick visualisieren

Nicht nur den Fahrern kommt die Branchenlösung zu Gute. Von der Integration der Polterdaten profitiert insbesondere auch die Disposition. Der Disponent erhält heute sofort einen Überblick über die genaue geografische Lage der zur Abfuhr ausgewählten und anstehenden Polter. Map & Guide beziehungsweise Google Earth werden als zusätzliche Schaltfläche in der Disposition der Abfuhraufträge von it.wood timber angezeigt.

Ein Klick auf die zusätzliche Schaltfläche genügt, und die in der Lösung hinterlegten Positionsdaten der Polter sowie weitere Informationen wie Baumart, Einteilungsmenge und -bezeichnung werden an Map & Guide beziehungsweise Google Earth übergeben und auf dem Bildschirm angezeigt. Diese Visualisierung unterstützt den Disponenten bei der Planung der Routen für die Holzbeschaffung. Er kann einzelne Polter, die vorab ausgewählt wurden, wegeoptimiert zu einer Abfuhr zusammenfassen. Dabei legt er zugleich fest, in welcher Reihenfolge ein LKW-Fahrer die einzelnen Polter anfahren muss. Das vermeidet überflüssige oder zusätzliche Fahrten und spart somit Zeit und Kosten.

Logistische Prozesse zentral steuern

Die Lösung bildet aber nicht nur die Disposition, sondern den gesamten logistischen Prozess des Holzeinkaufs zentral ab. Das gewährleistet einen sicheren und durchgängigen Daten- und Materialfluss, von den vereinbarten Vertragsmengen über die Bestände im Wald bis zum Werk.

Für den Holzeinkauf werden im ersten Schritt auf der Grundlage von Grobplanungen mit Holzlieferanten Verträge vereinbart. Diese legen die gewünschte Holzspezifikation und Menge sowie ein grobes Lieferzeitraster fest. Sobald der Lieferant die bestellte Holzmenge geschlagen, gemessen, sortiert, gekennzeichnet und zur Abfuhr bereitgestellt hat, erhält das Werk die komplette Information hierüber in einer Bereitstellungsanzeige. Gleichzeitig wird der Liefervertrag um die Daten aus der Bereitstellungsanzeige ergänzt, die automatisch in die Finanzbuchhaltung fließen. Hier wird die vereinbarte Vertragssumme zur Zahlung freigegeben.

Automatische Korrektur bei Abweichungen

Sobald eine bestimmte Menge an Holz für die Produktion eingeplant ist, verschafft sich der Disponent einen Überblick über die bereitgestellten Polter und erzeugt für die LKW aus dem eigenen Fuhrpark oder an Spediteure Abfuhraufträge, die den Bedarfsmengen entsprechen. Ist das Holz im Werk angeliefert und am Holzplatz abgeladen, wird es vermessen und im Labor auf seine Qualität untersucht.

Die Labormitarbeiter tragen die Ergebnisse in die Branchenlösung ein und ermitteln so die zu verbuchende Eingangsmenge und den Eingangswert. Weichen diese von den Angaben auf dem Lieferschein ab, werden entsprechende Korrekturbuchungen, in Form von Gutschriften oder Abzügen, veranlasst. Das gilt sowohl für die interne Abrechnung bei Lieferungen mit den firmeneigenen LKW als auch für Speditionsaufträge.

Gemeinsam geht es besser

Der SAP-Komplettdienstleister itelligence hat die Lösung in Zusammenarbeit mit der Fiberboard GmbH entwickelt, einer Tochtergesellschaft der Classen-Gruppe. Das Unternehmen stellt so genannte MDF-Platten her, auf die unter anderem die Oberflächendekore für Laminate aufgepresst werden. Weil MDF als Werkstoff vielseitig einsetzbar ist, steigt die internationale Nachfrage nach diesem Produkt in den letzten Jahren stetig an. Ein guter Grund für die holzverarbeitende Classen-Gruppe aus Kaisersesch, selbst ein MDF-Werk im brandenburgischen Baruth aufzubauen: die Fiberboard GmbH.

Das Unternehmen beliefert seit dem Jahr 2007 die holzverarbeitende Industrie mit den Faserplatten. Die jährliche Produktionsleistung liegt derzeit bei rund 400.000 Kubikmeter. Der hierfür erforderliche Bedarf an Rundholz beträgt rund eine Million Raummeter – vorwiegend gedeckt durch die deutsche Forstwirtschaft.

Alle Facetten des Rundholzeinkaufes abgebildet

Aufgrund des hohen Bedarfs muss Fiberboard das benötigte Rundholz sowie die ebenfalls erforderlichen Holzhackschnitzel frühzeitig einplanen. Daher war der Rundholzeinkauf in allen Facetten abzubilden. Zwar nutzt Fiberboard ebenso wie die übrigen deutschen Classen-Standorte im Rahmen einer integrierten IT-Strategie SAP ERP, doch der Holzeinkauf ließ sich mit den Standardfunktionen dieser Lösung nicht zufriedenstellend unterstützen.

Es galt, SAP ERP um spezielle Funktionen für die branchenspezifischen Abläufe in der Holzindustrie zu erweitern. Für die Darstellung der Polter-Informationen, wie geografische Positionsdaten oder Holzmenge, ergänzte itelligence die Lieferpläne von SAP ERP um die hierfür erforderlichen Datenobjekte. Ein eigener Abfuhrauftrag mit Poltern erfasst jetzt Abweichungen und Mengendifferenzen, die auf Grund des Naturprodukts Holz zwischen der Bereitstellung und der Lieferung eintreten. Diese werden durch Vermessungen oder Laboruntersuchungen ermittelt. Ferner übernimmt it.wood timber die gesamte Abrechnung für den Holzeinkauf sowie für Speditionen.

Auf der grünen Wiese entwickelt

Eine besondere Herausforderung war, dass die Branchenlösung zeitlich parallel zum Bau des neuen Werkes – also auf „der grünen Wiese“ – entwickelt wurde. Demnach musste sie mit der Fertigstellung des Werkes in Baruth betriebsbereit sein, da von Beginn an sämtliche Prozesse des Holzeinkaufs über das neue System laufen sollten.

Das klappte reibungslos. Fiberboard konnte nach dem Produktivstart von it.wood timber vom ersten Tag an Rundholz und Holzhackschnitzel unter Berücksichtigung spezifischer Informationen einkaufen. Die SAP-Branchenlösung bildet dabei sowohl die Holzspezifikationen wie Länge, Durchmesser, Qualität als auch das besondere Handling von Beständen im Wald und die Anforderungen beim Transport ab.

Darüber hinaus verwaltet die Lösung die Daten kooperierender Partner wie Waldbesitzer, Forstämter und Fuhrunternehmer. Auch die Kaufverträge mit den verschiedenen Lieferanten sind inklusive der Mengen-, Sortierungs- und Zeiteinteilung in das System hinterlegt. Die Daten des Lieferanten inklusive der GPS-Daten des bereitgestellten Polters sorgen dann für eine reibungslose Abfuhr vom Wald ins Werk.

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