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Microservices: Nicht mehr nur für Computerfreaks

Feature | 24. Januar 2017 von Robin Meyerhoff 3

Microservices liegen im Trend. Und es sind nicht mehr nur Computerfreaks, die sie nutzen. Warum ist dies für Entwickler wichtig?

Das Thema Microservices mag nicht sonderlich aufregend klingen. Und doch verändern Microservices gerade radikal das Konzept von Unternehmensanwendungen – das weiß jeder, der in jüngerer Zeit an einer Veranstaltung für Entwickler teilgenommen hat oder gern die neueste Technologie nutzt, ohne die bestehenden Systeme grundlegend ändern zu müssen.

Auf der Entwicklerkonferenz SAP TechEd in Barcelona waren Microservices das zentrale Thema. Um sie ging es in der Keynote von Bernd Leukert ebenso wie bei der Vorstellung von Neuerungen, in Demos und in Strategievorträgen. SAP News sprach in Barcelona mit zwei SAP-Experten, um herauszufinden, worum es bei dieser Technologie geht und warum sie für die SAP und für Entwickler überall auf der Welt so wichtig ist.

Microservices und die Vorteile von SAP HANA

Marie Goodell, Vice President von SAP HANA Platform Marketing, beschreibt Microservices – und deren Vorgänger Anwendungsprogrammierschnittstellen (APIs) und serviceorientierte Architektur (SOA) – mit folgenden Worten:

„Von mehreren Anwendungen gemeinsam genutzte Funktionen sind nichts Neues. Darum geht es bei APIs, Web-Services, SOA und nun auch bei Microservices. All diese Konzepte unterscheiden sich voneinander. Doch alle haben eine Gemeinsamkeit. Der Funktionsaufruf erfolgt an anderer Stelle und die Ergebnisse werden an das System zurückgesendet.“

Ein Microservice ist eine solche Funktion. Dabei kann es sich um eine leistungsfähige Analyse etwa für Geodaten handeln oder auch um die Möglichkeit zur Integration einer Vertriebs-App in den Lieferservice von Uber (mehr dazu weiter unten).

Microservices sind noch in anderer Hinsicht einzigartig. Erstens befinden sie sich in der Cloud. Damit ist es für Entwickler einfacher, darauf zuzugreifen und sie abzurufen. Die SAP plant die Bereitstellung von Microservices auf Basis der SAP HANA Cloud Platform. So sollen beispielsweise Funktionen für maschinelles Lernen über die SAP Cloud Platform verfügbar gemacht werden.

Zweitens, wie Marie Goodell erklärt, „sind Microservices eigenständige Prozesse – wenn einer ausfällt, wirkt sich dies nicht auf die Anwendung insgesamt aus“. Weiter führt sie aus: „Entwickler haben jetzt die Möglichkeit, Microservices zu nutzen, die leistungsfähige Prozesse aus SAP HANA anbieten, ohne dazu ein eigenes SAP-HANA-System einrichten und betreiben zu müssen. Jeder Microservice, zum Beispiel Text Analysis Entity Extraction, ist ein kleiner Baustein, den Entwickler von einer App aus aufrufen können, ohne selbst Code schreiben zu müssen.“

Für die Entwickler ist dies ein immenser Vorteil. Und die Unternehmen profitieren in wirtschaftlicher Hinsicht davon. Dadurch, dass SAP HANA (und andere Software) in genau definierte Funktionen oder Datenströme aufgegliedert wird, lassen sich diese leistungsfähigen Komponenten nach Bedarf in Anwendungen eingliedern.

Auf der TechEd wurde ein neuer SAP-HANA-Microservice vorgestellt, der es erlaubt, eine Datenbank mit Bildern der Erde zu durchsuchen und Bilder abzurufen, die bestimmten Kriterien entsprechen, zum Beispiel für eine Risikobewertung. Entwickelt wurde dieser Microservice zusammen mit der Europäischen Weltraumorganisation (ESA). Die Kombination der Geodatenanalyse auf Basis von SAP HANA mit den Erdbeobachtungsdaten der ESA bietet Anwendungsentwicklern ganz neue Möglichkeiten. Sie können nun in Anwendungen Bilder einbinden, von denen Unternehmen aus unterschiedlichsten Bereichen profitieren, so etwa aus der Versicherungsbranche oder der Landwirtschaft.

SAP Hybris und die Open-API-Wirtschaft

Microservices dienen nicht nur dazu, die Leistungsfähigkeit von SAP HANA einem neuen Benutzerkreis zu erschließen, sondern gehen in ihrer Bedeutung noch weit darüber hinaus. SAP Hybris kann mit Microservices sein Leitprinzip verwirklichen: mit digitalen Werkzeugen Kunden näher an ihre Kunden bringen.

Jamie Anderson, Senior Vice President und Chief Marketing Officer von SAP Hybris, erklärt: „Bisher waren Anwendungen im Großen und Ganzen monolithisch aufgebaut, also als ein Block. Mit Microservices können Apps erstellt werden, ohne dass die Codebasis des Kernprodukts geändert werden muss.“ Der monolithische Ansatz ist nicht besonders gut geeignet, um eine enge, persönliche Beziehung zu den Verbrauchern aufzubauen und in Echtzeit zu pflegen.

Jamie Anderson führt aus: „Gerade in Marktsegmenten wie dem Einzelhandel und der Modebranche müssen wir dafür sorgen, dass die Unternehmen die Anforderungen ihrer Kunden stets im Blick haben. Modetrends ändern sich schnell, und die Leute möchten Kleidung kaufen, die sie sofort tragen können. SAP Hybris arbeitet mit einem Bekleidungshersteller in Nordamerika zusammen. Um Bestellungen schneller ausliefern zu können, wurde ein Microservice von UberRUSH integriert, der eine On-Demand-Lieferung ermöglicht. So erhalten die Kunden ihre neue Kleidung sofort.“

Wenn Unternehmen früher eine solche Funktion hinzufügen wollten, mussten sie ihre IT-Abteilungen damit beauftragen, diese Funktion zu entwickeln oder in einen Lieferprozess zu integrieren. Und dies konnte Monate dauern. Microservices hingegen sind eigenständige Einheiten, die alles Erforderliche direkt enthalten. Somit können sie „der App hinzugefügt werden, ohne dass Änderungen am bestehenden Code nötig sind“.

Microservices auf Plattform SAP Hybris as a Service verfügbar: für Reisen, maschinelles Lernen oder für Zahlungen

Zudem bleibt das Frontend vom Backend getrennt. Unternehmen können „ihre Kunden erreichen“ und dabei Informationen in bestehenden SAP-Systemen nutzen, etwa zu Lagerbestand, Auftragserfüllung und Rechnungsstellung. Die Backoffice-Systeme bleiben völlig intakt.

Im Laufe des Jahres hat SAP Hybris seine Microservices für den US-amerikanischen und deutschen Markt verfügbar gemacht – auf der Plattform SAP Hybris as a Service, auch „YaaS“ genannt. Der Zugriff auf die Plattform erfolgt über Standard-APIs – daher der Begriff „API-Wirtschaft“. YaaS dürfte im nächsten Jahr auch in Asien und weiteren Regionen verfügbar sein.
Der zusammen mit der ESA entwickelte Microservice wurde bis Ende 2016 kostenlos auf YaaS angeboten.

Die SAP ist in bester Gesellschaft. Auch IBM, Microsoft und Google haben im letzten Jahr Microservice-Initiativen angekündigt. Doch die SAP veröffentlicht laufend unabhängige Services für die unterschiedlichsten Bereiche: von Reisen über maschinelles Lernen bis hin zu Zahlungsmethoden für Verbraucher. Insofern wird es interessant zu beobachten, ob ein anderer Anbieter mit dieser breiten Abdeckung von Geschäftsprozessen und Branchen Schritt halten kann.

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