Warum sich Nachhaltigkeit lohnt

Feature | 3. April 2013 von Heather McIlvaine 0

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Direkt zu den fünf Tipps für mehr Nachhaltigkeit von Christian Berg.

„Wir könnten in den nächsten drei bis vier Jahren alle Wälder auf diesem Planeten abholzen“, erklärt Christian Berg. „Technisch wäre dies möglich.“ Diese Aussage des Chief Sustainability Architect der SAP kommt unerwartet. „Und wir würden wahrscheinlich fünf bis zehn Jahre einfach so weiterleben ohne große Veränderungen festzustellen. „Aber sobald diese Veränderungen eintreten, ist es zu spät.”

Dies ist eine Folge der komplexen, vernetzten Welt in der wir leben. Bis zu einem gewissen Grad haben wir diese Welt selbst geschaffen, ebenso wie unsere immer leistungsfähigere Technologie. Die gleichen Netzwerke und Technologien, die es Unternehmen ermöglichen, viele ihrer Prozesse zu virtualisieren und zu beschleunigen, machen es auch schwierig, die weitreichenden Auswirkungen unserer Handlungen vorauszusehen.

„In einem so stark vernetzten Umfeld sind rasche Veränderungen gefährlich, wenn sie nicht gut durchdacht sind”, warnt Berg, der mehrere Hochschulabschlüsse in Physik, Theologie, Philosophie und Technik erworben hat. „Eine Frage hat mich schon immer beschäftigt, nämlich wie wir mit der Umwelt und der Schöpfung umgehen sollten –  und wie die Technologie da hineinpasst.“

Kyoto, Kohlendioxid und unternehmerische Interessen

Berg ist der Meinung, dass noch mehr Unternehmen sich dieser Frage stellen sollten. Seit dem Kyoto-Protokoll, dem globalen Abkommen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen, das im Jahr 1997 unterzeichnet wurde, wächst der Druck auf die Unternehmen, nachhaltig zu wirtschaften.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Menschen sind nicht nur besorgte Bürger, sondern Investoren in Ihrem eigenen Unternehmen 

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Christian Berg, Chief Sustainability Architect bei SAP (Foto: Privat)

In vielen Ländern und in der Europäischen Union geschieht dies in Form eines Emissionshandelssystems. Kraftwerke, Fluggesellschaften und Unternehmen in energieintensiven Branchen erwerben oder erhalten Emissionsberechtigungen, die sie bei Bedarf frei handeln können. In China wurde im Jahr 2012 ein ähnliches System als Pilotprojekt eingeführt. Und Australien führte 2011 eine Kohlendioxidsteuer auf ausgewählte fossile Brennstoffe ein.

„Sie können sicher sein, dass Energie und Ressourcen immer teurer werden und die Gesetze zum Kohlendioxidausstoß noch weiter verschärft werden“, prognostiziert Berg. Aber dies ist nicht der einzige Grund, weshalb Unternehmen bedenken sollten, dass das Ignorieren der Umweltbelange mit Kosten verbunden ist. Die World Values Survey, ein globales Forschungsprojekt, das seit 1981 die Werte und Überzeugungen von Menschen in fast 100 Ländern untersucht hat, kam zu folgendem Ergebnis: Die Mehrheit der Befragten auf diesem Planeten (60 Prozent) erachtet den Klimawandel als sehr ernstes Problem und 89 Prozent sehen ihn als ernstes Problem.

Nicht nur auf finanzielle Ziele hinarbeiten

Diese Menschen sind nicht nur besorgte Bürger: Sie sind Verbraucher, die Ihr Produkt kaufen oder auch nicht. Und sie sind Investoren in Ihrem eigenen Unternehmen. Berg erinnert sich an ein Gespräch, das er mit Michael Inacker geführt hatte. Inacker war derzeit Chief Sustainability Officer der METRO Group, Deutschlands größtem Einzelhandelskonzern. „Er erzählte mir von einem Brief, den die METRO Group erhalten hatte. Er stammte von einem Investor, der nach der sozialen Verantwortung entlang der Lieferkette fragte.“ Der Investor wollte wissen, ob es bei Unternehmen, die die METRO Group belieferten, Fälle von Kinderarbeit oder gesundheitliche Problemen gab. Es war eine Anfrage von einem einzigen Beteiligten, aber Konzern konnte sie nicht einfach ignorieren.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Auf lange Sicht ist es nicht rentabel, sich nur auf die finanziellen Aspekte zu konzentrieren.

Das soziale Risiko ist nicht zu unterschätzen. Dies bekräftigte die METRO Group mit ihrer Reaktion auf den Brief des Anlegers. In der heutigen wettbewerbsintensiven Geschäftswelt könnte die Entrüstung der Öffentlichkeit über eine ökologische oder soziale Straftat verheerend sein. Ist der soziale Faktor dennoch Anreiz genug, um die Unternehmen zu überzeugen, nachhaltiger zu wirtschaften?

Das Hauptziel eines Unternehmens ist es, Gewinn zu erwirtschaften. „Aber auf lange Sicht kann ein Unternehmen nicht profitabel arbeiten, wenn es sich nur auf die finanziellen Aspekte konzentriert“, versichert Berg. Nur 20 Prozent des Werts eines Unternehmens spiegelt sich heute in den physischen und finanziellen Vermögenswerten wider. Die überwiegende Teil des Werts wird durch immaterielle Faktoren bestimmt, zum Beispiel wie der Markt das zukünftige Potenzial des Unternehmens bewertet.

Vier Fünftel des Unternehmenswerts sind immaterielle Faktoren

Der Wendepunkt wird schon bald kommen, nämlich dann, wenn nachhaltige Geschäftspraktiken nicht mehr freiwillig sind. Und jene Unternehmen, die bereits auf erneuerbare Energien setzen, sind jetzt schon weniger abhängig von fossilen Brennstoffen. Und weil sie sich mit neuen, nachhaltigen Geschäftsmodellen beschäftigt haben, sind sie im Wettbewerb bestens positioniert.

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Wie können Unternehmen heute ihre Nachhaltigkeitsbilanz verbessern?

1. Senkung des Energieverbrauchs

„Da bedarf es keiner langen Überlegung“, betont Berg. „Für Unternehmen aller Branchen ist dies eine gute Investition.“

2. Mehr Transparenz in der Lieferkette

„Immer mehr Verbraucher wollen etwas über den ökologischen Fußabdruck eines Produkts wissen, bevor sie es kaufen. Aber bei vielen Einzelhändlern stammt der Großteil ihrer Produkte aus ihrer Lieferkette. So kann die amerikanische Handelskette Walmart nur acht Prozent ihres ökologischen Fußabdrucks kontrollieren. Deshalb ist es erstens wichtig, sicherzustellen, dass Sie Ihre Produkte aus nachhaltigen Quellen beziehen. Und zweitens müssen Sie diese Informationen Ihren Kunden zur Verfügung stellen. Um Transparenz herzustellen, müssen alle Systeme und Prozesse entlang der Lieferkette aufeinander abgestimmt sein“, erklärt Berg.

3. Produkte lokal beziehen

Verbraucher zeigen heute immer mehr Interesse daran zu erfahren, welchen Weg die Produkte, die sie kaufen, zurückgelegt haben – egal ob es sich um Lebensmittel oder andere Waren handelt. Sie sind sich der Vorteile der lokalen Beschaffung bewusst und lassen diesen Aspekt in ihre Kaufentscheidung einfließen.

4. Denken Sie darüber nach, wie die Herausforderungen in Bezug auf Nachhaltigkeit Ihr Geschäftsmodell beeinflussen können und passen Sie Ihr Modell entsprechend an.

„Die kalifornische Firma Patagonia, spezialisiert auf nachhaltige Outdoor-Bekleidung, ist ein sehr gutes Beispiel hierfür. Mit ihrer Common-Threads-Initiative verfolgt sie das Ziel, ihren ökologischen Fußabdruck zu reduzieren und fordert sogar ihre Kunden auf, ihre eigenen Produkte nicht zu kaufen”, erläutert Berg. Stattdessen bietet Patagonia Reparaturservices für beschädigte Ausrüstung an, sucht nach neuen Besitzern für gebrauchte Artikel und recycelt alte, verschlissene Produkte. „Auf den ersten Blick mag dies unlogisch erscheinen, aber ich denke, dass wir diese Art des Denkens immer öfter erleben werden.“

5. Mehr Transparenz über die Geschäftsabläufe

„Unternehmen müssen offener werden gegenüber ihren Interessengruppen und sie in ihren jährlichen Berichten über Aussichten und Erwartungen informieren. Das integrierte Berichtswesen bietet eine gute Möglichkeit, mehr Transparenz zu schaffen, denn hier werden Finanz- und Nachhaltigkeitsbericht in einem Dokument veröffentlicht“, fügt Berg hinzu.

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