Boxenstopp fürs SAP-System

Feature | 4. Dezember 2013 von Nicolas A. Zeitler 0

Foto: Modine Europe

Windschnittiges Duo: Kühler von Modine sind unter anderem in Sportwagen von Porsche verbaut. (Foto: Modine Europe)

SAP-Landschaften wachsen sich über die Jahre gern zu einem regelrechten Dickicht aus. Es zu lichten und ungenutzte Anwendungen auszusortieren, macht das SAP-System wieder übersichtlich und erleichtert seine Pflege. Kurt Trillsam, IT-Director bei Automobilzulieferer Modine Europe, hat seine SAP-Landschaft dieses Jahr zum zweiten Mal von vorne bis hinten untersuchen lassen – und dabei mehrere hundert ungenutzte Transaktionen entdeckt. Gleichzeitig bescheinigte ihm der Dienstleister West Trax, der die Systeme analysiert hat, dass die SAP-Landschaft bei Modine zu den aufgeräumtesten in der Automobilbranche zählt.

Alle Arten der Fahrzeugkühlung, außerdem Klimatechnik für Gebäude und Rechenzentren gehören zur Produktpalette der Modine Manufacturing Company, die ihren Stammsitz in Wisconsin in den USA hat. 2500 Mitarbeiter hat Modine in Europa. IT-Chef Trillsam betreut von Filderstadt bei Stuttgart aus außerdem die Niederlassungen in China und Indien mit 600 Mitarbeitern. Die rund 1300 SAP-Anwender unter seinen Fittichen nutzen unter anderem die SAP ERP-Module, HR, PLM und das SAP NetWeaver Business Warehouse. Beim ERP-System ist Modine seit diesem Jahr auf dem Stand von ECC 6.0 EHP 6.

Standardisierung, Performance, Systemhygiene: die SAP-Analyse von West Trax

Dem IT-Chef ist es nach eigenem Bekunden seit langem ein Anliegen, zu wissen, ob er seine SAP-Landschaft wirtschaftlich betreibt. „Seit zehn Jahren benchmarken wir uns jährlich hinsichtlich der IT-Kosten“, sagt Trillsam, der die Modine-IT seit 1999 verantwortet. 2006 ließ er West Trax erstmals die SAP-Systeme analysieren. Künftig will er das alle fünf bis sechs Jahre machen. „Ich möchte wissen, wie hoch unser Standardisierungsgrad ist, wo unsere Performancewerte liegen und wie es um unsere Systemhygiene steht“, sagt Trillsam.

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Kurt Trillsam, IT-Director bei Modine Europe, setzt die SAP-Systemanalyse auch als Marketing-Werkzeug für die IT-Abteilung ein. (Foto: Modine)

Kurt Trillsam, IT-Director bei Modine Europe, setzt die SAP-Systemanalyse auch als Marketing-Werkzeug für die IT-Abteilung ein. (Foto: Modine)

Modine Europe schnitt beim Standardisierungsgrad, der für IT-Director Trillsam bei der SAP-Analyse „erste Priorität“ hat, schon 2006 gut ab. Dieses Jahr erreichte der Automobilzulieferer bei der Auswertung der Daten aus den Monaten Mai bis Juli 81,9 Prozent – deutlich über allen von West Trax ermittelten Branchendurchschnitten und nahe dem Bestwert für die Automobilbranche von 83,6 Prozent. Für Kurt Trillsam eine Bestätigung seiner Strategie. Beim Rollout 1998/99 habe die Devise gegolten: „SAP-Standard, wo möglich“. Nur in Werken etwa in Österreich oder China und Indien habe man die Software zum Teil an werksspezifische oder lokale Prozesse angepasst. Einige Programme hätten seine IT-Mitarbeiter auch geschrieben, um die Bedienung zu erleichtern und so „den Akzeptanzgrad von SAP zu erhöhen“, sagt Trillsam.

West Trax misst für eine SAP-Systemanalyse KPIs wie den Standardisierungsgrad, den Anteil an Eigenentwicklungen, und wie viele davon wirklich genutzt werden. Die Untersuchung dauert nach Angaben des Unternehmens für den Kunden nur eine halbe Stunde. Ausgewertet werden dabei die Transaktionsdaten von drei Monaten. „In diesem Zeitraum wird das ganz normale Tagesgeschäft erfasst, Sie haben Monatsabschlüsse und einen Quartalsabschluss darunter“, sagt CTO Diana Bohr. Betrachte man längere Zeiträume, unterschieden sich die ermittelten Kennzahlen nur geringfügig. Spezielle saisonale Ereignisse wie das Weihnachtsgeschäft im Einzelhandel müssten nicht zwingend in den Analysezeitraum fallen. „In der Zeit haben Sie ja auch das normale Geschäft, nur eben unter Umständen intensiver“, sagt Bohr. Mehr als 1400 Analysen in 15 Branchen hat West Trax bisher durchgeführt, in Unternehmen weltweit, allerdings mit einem Schwerpunkt auf dem deutschsprachigen Raum. Die Ergebnisse fließen in eine Benchmark-Datenbank, anhand derer Kunden sich mit Wettbewerbern vergleichen können.

550 ungenutzte Transaktionen im SAP-System entdeckt

Trotz des hohen Standardisierungsgrades in der SAP-Landschaft von Modine Europe förderte die Analyse unter den gut 1400 möglichen Transaktionen 550 zutage, die offenbar nicht mehr genutzt werden. Zum Teil handelte es sich um nicht mehr verwendete Schnittstellen und Prozesse, manche Transaktionen betrafen mittlerweile aufgelöste Werke. Außerdem fanden sich allein 100 Transaktionen aus der Zeit vor dem Umstieg von Modine Europe auf das SAP Business Warehouse – „als wir unsere Reportings noch mit Report Painter erstellt haben“, wie Trillsam sagt. Anhand von Checklisten von West Trax wird noch überprüft, ob unter den für ungenutzt erklärten Anwendungen nicht doch die eine oder andere ist, die zum Beispiel nur zum Jahresabschluss benötigt wird. „Anschließend können wir hier aufräumen“, sagt Kurt Trillsam.

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Bei Eigenentwicklungen fürs SAP-System liegt die Grenze für akzeptable Antwortzeiten bei einer Minute, sagt Diana Bohr, CTO von West Trax. (Foto: West Trax)

Die Analyse von West Trax zeigte auch, dass die Performance von Eigenentwicklungen für die SAP-Systeme nirgendwo besser ist als bei Modine Europe. „Wir prüfen bei diesem Test, ob die Antwortzeiten von Eigenentwicklungen bei über oder unter einer Minute liegen. Daran kann man die Spreu vom Weizen trennen“, sagt West-Trax-CTO Diana Bohr. In der Fahrzeugbranche antworten nach den Zahlen von West Trax 13 Prozent der selbst entwickelten Programme erst nach mehr als einer Minute. Bei Modine sind es nur drei Prozent. „Den schlechtesten Wert hat hier die Energiebranche“, so Bohr. „63 Prozent der Eigenentwicklungen dort haben Antwortzeiten von mehr als einer Minute.

Sonderwünsche: Erst dringend benötigt, dann nicht genutzt

Auch wenn die guten Ergebnisse der SAP-Analyse im Wesentlichen seine „Eigenwahrnehmung bestätigt“ hätten, wie Trillsam selbstbewusst sagt, so habe sie doch auch kleinere Überraschungen mit sich gebracht. Standorte im europäischen Ausland beispielsweise hätten nach der SAP-Einführung einige laut ihrer Aussage zwingend notwendige Zusatzprogramme bei ihm angefordert. „Einige Jahre später zeigt sich dann bei manchen, dass sie seither nur zwei Mal aufgerufen wurden“, sagt Trillsam. Solche Befunde schärften seine Sinne dafür, wie er künftig mit Anforderungen der Anwender umgehen werde.

Darüber hinaus sei die SAP-Systemanalyse ein hilfreiches Werkzeug für das Marketing der IT-Abteilung. Trillsam sagt: „Es ist ohne die Zahlen einer solchen Untersuchung oft schwierig, dem Management zu zeigen, wo die eigene IT steht.“

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