Wie IT-Innovationen das Laufen lernen

Feature | 13. September 2004 von admin 0

Helmut Krcmar

Helmut Krcmar

In der IT-Branche kündigt sich gerade ein Trend an, vorhandene Speicher-, Verarbeitungs- und Netzwerkkapazitäten im Verbund als On-demand-Computing anzubieten. Ist diese „Innovation“ nicht alter Wein in neuen Schläuchen? Oder: Was unterscheidet On-demand-Computing vom Application-Service-Providing?

Krcmar: On-demand-Computing ist mehr als Application-Service-Providing, weil die Standardisierung bei ASP gar nicht durchzuhalten war. Nicht alle brauchen haargenau die gleiche Anwendung. Auch Henry Ford musste lernen, wie sein schwarzes T-Modell im Laufe der Jahre einer Modellvielfalt gewichen ist. Heute leben uns die Automobilhersteller sehr erfolgreich Konzepte vor, die mit vergleichsweise unaufwändigen Anpassungen die gleiche Plattform in unterschiedlichen Erscheinungsformen verwenden. On-demand-Computing geht darüber hinaus. Umgesetzt wird ein flexibles Geschäftsmodell, so dass Kunden wie bei der Telefonrechnung nur noch für Leistungen zahlen, die sie auch tatsächlich zur gewünschten Zeit und im benötigten Umfang in Anspruch nehmen.

Welche Voraussetzungen müssen bei On-demand-Computing erfüllt sein?

Krcmar: Die technischen Bausteine für das On-demand-Computing sind im Prinzip schon vorhanden. Beim Speicherplatz bieten beispielsweise Storage-Area-Networks die Möglichkeit, die gewünschte Flexibilität herzustellen. Auch bei der Hardware lassen sich mit Blade-Technologien Rechnerkapazitäten flexibel bereit stellen. Problematischer wird es bei den Betriebssystemen. Hier hat sich heraus gestellt, dass die Betriebssysteme der alten Großrechner eher für On-demand-Computing geeignet sind als manche Betriebssysteme, die für Stand-alone PCs gedacht waren. Denn die optimiert-dynamische Nutzung gemeinsamer Ressourcen für viele Anwender und Anwendungen bewegt die Entwickler naturgemäß schon seit langer Zeit. Viele der bisher gewonnen Erfahrungen lassen sich auch auf neueste Hardware anwenden. Bei der Anwendungssoftware beginnen die Anbieter gerade damit, Architekturen zu schaffen, die sich auch für On-demand-Computing eignen. SAP NetWeaver ist hier ein gutes Beispiel.

Und wo sehen Sie die Kunden von On-demand-Computing?

Krcmar: Wenn ich CIOs nach ihrem Bedarf an abrufbaren IT-Leistungen frage, stoße ich nicht gerade auf spontane Begeisterung. Ihr Berufsziel ist nicht, Kapazitäten flexibel auf Abruf zu haben, sondern Stabilität. Vielleicht sind daher weniger die Endkunden die potenzielle Klientel für On-demand-Computing, sondern die IT-Dienstleister untereinander, die sich gegenseitig Abruf-Kapazitäten gewährleisten. Kapitalstarke Unternehmen sind dabei im Vorteil, denn zunächst sind die Kapazitäten vorzuhalten und damit Bereitstellungskosten zu übernehmen. Nicht zufällig hat ja IBM als großer IT-Dienstleister den Begriff „On-demand“ geprägt. Obwohl auch andere große IT-Dienstleister wie T-Systems, HP, Siemens Business Services, um nur einige zu nennen, sich unter verschiedensten Begriffen dem On-demand-Computing zu wenden, macht es derzeit enorme Schwierigkeiten herauszufinden, welche Angebote überhaupt für Endanwender attraktiv sein könnten.

Wie hoch sind die rechtlichen Hürden, die bei unternehmensübergreifender IT-Nutzung zu beachten sind?

Krcmar: Am Grid-Computing wird das sehr konkret. Technologisch sind wir durchaus in der Lage, Anwendern gemeinschaftliche Rechenleistung über ein Netz von vielen Ressourceninhabern zur Verfügung zu stellen. Dem stehen jedoch noch eine ganze Menge rechtlicher Probleme im Wege. Beispielweise wird im Krankenhauswesen ein strenger Datenschutz verlangt – und das schließt eine Weiterverarbeitung in einer räumlich und rechtlich über mehrere Rechnersysteme verteilten Grid-Struktur auch außerhalb des Krankenhauses zunächst aus.

Erweist sich der Datenschutz als Innovationsbremse?

Krcmar: Das Bundesdatenschutzgesetz, so verstehe ich es, wirkt manchmal auch als Bremse. Es geht rechtsphilosophisch ja davon aus, zunächst alles zu untersagen und dann je nach Einzelfall zu genehmigen oder es beim Verbot zu belassen. Beim E-Government hingegen beschreitet das veränderte Verwaltungsverfahrensgesetz nun aber den gegenteiligen Weg. Es erklärt zum Beispiel erst einmal die Nutzung digitaler Medien generell als zulässig und fügt dann einige Ausnahmen einschränkend an. Hier muss man neu abwägen und prüfen, wie etwa das Verhältnis von Schutz der Datenprivatsphäre und Förderung von Innovationen heute gesellschaftlich und technisch zu verbinden ist.

Wo sind die Anwendungen für RFID?

Krcmar: RFID erlaubt es, Identitätsinformationen zu erhalten. Es wird unterschieden zwischen Tracking, also dem Verfolgen, und Tracing, dem Aufspüren von Gütern und Personen. In beiden Fällen geht es letztendlich um die Frage, welche Bedeutung das identifizierte Gut in einem Geschäftsprozess hat. Ich kann mir schlecht vorstellen, Backsteine beim Hausbau einzeln zu verfolgen oder meinen Werbekugelschreiber zu orten, den ich irgendwo verlegt habe. Warum aber nicht kostbare Bücher einzeln verfolgen? Warum nicht im Krankenhaus den Aufenthalt von Ärzten, Patienten oder Schwestern nachverfolgen? Damit ließen sich doch erhebliche Koordinationsvorteile erzielen. Wer in Echtzeit weiß, wo sich welche Ressource befindet, der kommt der Vision eines Realtime-Unternhemens ein großes Stück näher. Beispielsweise in der Leitstelle eines Flughafens: Wie lassen sich das Flughafenpersonal, die Gepäckmengen, die Gäste auf so einem riesigen Gelände optimal steuern? Nützliche Anwendungsmöglichkeiten für RFID gibt es ohne Zweifel.

Wo stecken derzeit die Innovationen im E-Government?

Krcmar: Es gibt gute Projekte beispielsweise in der Media@Komm-Initiative, mit dem Bestrebungen im E-Government in deutschen Kommunen gefördert werden sollen. Nach Bremen, Esslingen und Nürnberg werden jetzt standardisierte Lösungen auf 20 weitere Städte übertragen. Das Verwaltungsportal Baden-Württemberg, um ein anderes Beispiel zu nennen, ist auf die unterschiedliche Lebenslagen aus der Sicht der Bürger – wie Geburt, Eheschließung, Hausbau oder Umzug – ausgerichtet worden. Immer mehr Bürgerkioske bieten Sprachversionen für die ausländischen Mitbürger. Und die ersten XML-basierten Standards zum Datenaustausch zwischen Verwaltungen finden beispielsweise im Meldewesen Verwendung. Bei E-Government ist eine Menge in Gang.

Reicht Ihnen das?

Krcmar: Das alles reicht erst dann aus, wenn die Aufgabenverteilung zwischen Kommunen, Landkreisen, Bundesländern und dem Bund vor dem Hintergrund einer informations- und kommunikationstechnischen Infrastruktur neu geregelt ist. Unser Gemeinwesen kann sich weder die Kosten der heutigen Verwaltung, die wir uns über unsere Politiker und Gesetze aufbürden, leisten noch die heute üblichen unterschiedlichen Verwaltungsverfahren etwa bei einer Kfz-Zulassung. Einen Ausweg bietet eine Organisationsstruktur mit einem individualisierbaren Frontoffice, das es den Bürgern erlaubt, bundesweit auf einheitliche DV-Verfahren im Backoffice zuzugreifen.

Kann eine Regierung Innovationen beschleunigen? Beispielsweise sollte ja gesetzlich eingeführte elektronische Signatur den E-Commerce ankurbeln.

Krcmar: Man kann die Bundesrepublik Deutschland dafür loben, dass sie schon 1997 ein Signaturgesetz in Kraft gesetzt hat. Aber wenn ich bedenke, wie wenige Firmen als Dienstleister im Umfeld von Verschlüsselung, Verifizierung und Public Key Infrastructure (PKI) aufgrund dieser Gesetzgebung überlebt haben, dann ist dies betrüblich. Der Gesetzgeber kann nur einen Rahmen geschaffen. Wenn aber die Unternehmen und die Verwaltung im Einzelnen und als Ganzes nicht mitziehen und ihre Prozesse nicht zur gleichen Zeit an den elektronischen Geschäftsverkehr anpassen, kommt eine breite Entwicklung nicht in Gang.

Herr Professor Krcmar, unter welchen Bedingungen gewinnen IT-Innovationen im Markt?

Krcmar: Innovationen haben soziale, technische und ökonomische Indikationen. Ein in den Markt einzuführendes IT-Produkt muss daher parallel mehrere Bedingungen erfüllen: Neben technischen Rahmenbedingungen auch rechtliche, dazu der Nachweis eines ökonomischen Vorteils und der sozialen Akzeptanz. Erst wenn alle Bedingungen erfüllt sind, klappt es und lohnt sich. Die IT-Branche wertet eine technische Verfügbarkeit anhand weniger Beispiele allzu gerne und allzu leicht als positives Signal für eine breite Durchsetzbarkeit auf ökonomischer und sozialer Ebene. So schnell kommen aber IT-Innovationen nicht ins Laufen.

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