Wimax oder DSL – Wer macht das Rennen?

Feature | 2. August 2006 von admin 0

Jan Hein Bakkers

Jan Hein Bakkers

Herr Bakkers, was ist Wimax?

Bakkers: Die Wimax-Technologie gehört zur Familie der IEEE-802.16-Standards für regionale Funknetze. Sie überbrückt, ähnlich wie Wireless LAN, die so genannte letzte Meile per Funk, jedoch mit einer weitaus größeren Reichweite und höheren Datenübertragungsraten als Wireless LAN. Wimax gestattet den Internet-Zugang mit ähnlichen Geschwindigkeiten, wie sie auch aktuelle DSL-Services bieten. Die ersten Installationen dienten der Anbindungsfähigkeit fester Standorte wie Wohnhäuser und Unternehmensstandorte. Zukünftige Installationen werden auch Mobilität und Portabilität ermöglichen.

Welche Kunden nutzen Wimax gegenwärtig?

Bakkers: Die vorhandenen Installationen werden in der Regel von alternativen Betreibern in Gebieten mit unzureichender oder fehlender DSL-Abdeckung betreut. In Westeuropa sind bislang weniger als fünf Prozent aller Haushalte mit Wimax versorgt. In einigen Ländern, etwa Italien, wurden noch nicht einmal Frequenzlizenzen erteilt.

Wie treiben das internationale Wimax-Forum (www.wimaxforum.com) und seine Mitgliedsunternehmen die Nutzung von Wimax voran?

Bakkers: Das Forum stützt sich auf die Standardentwicklung durch die IEEE 802.16-Arbeitsgruppen und kümmert sich dann um Fragen der Zertifizierung und Interoperabilität von Wimax-Technologie.

Die nordschwedische Stadt Skelleftea wechselte im Jahr 2005 zu Wimax. Wie viel, schätzen Sie, müssen die Privatkunden in neues Equipment investieren, um Wimax nutzen zu können?

Bakkers: Bei den aktuellen Installationen ist es gewöhnlich so, dass der Betreiber Eigentümer der notwendigen technischen Geräte, des so genannten Customer Premises Equipment (CPE), bleibt und dieses an den Teilnehmer verleiht. Denn diese Empfangsgeräte kosten mehrere Hundert Euro. Durch das Verleihprinzip sinkt daher eine wichtige Hemmschwelle für die Übernahme dieser Technik, und der Betreiber hält sich die Möglichkeit offen, das CPE bei Bedarf auszutauschen – etwa im Falle einer technischen Weiterentwicklung des Netzes.

Sind Regionen ohne Breitbandkabelverbindung nicht gezwungen, Wimax zu nutzen? Für welche Zielgruppen wäre denn die Alternative DSL günstiger?

Bakkers: Infrastrukturschwachen Regionen steht die Option Wimax natürlich offen. In Westeuropa gibt es jedoch nur wenige solcher Regionen. In Mittel- und Osteuropa, dem Nahen Osten und Afrika gibt es weitaus mehr davon, hier besteht für Wimax möglicherweise mehr Potenzial. Wo Festnetzleitungen existieren, bleiben die Benutzer diesem treu, da sich deren Leistungsumfang ebenfalls mit großem Tempo weiterentwickelt. In Westeuropa wechseln zahlreiche Betreiber zu ADSL2+, einer Weiterentwicklung der Norm ADSL (Asymmetric Digital Subscriber Line), die jetzt Geschwindigkeiten von bis zu 25 Megabit pro Sekunde (Mbps) verarbeiten kann. Die nächste Fortentwicklung dieser Norm wird VDSL2 (Very High Speed Digital Subscriber Line) sein, die bis zu 50 Mbps erreicht. Die derzeitige Kabeltechnologien bieten erst 30 Mbps. Die Betreiber der Kabelnetze haben jedoch gewachsene Beziehungen zu den Anwendern, ein ausgeprägtes Markenbewusstsein und ein starkes Marketing auf ihrer Seite. Außerdem verfügen sie über die technischen Ressourcen zur Bereitstellung von Services, die genauso gut oder sogar besser als Wimax sind.

Intel-Mobility-Chef Sean Maloney hat die Vision, ab 2007 könne über Wimax europaweit schnell aufs Internet zugegriffen werden. Ist diese Erwartung übertrieben?

Bakkers: Bisher hat sich noch kein Betreiber darauf festgelegt, Wimax landesweit zu installieren. Zunächst brauchen sie dafür eine solide Geschäftsgrundlage, einen so genannten Business Case, und hierzu gehört eine bewährte, zugrunde liegende Standard-Technologie. Diese wird nicht vor 2007 im großen Rahmen verfügbar sein. Erst wenn dies gegeben ist, können Wimax-Betreiber mit der Planung und dem Aufbau von Netzen beginnen – und das wird sicher noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Und bei diesem Szenario wurden noch keine Verzögerungen bei der Zertifizierung, Standardisierung und Interoperabilität der Endgeräte berücksichtigt. Bedenken wir, dass die Standards noch relativ jung sind und sich der Zertifizierungsprozess erst im Anfangsstadium befindet. In den meisten Fällen ist noch nicht erprobt, ob die den Basisstationen des einen Anbieters mit den Empfangsgeräten eines anderen kompatibel sind. Das wird Zeit brauchen, und bis dahin werden die Betreiber Empfangsgeräte und Basisstationen vom selben Anbieter verwenden. Das bedeutet natürlich, der Verbraucher hat weniger Auswahl und muss relativ hohe Preise bezahlen.

Man muss auch bei der Leistungsfähigkeit von Wimax-Technologie genau hinsehen. Viel wird über Wimax gesagt, und alles ist wahr – aber nicht alles in jedem Zusammenhang. Wimax kann in einzelnen Fällen eine Übertragungsgeschwindigkeit von 70 Mbps, in anderen eine Reichweite von bis zu 50 Kilometern leisten – eine Sichtverbindung ist also nicht mehr nötig. Aber nicht in jedem Fall bietet Wimax beides in Kombination.
Last not least sollte beachtet werden, dass es momentan noch zwei unterschiedliche Standards gibt. Der eine, 802.16-2004, wurde im Jahr 2004 ratifiziert und befindet sich momentan bereits im Prozess der Zertifizierung. Dieser Standard eignet sich für die feste Anbindung von Privathaushalten und Unternehmen. Er verspricht aber noch keinen Durchbruch für Wimax. Denn wie gesagt, liegt in Westeuropa die Abdeckung durch DSL bei weit über 90 Prozent. DSL- und Kabelanbieter genießen einen massiven Vorsprung, was den Grad der Abdeckung und Bekanntheit sowie das Marketing angeht.
Der andere Standard, 802.16e, Ende 2005 ratifiziert, eignet sich für portable und mobile Wimax-Installationen. Dieser Standard verspricht Wimax mehr Marktpotenzial. Hier könnte tatsächlich ein interessanter Business Case für die Betreiber eintreten. Ein Problem hierbei ist allerdings, dass es weder einen Migrationspfad zwischen den beiden Standards gibt, noch auch eine Abwärtskompatibilität gewährleistet ist. Die Betreiber müssen sich für einen von beiden Standards entscheiden: Entweder sie warten auf mobilitätsfähige Empfangsgeräte gemäß Standard 802.16e – die in nennenswertem Umfang nicht vor nächstem Jahr zu erwarten sind. Oder sie richten ihre Installation vorläufig am Standard 802.16-2004 aus und müssen sie unter Umständen aufwändig nachrüsten, sobald Geräte für Standard 802.16e verfügbar und für mobile Szenarien einsatzbereit ist.
Kurz: In einer Region mit einer entwickelten Breitbandinfrastruktur, wie Westeuropa sind die kurz- bis mittelfristigen Aussichten für Wimax eher begrenzt. Die Technologie eignet sich in erster Linie für weniger entwickelte Regionen, da sie einfacher und billiger ist als die Alternative Breitband, und da ihre Installation sehr viel schneller vonstatten geht als der Ausbau eines neuen Kabelnetzes.

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