“Wir sind Dienstleister für strukturiertes Erfinden”

Feature | 1. Dezember 2003 von admin 0

Tom Groth

Tom Groth

Als professioneller Visionär müssen Sie sich einen kritischen Blick zurück bewahrt haben. Warum platzten mit der Dot.Com-Blase auch so viele Visionen?

Groth: Hauptsächlich waren es zu optimistische Businesspläne. Viele visionäre Projekte wurden zu Flops, weil zu sehr die Berater Regie und nicht die authentischen Unternehmer führten.

Und was ist aus dem Versprechen geworden, IT und Telekommunikation würden nahtlos verschmelzen?

Groth: Gewiss, dieses Versprechen wurde noch nicht eingelöst. Die Telekommunikationsindustrie war einfach zu lange in Airtime verliebt. Also es ging ihr mehr um Wachstum bei den Verbindungszeiten, weniger um die Ankurbelung des Geschäftes mit paketorientierten Datendiensten. Diese Haltung bremste massiv das Zusammenwachsen von IT und Telekommunikation. Wer meint, die so genannte dritte Mobilfunkgeneration würde jetzt auf Anhieb einen Innovationsschub auslösen, hat die technischen Whitepaper von UMTS nicht durchgelesen. Grundlegende technische Spezifikationen sind darin offen geblieben. Der Markt entwickelt sich nicht, weil sich jeder Anbieter mit eigenen Standards austoben kann. Und zudem hat es sich ja herum gesprochen: Die große superschlaue, Massengeschäft generierende Killerapplikation wird es nie geben. Nur solche Dienste haben eine Zukunft, die in die Lebenssituationen und Rollenmodelle individueller Menschen passen und darum Nachfrage erzeugen.

Was bedeutet das für die technologische Entwicklung?

Groth: Wir müssen uns mit der Vorstellung vertraut machen, künftig je nach Örtlichkeit, Situation oder unserem Anliegen, also nach dem “Ambiente” entsprechend die passgerechte IT-Kapazität bereit gestellt zu bekommen. Wir werden es dann immer seltener mit Computern im heutigen Sinne und immer öfter mit deren Funktionsbausteinen zu tun haben. Das läuft nach dem Cafeteria-Prinzip: Hier eine Portion Speicherplatz, dort die nötige Prozessorleistung, da die geeignete Interoperabilität in Form von Touchscreens, Spracheingabe, Keybords oder was auch immer. Kurz gesagt, im nächsten Entwicklungsschritt wird der gute alte PC wieder auseinander genommen in verselbstständigte Einzelteile, wie er früher einmal war. Jedes IT-Segment wird über eine URL anzusteuern sein, was zu einer Explosion der Internet-Adressnummern führt. Protokolle bilden Rückgrat und Regelwerk der Dienste. Wir haben beispielsweise Protokolle basierend auf dem Leasing Modell entwickelt, um die spontane Nutzung einzelner Dienstleistungskomponenten ad-hoc zu unterstützen. Damit wird unser Java-Mobility-System laufen können, ein ohne viel Anmeldeaufwand spontan nutzbares Software-Framework für mobile Endgeräte.

Wie wichtig sind Web Services in diesem Zusammenhang?

Groth: Web Services sind gegenwärtig unser Hauptthema. Dabei geht es um Protokolle, welche die Nutzung von Diensten automatisieren, also ohne die aktive Beteiligung und Aufmerksamkeit von Menschen regeln. In der nächsten Entwicklungsstufe haben wir es mit Netzwerken aus “embedded things” zu tun, mit Geräten und Dingen, in denen IT-Komponenten eingepflanzt sind. Da gehören Auto-ID und RFID als Topthemen dazu, aber auch die Sensorik in vielfältiger Form.

Geht der Blick noch weiter in die technologische Zukunft?

Groth: Forschung und Entwicklung werden in den nächsten fünf bis zehn Jahren besonders in der Nanotechnologie, bei Brennstoffzellen und Energiespeichern erfolgreich sein. Zu den Innovationen werden beispielsweise auch druckbare Batterien und sogar ganze Computer für Polymerelektronik gehören. So können elektronische Komponenten quasi wie eine Tageszeitung oder ein Buch über Rollenoffset-Druckmaschinen produziert werden, und die Konfektionierung erfolgt dann einfach über das Ausschneiden wie aus einem Schnittmusterkatalog. Der Trend zu Services, bei denen spontane und meist zeitlich begrenzte Vernetzungen in räumlicher Nähe statt finden, setzt sich konsequent fort. Nach der Vernetzung über eingebettete also implementierte IT wird es etwa 2015 ein Netzwerk der Dinge (network of things) geben. Die IT-Komponenten sind dann auf Samenkorngröße oder noch kleinere Dimensionen geschrumpft. Wir werden diese in Massen gefertigt als Substrat verfügbar haben und Allem, was es in der physischen Welt gibt, regelrecht beimischen können. Autarke IT-Komponenten in Samenkorn- oder Staubkorngröße, im Jargon auch eGrain oder Smart Dust genannt, ergeben techno-soziale Strukturen. Das heißt, die den Materialien beigemengte IT-Partikel nehmen selbständig zueinander Verbindung auf. Je nach Programm organisieren sie sich selbst und weisen sich Funktionen zu: Die einen messen, die anderen fühlen und schalten, weitere sind für Identifizierung und Lokalisierung zustandig.

Ist schon etwas von dieser Vision zu sehen?

Groth: In Entwicklungslabors sind wir der Miniaturisierung von Chips einen wichtigen Schritt näher gekommen. Wir können winzige Chips herstellen, die sich kleben lassen. Wir verzichten auf Kontaktpins an den Prozessoren und haben statt dessen eine Art Schachbrett-Muster aufgebracht, bei dem jedes Feld in der Größenordnung nur einiger Atome liegt. Die Chips lassen sich einfach mittels Klebstoff zusammenbringen, ganz ohne Platine. Kontaktfelder definieren sich danach von selbst. Die Basispatente dazu konnten wir uns bereits sichern. Unsere neu entwickelten Chips haben zudem die unangenehme Eigenschaft ihrer Vorgänger abgelegt. Denn sie arbeiten mit einem Bruchteil des bisher üblichen Stromverbrauchs. Auch in der Produktion sind sie deutlich günstiger. Früher landeten fehlerhafte Chips im Ausschuss. Demnächst messen wir jeden gefertigten Chip und die mit minderer Leistung lassen sich immer noch konfigurieren für bestimmte Verwendungen. Das führt zu extrem günstigen Konditionen. Überall wo Chips enthalten sind, beginnt ein massiver Preisverfall. Wir rechnen mit Kosteneinsparungen in der Prozessorenproduktion von neunzig Prozent.

Wie klappt die Zusammenarbeit zwischen Forschung und Marketing?

Groth: Deutschland hat eine extrem innovative Forschungs- und Entwicklungslandschaft. Ich nenne nur zwei Forschungs- und Entwicklungseinrichtungen: Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt DLR hat dreieinhalbtausend Patente in der Schublade, die Fraunhofer-Gesellschaft das Doppelte. Aber es gibt einen gewichtigen Nachteil. Obwohl die Ergebnisse der Forschungseinrichtungen und Entwicklungsabteilungen im Weltvergleich Spitze sind, ist die kommerzielle Verwertung in Verhältnis dazu spärlich. Das beherrscht man in Amerika viel besser. Darum wäre es gerade in dieser Zeit optimal, wenn die Deutschen forschen, aber gemeinsam mit den Amerikanern aus den Ergebnissen Produkte machen und sie in die Märkte bringen. Diese Synergie wäre unschlagbar und daran arbeite ich. Ein Beispiel ist das Anwendungszentrum, das wir mit DLR und dem Freistaat Bayern als Brutstätte für Produkte im Bereich Satellitenkommunikation, Navigation und Erdbeobachtung gegründet haben.

Was ist Ihr persönliches Motto?

Groth: Kreative Ideen können systematisch erzeugt werden. Think first – than act!

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