Wunsch-Fahrzeuge aus SAP ERP und CAD

Feature | 27. Februar 2008 von Dr. Andreas Schaffry 0

Die Sattelauflieger und Lkw-Anhänger von Krone sind europaweit bekannt. Die Fahrzeuge werden nach Kundenwunsch gefertigt. Schon bei einfachen Ausführungen stehen – je nach Kundenwunsch – eine Vielzahl von Varianten und damit Konfigurationsmöglichkeiten zur Wahl.

Deshalb müssen bereits in den CAD-Modellen einzelne Bauteile, beispielsweise Feuerlöscher, Werkzeug-, Reserverad- oder Palettenkästen, unterschiedlich positioniert sein. So kann der Zulieferer ein auftragsgerechtes Grundchassis abliefern, das dann in der Krone-Montage punktgenau um die richtigen Bauteile ergänzt wird. Vom Auftragseingang bis zur Auslieferung und insbesondere in der Konstruktionsabteilung sind hierfür genau abgestimmte und dennoch flexible Arbeitsabläufe gefragt.

Wachstum mit neuer IT sichern

Das Unternehmen agiert sehr erfolgreich am Markt und zeichnete sich in den vergangenen Jahren durch ein rasantes Wachstum aus. Allein im Geschäftsjahr 2006/2007 erwirtschaftete die Krone-Gruppe ein Umsatzplus von mehr als 23 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Allerdings konnte die bislang eingesetzte zentrale ERP-Lösung, eine Eigenentwicklung, den Wachstumskurs von Krone nicht mehr angemessen unterstützen. Die Software hatte ihre Leistungsgrenzen erreicht und war technologisch veraltet.

Genau hier setzte das Fahrzeugwerk Krone an. “Um unseren Expansionskurs langfristig zu sichern, mussten wir einzelne Prozesse sowie einzelne Arbeitsschritte, unterstützt von einer zukunftssicheren und ausbaufähigen IT-Lösung, effizienter gestalten”, erklärt Dr. Goy-Hinrich Korn, Leiter Organisation/EDV bei der Krone-Gruppe. Hohe strategische Bedeutung hatte vor allem die Schaffung einer durchgängig integrierten Auftragsabwicklung vom Vertrieb bis zur Auslieferung des Produktes. Nach einem intensiven Auswahlprozess wurde der SAP-Partner itelligence AG beauftragt, SAP ERP einzuführen.

Bestimmte Prozesse liefen bei der Auftragsabwicklung schon weitgehend automatisiert ab. Diese hatten sich bewährt und wurden auch mit der Einführung von SAP ERP nahezu unverändert beibehalten. Zum Beispiel stellt der Außendienst auch heute vor Ort mit einem Konfigurator direkt beim Kunden das Wunschfahrzeug zusammen. Anschließend werden die Daten aus der Vertriebskonfiguration repliziert und über Schnittstellen nun an SAP ERP übergeben, statt wie bisher an das alte ERP-System.

Manuelle Arbeit automatisieren

In einigen Bereichen jedoch überwogen noch manuelle Abläufe. So war es bislang nicht möglich, aus der Vertriebskonfiguration heraus automatisch Stücklisten sowie CAD-Modelle abzuleiten. Dadurch war insbesondere für die Mitarbeiter in der Konstruktion der Arbeitsaufwand sehr hoch. Sie entwickelten die benötigten CAD-Modelle und Zeichnungen aus der Baubeschreibung mit dem 3D-CAD-System Pro/Engineer und erstellten dann hieraus die logistischen Materialnummern und Stücklisten.

Um die Bearbeitungszeiten in der Konstruktion zu reduzieren, wollte das Unternehmen bereits während der Konfiguration 3D-CAD-Modelle, Zeichnungen, technische Datenblätter oder Produktinformationen automatisch generieren. Auch sollten schon mit der Auftragsvergabe Bedarfe ermittelt sowie Produktstrukturen, Konfigurationsmerkmale und -regeln möglichst redundanzfrei verwaltet werden. Mit dem in die SAP-Software integrierten Variantenkonfigurator (LO-VC) ist es heute möglich, Kundenauftragsstücklisten zu konfigurieren.

Jedoch war die automatisierte Steuerung des CAD-Systems allein mit der Variantenkonfiguration von SAP ERP nicht realisierbar. Diese Lücke schloss Krone mit der vollständig in SAP ERP integrierten Zusatzlösung it.cadpilot, einem Gemeinschaftsprodukt von itelligence und der ACATEC GmbH. Erst damit konnte das Unternehmen CAD-Unterlagen automatisch aus der Produktstruktur und Merkmalsbewertung der Variantenkonfiguration heraus generieren. Der Konstruktionskonfigurator besteht aus Add-Ons von itelligence für die Variantenkonfiguration unter SAP sowie aus Komponenten von ACATEC für die Fernsteuerung der CAD-Software.

Wenige Master für alle Varianten

Technische Grundlage für die integrierte Variantenkonfiguration mit it.cadpilot sind so genannte CAD-Mastermodelle und -zeichnungen, die in der CAD-Software angelegt werden. it.cadpilot erhält dann eine XML-Beschreibung des Mastermodells vom CAD-System. Auch das Ergebnis der SAP-Variantenkonfiguration, also die Vertriebssicht, wird über spezielle Steuertabellen CAD-technisch, also in eine geometrische Sicht, übersetzt und an it.cadpilot übergegeben. Ein CAD-Adapter von ACATEC interpretiert das Ergebnis und baut das neue Modell entsprechend mit nativen Pro/Engineer-Dateien in der CAD-Software auf.

it.cadpilot erstellt so mithilfe der in SAP ERP erzeugten Stücklisten und Stammdaten sowie dem hinterlegten Konstruktionswissen einen vollständigen CAD-Datensatz inklusive der Zeichnungen des kundenindividuellen Fahrzeugs. Angebot, Preisfindung, Stücklisten, Kostenkalkulation und die Erstellung von CAD-Unterlagen im Engineering der Auftragsbearbeitung werden nun durchgängig in einem integrierten Konfigurationssystem unter SAP realisiert. Mit einer überschaubaren Anzahl an Mastern lässt sich auf diese Weise eine Vielzahl verschiedener Varianten konfigurieren.

Lernendes System

Doch das ist noch nicht alles. Da Kunden des Fahrzeugwerks Krone ihre späteren Produkte weitgehend frei konfigurieren können – das Unternehmen arbeitet nicht auf der Basis von Maximalstücklisten – enthält eine Vertriebskonfiguration auch Merkmalsvarianten, die bislang weder konstruiert noch je produziert wurden.

Selbst in diesen Fällen lässt sich jetzt aus der Vertriebskonfiguration heraus automatisch eine Stückliste ableiten. In der Stückliste werden dann lediglich die Klassenknoten mit den unbekannten Varianten nicht aufgelöst. An dieser Stelle ist noch ein manueller Eingriff der Konstruktion erforderlich, denn sie muss die neuen Merkmalsvarianten im CAD-System konstruieren und diese in die Stückliste einbauen.

Alle Informationen zu den neuen Varianten werden selbstverständlich sofort im Variantenkonfigurator der ERP-Lösung hinterlegt. Werden sie, etwa bei einem Folgeauftrag, benötigt, “erkennt” SAP ERP die neuen Varianten und fügt sie automatisch in die Stückliste ein. “In diesem Bereich sind manuelle Abläufe unvermeidbar”, erläutert Dr. Goy-Hinrich Korn. “Gleichzeitig jedoch erhöhen wir durch ständig neu im System hinterlegtes Konstruktionswissen den Grad der Automatisierung bei der Auftragsabwicklung kontinuierlich.”

Heute im Schnitt fünfmal schneller

Das Fahrzeugwerk Krone setzte die integrierte Lösung zunächst bei der Konfiguration von Containerfahrzeugen ein. Hier zeigten sich bereits kurz nach dem Produktivstart Anfang Juni 2007 die Vorzüge einer direkten Steuerung des CAD-Systems aus SAP ERP heraus.
Bei der Auftragsabwicklung der Containerfahrzeuge sind die Durchlaufzeiten im Vergleich zu früher nämlich erheblich gesunken.

Dr. Goy-Hinrich Korn schätzt, “dass die Mitarbeiter in der Konstruktion ihre Arbeit heute im Schnitt fünfmal schneller erledigen. Lästige Routinetätigkeiten, wie etwa das Laden von Standardteilen, die in jedem CAD-Modell verbaut sind, entfallen.” Auch der Vertrieb profitiert. Ist die mit dem Kunden erstellte Fahrzeugkonfiguration an SAP ERP übergeben, werden dort automatisch die Prozesse für Kalkulation, Disposition und Konstruktion angestoßen.

Kein Wunder also, dass Krone diesen Status weiter ausbauen möchte. Sukzessive will man nun die Konfiguration aller Fahrzeugtypen auf die integrierte Lösung umstellen. Laut Dr. Goy-Hinrich Korn wird das nun zügig gelingen, da inzwischen bereits umfangreiches Beziehungs- und Konstruktionswissen in SAP ERP hinterlegt ist.

Arbeitsabläufe neu gestaltet

Die Fahrzeugwerk Bernard Krone GmbH nutzte die neuen IT-Prozesse, um ihre internen Arbeitsabläufe zu optimieren. Im neu gegründeten Auftragszentrum arbeiten Spezialisten aus den einzelnen Fachbereichen zusammen. Über ein von itelligence entwickeltes Auftragscockpit für SAP ERP erhalten die Mitarbeiter im Auftragszentrum und in den Fachabteilungen zentral abrufbare Auskünfte. Das sorgt, etwa bei Änderungswünschen von Kunden, für kurze Wege und schnelle Entscheidungen.

Die Mitarbeiter erkennen über Ampelfunktionen auf einen Blick, welche Prozesse im Rahmen eines Kundenauftrags bereits durchgeführt wurden und welche noch offen sind. Zudem sind wichtige Informationen zu Konstruktions- und Fertigungsstücklisten, Fertigungsaufträgen, Bestellungen, Lagerbeständen oder Qualitätsmanagement jederzeit per Mausklick abrufbar. Dr. Goy-Hinrich Korn: “Alle Vorgänge sind transparent und nachvollziehbar gestaltet. Wir wissen immer genau, wo wir stehen und verbessern so unsere Auskunftsfähigkeit gegenüber unseren Kunden.”

Das ambitionierte Projekt sicherte Dr. Goy-Hinrich Korn den dritten Platz im Bereich Mittelstand bei der Wahl zum “CIO des Jahres 2007”, den das CIO-Magazin und die Computerwoche aus über 500 nominierten IT-Entscheidern ermittelten.

Leave a Reply