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Feature | 27. Juni 2005 von admin 0

NZZ und St. Galler Tagblatt

NZZ und St. Galler Tagblatt

Ende 2003 verabschiedete die Geschäftsleitung des Verlagshauses Neue Zürcher Zeitung AG (NZZ) eine neue Strategie für die gesamte Informationstechnologie der Unternehmensgruppe. In diesem Zusammenhang fiel die Entscheidung, die SAP-Anwendungen bei NZZ und St. Galler Tagblatt an einem gemeinsamen Standort zu betreiben. Die Wahl fiel auf St. Gallen. Die IT-Spezialisten aus der Ostschweiz verfügen über eine deutlich längere SAP-Erfahrung als ihre Kollegen aus Zürich, denn sie gehörten Anfang der 90er Jahre zu den ersten SAP-Kunden in der Schweiz überhaupt.
Die neue Informatikstrategie schloss einen Wechsel von proprietären Systemen auf offene Systeme ein. Damit stand in St. Gallen nicht nur die Zusammenführung von zwei unabhängigen SAP-Anwendungslandschaften an, sondern auch ein Wechsel von Unix zu Linux und von Oracle zu der von SAP zertifizierten Open-Source-Datenbank MaxDB. “Mit der Einführung herstellerunabhängiger Technologien auf Betriebssystem-, Datenbank- und Serverebene haben wir nun mehr Flexibilität bei der Beschaffung der benötigten Soft- und Hardware”, begründet Peter Baer, Leiter Informatik der St. Galler Tagblatt AG, die Entscheidung.

“Chemie” muss stimmen

Die Migration verlief zügig: Mitte April 2004 bestellte IT-Leiter Baer die vier 64-Bit-Server. Ende Mai begann die Testphase, und am 5. Juli ging das neue System bei der NZZ online. Von August bis Oktober 2004 erfolgte dann die Umstellung des Systems beim Tagblatt.
Damit waren sämtliche Vorgaben erfüllt, auch hinsichtlich der Laufzeit des Projekts. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht sollte eine Migration nämlich nicht länger als ein Vierteljahr in Anspruch nehmen, da sonst die Gefahr eines Entwicklungsstillstands besteht. Denn Mitarbeiter, die in die Umstellungsarbeiten eingebunden werden, stehen während dieser Zeit nicht für die laufenden Wartungsdienste zur Verfügung. In Zürich und St. Gallen waren insgesamt acht Mitarbeiter der IT-Abteilungen permanent in das Projekt eingebunden.
“Es handelte sich um eine rein technische Migration ohne Release-Wechsel”, betont Peter Baer. Fachkundige Unterstützung während des gesamten Prozesses erhielten er und sein Team von TDS MultiVision, einem Unternehmen der TDS-Gruppe. IT-Experten der TDS hatten die NZZ-Gruppe schon vorher im SAP-Umfeld unterstützt, zum einen bei Release-Wechseln, aber auch bei einer Hardware-Migration von IBM zu HP. “TDS verfügt über das entsprechende Know-how, auch im Linux-Umfeld; das bestätigte sich wiederholt im Verlauf des Projekts”, begründet Peter Baer die Entscheidung. “Auch der Faktor Mensch spielt in solchen Projekten eine wichtige Rolle. Zwischen allen Beteiligten muss die ‚Chemie’ stimmen, sonst geht schnell etwas schief.”
Die TDS hatte die fachliche Leitung des Projekts und definierte die technisch notwendigen Schritte für den Transfer der SAP-Applikationen auf das neue Linux-Umfeld. Daraus erstellte die NZZ dann den organisatorischen Ablaufplan, der ohne größere Probleme eingehalten wurde. Weitere Unterstützung bei der Migration kam von der Bechtle Data AG. Das Unternehmen war für die Auswahl und Beschaffung der Hardwarekomponenten, unter anderem der vier Itanium-Server von IBM, zuständig.

Zwischen drei- und neunmal schneller

Besonderes Augenmerk richteten Peter Baer und seine Mitarbeiter während des Migrationsprozesses auf die Kompatibilität zwischen Software und Hardware. Fragen wie “Läuft die Datensicherung auch in der neuen Systemumgebung?” oder “Wird die Hochverfügbarkeit der Daten gewährleistet?” mussten geklärt werden.
Doch ganz ohne Probleme lief sogar dieses ansonsten erfolgreiche Projekt nicht ab. “Wir hatten zu Beginn der Testphase Performance-Probleme mit der Datenbank”, erinnert sich Peter Baer. “Die Verarbeitung dauerte nach der Umstellung der Systeme zunächst länger als vorher.” Gemeinsam mit dem MaxDB-Kompetenzzentrum der SAP in Berlin wurde eine Lösung gefunden und der Zugriff auf die Daten optimiert. Jetzt liegt die Verarbeitungsgeschwindigkeit je nach Applikation zwischen drei- und neunmal höher als mit dem alten System. Die SAP-Anwendungen von Neuer Zürcher Zeitung und St. Galler Tagblatt laufen seit Oktober 2004 auf Linux und arbeiten genauso stabil wie in der bisherigen Unix-Umgebung.
Nach der Umstellung fanden Schulungen für die Mitarbeiter statt: ein einwöchiger Linux- sowie ein etwa dreitägiger MaxDB-Kurs. Im St. Galler Tagblatt nutzen nun 100, in der NZZ rund 200 Anwender die SAP-Lösungen. Sie alle sind sehr zufrieden mit dem neuen System – genau wie Peter Baer. “Die Resonanz ist durchgehend positiv”, berichtet er. Die bessere Performance macht sich beispielsweise bei der Zeitungsdistribution bemerkbar. Versandpapiere und Lieferscheine für die Zustellerorganisationen lassen sich jetzt deutlich schneller schreiben als zuvor.
Das Verlagshaus arbeitet mittlerweile an der Implementierung eines Clusters – mehreren unabhängigen Server-Systemen, die lose miteinander verbunden sind –, der für die Ausfallsicherheit der IT-Umgebung sorgt.

Nach zwei Jahren amortisiert

Schon jetzt kann Peter Baer bestätigen, dass sich die Investitionen in die Kombination Linux und MaxDB gelohnt haben. Die neue Umgebung ist nicht nur deutlich leistungsfähiger, sie ist auch eindeutig günstiger. Die Kostensenkungen wurden einerseits durch deutlich billigere Hardware-Komponenten und andererseits durch preiswertere Software-Lizenzen im Linux-Umfeld erzielt. Insgesamt belaufen sich die Einsparungen durch die Konsolidierung der Systeme und die Migration auf Linux auf rund 100.000 Schweizer Franken (rund 65.000 Euro) im ersten Betriebsjahr. Ab dem zweiten Jahr sollen es rund eine halbe Million Schweizer Franken (rund 324.000 Euro) sein. Wenn alles nach Plan läuft, haben sich die Investitionen nach spätestens zwei Jahren amortisiert.
Peter Baer betont ausdrücklich, dass diese Einsparungen nicht aus einer Personal-Reduzierung stammen. Auch nach der Migration arbeiten NZZ und Tagblatt zusammen mit rund 50 IT-Mitarbeitern. Ihre Tätigkeitsbereiche haben sich jedoch etwas verlagert. Wie ursprünglich geplant, erfolgt das Hosting und die Administration der Systeme nun ausschließlich in St. Gallen. Support und Anwendungsentwicklung sind jeweils vor Ort angesiedelt, also sowohl in Zürich als auch in St. Gallen. Mehr Leistung bei geringeren Kosten – das drittgrößte Verlagshaus der Schweiz hat dieses ehrgeizige Ziel mit Open-Source-Produkten und kompetenten Partnern erreicht.

Marcel Schäfer

Marcel Schäfer

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