Zulieferer in der Pflicht

Feature | 12. Dezember 2007 von admin 0

„EU-Richtlinie fegt AirPort Extreme-Basisstation aus Apples Portfolio.“ So titelte das Branchenblatt Macwelt im Juni 2006. Soeben hatte der IT- und Unterhaltungselektronikkonzern Apple seine europäischen Vertragshändler aufgefordert, die beliebte WLAN-Station gemeinsam mit dem Bildungsrechner eMac aus den Regalen zu nehmen. Der Grund: Beide Produkte enthielten Schadstoffe, die gegen die im Juli 2006 in Kraft getretene RoHS-Richtline der Europäischen Union verstießen.

Sinn und Zweck der Richtlinie ist es, Hersteller zu umweltschonenderen Produkten zu bewegen. Die etwas schwerfällige deutsche Übersetzung der RoHS-Direktive macht klar, was genau zu geschehen hat: „Beschränkung der Verwendung bestimmter gefährlicher Stoffe in Elektro- und Elektronikgeräten.“ Wenn derzeit also gesellschaftsübergreifend über „Green IT“ diskutiert wird, so ist dieser Begriff wesentlich weiter gefasst, als es die vorherrschende Diskussion um den Energie schonenden Betrieb von IT-Infrastrukturen vermuten lässt. Diesen Schluss legen ähnliche Regelungen zum Umwelt- und Verbraucherschutz rund um den Globus ebenfalls nahe.

Selbstverpflichtung der OEMs

Zweifellos erzielen spektakuläre Fälle wie der des Originalgeräte-Herstellers Apple hohe Aufmerksamkeit. Sie sind jedoch keineswegs häufig. Tatsächlich hat die Elektro- und Elektronikbranche (E/E-Branche) rasch gelernt, mit den gesetzlichen Anforderungen umzugehen. Vielerorts ist die Übereinstimmung mit der neuen Richtlinie zu einem Muss für alle geworden, die ein Elektronikprodukt auf den Markt bringen wollen. So hat sich beispielsweise Heidelberger Druckmaschinen selbst auferlegt, RoHS-Compliant zu sein, obwohl die eigenen Produkte eigentlich von der Richtlinie ausgenommen sind.
Mittels solcher Selbstverpflichtungen geht der Markt mehr und mehr dazu über, sich selbst zu regulieren. An der Spitze der Entwicklung stehen international tätige Originalgerätehersteller wie Nokia oder Siemens. Sie streben eine Volldeklaration aller Bauteile in ihren Erzeugnissen an. Einerseits wollen sie damit für die unterschiedlichen Gesetzgebungen aller ihrer Zielmärkte gewappnet sein. Andererseits möchten sie bei künftigen Änderungen der Compliance-Regularien nicht in Zugzwang geraten. Was zählt, sind hier längst nicht mehr nur die gesetzlichen Forderungen. Zum Treiber wird immer stärker die öffentliche Wahrnehmung eines Unternehmens. Kommt zum Beispiel eine noch nicht regulierte Chemikalie durch einen aktuellen Anlass ins Gerede, so wollen Originalgerätehersteller schnellstmöglich ermitteln, ob und in welchem Maße dieser Stoff in ihren Produkten enthalten ist, um im Fall der Fälle präzise Gegenmaßnahmen ergreifen zu können.

Bringschuld für die Zulieferer

Doch ganz gleich ob eine Umweltrichtlinie wie RoHS den OEM unmittelbar betrifft oder ob er sich freiwillig an sie hält, in der Pflicht stehen in jedem Fall seine Systemlieferanten und Subzulieferer. Für sie sind die immer umfangreicheren Stoffkataloge der Originalgerätehersteller verbindlich, die in der Praxis auf eine Volldeklaration der Zulieferteile hinauslaufen. Stellen die Lieferanten die geforderten Informationen nicht bereit, laufen sie Gefahr, ihre Bestände nicht mehr zu verkaufen.
Vorreiter dieser Entwicklung ist die Automobilindustrie, die bereits vor Jahren das Internationale Material-Daten-System (IMDS) aufgebaut hat. Über IMDS kommen Hersteller wie Audi, BMW, Chrysler, Daimler, Ford, Opel, Porsche, Volkswagen und Volvo ihren Verpflichtungen nach, Daten über die im Automobil verwendeten Teile bereitzustellen, um die Materialzusammensetzung zu dokumentieren. Denn schließlich zeichnet jeder Fahrzeughersteller und mit ihm seine Zulieferer für den gesamten Produktlebenszyklus eines jeden Bauteils verantwortlich, von Konstruktion und Herstellung über die Benutzung bis zur Entsorgung.

„Design for Environment“ – designed for Integration

Den behördlich geforderten oder den selbst auferlegten Berichtspflichten nachzukommen, ist jedoch nur der erste Schritt in einem umweltbezogenen Compliance-Management. Mindestens ebenso wichtig ist es, dass die Unternehmen in ihrer Produktentwicklung sicherstellen, dass unzulässige Gefahrstoffe erst gar nicht zum Einsatz kommen – abgestimmt auf den jeweiligen Zielmarkt. Die Industrie nennt diesen Absicherungsprozess „Design for Environment“.
Angesichts des stetig wachsenden Stoffspektrums führt Design for Environment gerade bei größeren Unternehmen zu einem erheblichen Verwaltungsaufwand. Eine steigende Zahl von Marktteilnehmern entscheidet sich deshalb dafür, ein umfassendes Erfassungs- und Berichtssystem aufzubauen, über das die Beteiligten aus Vertrieb, Konstruktion, Fertigung, Versand und Entsorgung die erforderlichen Informationen einpflegen oder abrufen.
Die Vorteile, dieses Compliance-Management auch gleich in die übergeordnete ERP-Lösung einzubetten, liegen auf der Hand. Zahlreiche Vorgänge lassen sich automatisieren, wenn bereits vorliegende Produktdaten vom ERP elektronisch an das Compliance-Management-System übergeben werden. Zudem steigt die Akzeptanz für eine solche zusätzliche Anwendung, wenn die Mitarbeiter ihre gewohnte Arbeitsumgebung nicht extra verlassen müssen.

Zusammenspiel ERP, Compliance-Management, Dokumenten-Management

In aller Regel ist die Logistik für die korrekte Deklarierung der Waren und deren reibungslosen Versand verantwortlich. Damit die Logistik genaue Informationen über die Inhaltsstoffe und den Compliance-Status eines Produkts oder Bauteils mitliefern kann, liest das Compliance-Management-System die erforderlichen Daten aus Artikelstücklisten, Einkaufsinfosätzen oder logistischen Daten in der ERP-Lösung aus und stellt sie in einer einheitlichen Oberfläche zur Verfügung.

Ergibt eine Statusprüfung, dass Informationen zu einem Produkt oder Bauteil fehlen, werden im Compliance-Management-System Aufgaben angelegt und an Ansprechpartner beim Hersteller oder Lieferanten weitergeleitet. Die gewünschten Produktdaten inklusive Informationen zu Inhaltsstoffen, Werkstoffen oder Zusammensetzungen sind einfach zu verarbeiten, denn sie unterliegen international zumeist Standard-Formaten wie IMDS, IPC-1752, AIAG oder denen der IEEE. Unabhängig von Format und Umfang erfasst das Compliance-Management-System die eingehenden Informationen automatisch und legt sie in einem Dokumentenmanagementsystem (DMS) ab. Dies ist zumeist das Standard DMS-System in der ERP-Lösung, etwa SAP DMS. Nutzen Firmen ein von der ERP-Lösung unabhängiges DMS-System, werden zumindest die Links auf die Dokumente im Compliance-Management-System gespeichert. Ändern sich die Produkte oder treten neue Auflagen in Kraft, erzeugt das Compliance-Management-System erneut eine entsprechende Anfrage an alle davon betroffenen Mitglieder in der Wertschöpfungskette.

Compliance-Portale: Der Dritte im Bund

Sinnvoll ist es, diese Anfragen über ein Compliance-Portal abzuwickeln. Mit den für Portale vorhandenen Berechtigungskonzepten lässt sich festlegen, wer welche Aktivität durchführen darf. Um den Schutz der Daten sicherzustellen, erhalten die beteiligten Abteilungen und Partner einen rollenspezifischen Zugriff auf die Funktionen und Informationen des Compliance-Management-Systems.
Webgestützte Portale erweisen sich dabei als wirtschaftlichste Lösung. Sie bieten eine einheitliche, für alle Beteiligten leicht zugängliche Benutzeroberfläche, auf der sich sämtliche Daten verwalten lassen, die für die Compliance-Bewertung relevant sind. Stofflistendaten und Informationen über die Produktstruktur bis auf Reinstoffebene gehören ebenso dazu wie Kunden- und Lieferantendaten inklusive des aktuellen Compliance-Status. Auf dieser Datenbasis lassen sich Prüfungen wie eine RoHS-Abfrage automatisiert durchführen. Das Ergebnis erscheint in Form einer Liste, die per Ampelfunktion anzeigt, welche Teile in welchen Zielmärkten gegen geltendes Recht verstoßen und welche nicht.
Ein „alleinstehendes“ Compliance-Management-System unterstützt also Unternehmen, die Produkte entwickeln, herstellen oder vertreiben, produktbezogene Umweltauflagen weltweit einzuhalten. Im Zusammenspiel mit einer ERP-Lösung und einem Portal lassen sich zusätzlich Erfassungsredundanzen vermeiden und die Verarbeitungsprozesse weitestgehend automatisieren. Fälle wie die Apple-Rückrufaktion oder beim Zubehör des Matell-Flaggschiffs Barbie sind vermeidbar.

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