Zwei Kunden – ein Lager

Feature | 9. Januar 2006 von admin 0

Urban-Transporte

Urban-Transporte

Aus zwei großen, durch ein fahrerloses Transportsystem (FTS) miteinander verbundenen Hallen wird der französische Markt für die Gabelstaplerfirmen Still und Fenwick, beides Unternehmen der Linde-Gruppe, mit Ersatzteilen versorgt. Urban-Transporte lagert dort als Dienstleister für STILL und Fenwick eine Vielfalt von Teilen, sie reichen von kleinen Schrauben bis zu mächtigen Getriebeblöcken. Je nach Größe, Gewicht und Umschlagshäufigkeit der auszuliefernden Materialien werden unterschiedliche Bereiche im Lager belegt, die teils manuell, teils vollautomatisch bedient werden. Dazu sind angepasste Strategien zur Lagerung und Kommissionierung erforderlich.
Das Lager in Elancourt besteht aus zwei verschiedenen Lagerbereichen. Im manuell über Stapler zu bedienenden Hochregallager werden die schweren und sperrigen Teile gelagert. Aber auch größere Mengen an Kleinteilen befinden sich hier zunächst auf Paletten und werden je nach Umschlagshäufigkeit in das automatisches Kleinteilelager (AKL-Lager) umgelagert. Dieses errichtete Urban in Tablartechnik, um eine möglichst hohe Anlagenleistung und Anlagenausnutzung zu erzielen. Als Tablare bezeichnet man Ladungsträger, auf die sich unterschiedlich große Behälter stellen lassen. Die einzelnen Lagerplätze im Kleinteilelager werden über sechs Gassen durch automatische Regalbediengeräte und rollenbasierte Fördertechnik erschlossen.

Baustein zur dezentralen Lagerwirtschaft

Die Lagerverwaltung basiert auf SAP Logistics Execution System (SAP LES) und erlaubt den Kunden von Urban, über ihre eigene ERP jederzeit direkt auf die Lagerverwaltung zuzugreifen. Hierbei bewährte sich die SAP-Standardschnittstelle Logistics Execution – Integrated Decentralized Warehouse (LE-IDW). Sie bietet einen wesentlichen Baustein zur dezentralen Lagerwirtschaft, weil sich mit ihr ohne großen Aufwand Nicht-SAP-Lösungen mit SAP LES koppeln lassen. Zum Zeitpunkt der Implementierung Ende 2003 wurde SAP LES hier zunächst mit einer proprietären Kunden-Anwendung verbunden, die wenige Monate später auf SAP R/3 Enterprise migrierte. Beide Male brauchten auf Seiten von SAP LES keine Anpassungen vorgenommen werden.

Das Lagerverwaltungssystem setzt konsequent das Dienstleistungskonzept von Urban-Transporte um. Es ist darauf ausgerichtet, mehrere ERP-Mandanten zu bedienen und jedem Mandanten beziehungsweise Kunden ausschließlich die Sicht auf seine eigenen Bestände zu gewähren. Das setzt eine strenge Trennung und Zuordnung der Bestände im Lager voraus. Die Trennung findet allerdings nur virtuell und buchhalterisch statt, die physischen Flächen werden optimal, unabhängig vom Materialeigner ausgenutzt. Während der Dauer einer Einlagerung ist auch eine Verschiebung der Teile möglich, um die jeweils bestmögliche Raumnutzung zu erreichen. Die Kosten des Lagerbetriebs werden ebenfalls je nach Mandant getrennt ermittelt und aufgeschlüsselt. „Für unsere Kunden ergeben sich aus der gemeinsamen Lagernutzung erhebliche Kosteneinsparungen. Das Lager hat eine hohe Verfügbarkeit, kurze Durchlaufzeiten und ermöglicht uns zeitnah auf Kundenanforderungen zu reagieren“, so Dirk Sadler, Geschäftsführer von Urban-Transporte.

Mandantenübergreifend kennzeichnen

Um SAP LES für einen Logistik- und Lagerdienstleister wie Urban anwendbar zu machen, waren besondere Voraussetzungen zu erfüllen. Es sind nämlich nicht nur Bestände eindeutig zuzuordnen, sondern auch die Belege, Lieferanten und die Kunden verschiedener Auftraggeber. Das kann zu Verwechslungen und Fehlern führen, wenn verschiedene ERP-Mandanten gleiche Schlüsselbegriffe für jeweils unterschiedliche Belege vergeben haben. Um trotzdem die Daten in Lagerverwaltung und Transportmanagement zweifelsfrei zu identifizieren, führt SAP LES eine zusätzliche interne, mandantenübergreifende Klassifizierung durch und macht somit die Betriebsprozesse sicherer, ohne dass dabei die Anwender auf ihre vertrauten Kennzeichnungen verzichten müssen.
Den Materialfluss in Elancourt steuert eine Software von Siemens L&A. Beide Lösungen, SAP LES und die untergelagerte Materialflusssteuerung, sind voll integriert und ergänzen sich: SAP LES führt alle dispositiven und planerischen Aufgaben durch, alle materialflussnahen Vorgänge erledigt die nachrangige Anwendung. Die Zuordnung von Behältern und Paletten zu Gassen und Lagerplätzen, die Bestimmung der Bearbeitungsschritte, die Prioritätensteuerung und die Auswertung von Arbeitslasten sind einige Punkte, die SAP LES leistet. Auch die Kommissionierwellen werden in SAP LES zusammengestellt. Damit lassen sich Lieferungen nach Vorgaben zu einer betriebswirtschaftlich sinnvollen und zügigen Abwicklung bündeln. So werden etwa die Sendungen, die in bestimmte Regionen gehen, zusammen gefasst oder alle Aufträge, deren Auslieferung eine besonders hohe Priorität haben. Das sequentielle Abarbeiten der Aufträge steuert der Materialflussrechner. SAP LES wurde in diesem Einsatzfeld um wichtige Funktionen erweitert, beispielsweise die Verwaltung von Tablaren mit mehreren, unterschiedlich großen Behältern sowie materialflussoptimierende Ein- und Auslagerstrategien.

Sieben Aufträge parallel

„Die komplexen Anforderungen an das IT-System wurden durch Siemens kompetent auf Basis von SAP LES realisiert”, sagt Dirk Sadler. Für das Lager bei Paris hat Siemens eine Kommissionierlösung realisiert, die den Mitarbeitern am Bildschirm die Zusammenstellung der jeweiligen Teilelieferungen vorgibt. Der Kommissioniervorgang wird dabei durch eine Put-to-light-Anwendung unterstützt. Die grafische Anzeige des jeweiligen Kommissionierauftrags in Zusammenarbeit mit der Put-to-light-Anlage ermöglicht äußerst geringe Fehlerraten. Im Kleinteilelager sind die Tablare und deren Inhalt am Bildschirm grafisch dargestellt. Pro Arbeitsplatz lassen sich sieben Aufträge parallel bearbeiten. Die Zuordnung der jeweiligen Zielbehälter erfolgt in der Materialflusssoftware. Farbige Put-to-light-Bedienelemente unterstützen die Kommissionierer beim Pickvorgang. Die Mitarbeiter scannen die Etiketten der entnommen Teile und bestätigen durch Drücken eines Buttons deren Ablage im Transportbehälter. Damit ist ein Pickvorgang abgeschlossen und der Auftrag sofort verbucht.

In Elancourt werden sämtliche Kundenanforderungen seit Inbetriebnahme der Anlage 2004 mindestens erreicht, wenn nicht sogar übertroffen: Im AKL übersteigt die maximale Pickleistung, also die Kommissioniervorgänge pro Zeiteinheit, mit 590 Picks pro Stunde die geforderten 505 Picks deutlich. Eine besonders wichtige Kennzahl ist der Servicegrad, von dessen Erreichen oder Überschreiten die Vergütung des Lagerdienstleisters abhängt. Der Servicegrad bezeichnet das Verhältnis der rechtzeitig ausgelieferten Positionen zu allen zu bearbeitenden Positionen. Weitere Ziele der Lagerinnovation waren die Erhöhung von Lieferbereitschaft und -treue, transparente Material- und Informationsflüsse, kürzere Durchlaufzeiten des Gesamtauftrages sowie die Erhöhung der Pickqualität. Alle diese Zielvorgaben wurden durch die neue Technologie teils um mehrere Prozentpunkte übertroffen.
Besondere Bedeutung in der Logistik – und hier auch speziell im Bereich des 3PL – hat die systemübergreifende, durch Schnittstellen in SAP LES unterstützte Kommunikation mit Kunden und Partnern. Über ein Data Warehouse sind die Leistungsdaten zeitnah abzufragen. So hat ein Kundendiensttechniker jederzeit über Internet sein ‚Behälterkonto’ im Blick, das ihm anzeigt, wie viele der kostenpflichtigen Urban-Transportbehälter noch nicht zurück gesandt wurden.
Neben der Zusammenarbeit mit SAP, der „Global Cooperation for complex automated Warehouses“ und der Special Expertise SAP-LES-Partnerschaft beweist Siemens L&A durch die Erfolge bei der Einführung von SAP LES seine Integrationskompetenz für logistische Anlagen mit manuellen und vollautomatisierten Gewerken.

Richard Beer

Richard Beer

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