Zwischen Vision und Realität

Feature | 23. Juni 2003 von admin 0

In vielen Bereichen der IT hat ein genereller Pragmatismus hochfliegende Visionen abgelöst. Die trockene Kosten/Nutzen-Rechnung beherrscht den Alltag der IT-Entscheider. Besonders das Mobile Computing war in den “fetten Jahren” immer wieder Gegenstand großer Herstellerpläne. “Always online” – jederzeit im Netz – lautete die Devise. Doch spätestens seit dem schwachen Start von UMTS ist klar, dass der erwartete Boom ausgeblieben ist. Dennoch: Mobile Computing ist vielerorts längst Realität und für die Anbieter ein erfolgsträchtiger Wachstumsmarkt.
Nachdem sich Notebooks als erster Schritt in eine mobile EDV bereits seit Jahren etabliert haben, sind nun die Handhelds – auch als PDAs (Personal Digital Assistents) bezeichnet – im Kommen. Sie sind kleiner, leichter und billiger als Laptops, sehen meist schick aus – und galten lange Jahre als überflüssiges Manager-Spielzeug. Zu den Unternehmen, die frühzeitig die Möglichkeiten entdeckten, die sich durch diese Geräte eröffneten, gehörte etwa die DaimlerChrysler AG. Der Konzern schloss bereits 2001 im Bereich der PKW-Entwicklung ein großes Projekt zur zentral administrierten Synchronisation der PDAs mit Lotus Notes ab. Oder United Parcel Service: Der amerikanische Dienstleister rüstet seine Fahrer seit über zehn Jahren mit mobilen Geräten aus – und dessen Hauptkonkurrent FedEx zieht zur Zeit bei seinen 40.000 amerikanischen Kurieren nach.
Auch bei den mobilen Enterprise-Applikationen auf dem PDA gibt es inzwischen einige Beispiele: So hat etwa die TÜV Nord Gruppe jüngst ein Projekt initiiert, das zirka 2000 Außendienstmitarbeiter über SAP Mobile Time and Travel an den Employee-Self-Service des Unternehmens anbindet. Das Projekt soll in den nächsten Monaten abgeschlossen sein. Im Bereich der Service-Techniker gehört die Deutsche Bahn Telematik zu den Vorreitern: Hier wurde die Implementierung des Mobile Service Managements bereits realisiert, mit dem die Techniker ihre Aufträge aus SAP R/3 über Mobilfunk empfangen und auch wieder zurück senden.

Mobilität – ein wichtiges Thema für den Mittelstand

Nutzung mobiler Lösungen in Deutschland

Nutzung mobiler Lösungen in Deutschland

Auch in kleineren Unternehmen haben mobile Technologien längst Einzug gehalten. “Eine signifikante Anzahl europäischer SMBs hat Mobillösungen im Einsatz oder plant ihre Einführung”, interpretieren die Marktforscher von IDC ihre Studie “European Vertical Markets Survey” vom vergangenen Jahr. 45 Prozent der befragten deutschen SMBs haben demnach mobile Lösungen in Betrieb, weitere 28 Prozent planen deren Implementierung. Die Studie berücksichtigte Laptops, Handys, PDAs und weitere Geräte.
Die meisten dieser mobilen Anwendungen befassen sich mit einfachen Funktionen wie E-Mail oder Kalender. Ein verlängertes Outlook oder Lotus Notes ist heute der Standard. Doch immerhin 17 Prozent der Unternehmen mit 250 bis 499 Mitarbeitern nutzen laut der IDC-Studie bereits Mobile-Office-Lösungen – und fast 24 Prozent von diesen wollen noch im laufenden Jahr Mobile-Salesforce-Automation realisieren.
Die Ziele, die SMBs mit mobilen Lösungen verfolgen, sind laut IDC alles andere als homogen: Während sich die französischen Teilnehmer der Studie in erster Linie einen rascheren Kundenservice und schnellere Antworten auf Kundenwünsche versprechen, steht zum Beispiel in Italien die Datenqualität an oberster Stelle. Deutsche Unternehmen hoffen besonders auf eine höhere Produktivität der Mitarbeiter.

Aufklärungsbedarf in Punkto Sicherheit

Einschränkungen sehen die IDC-Analysten vor allem im Bereich der Sicherheit: Verschiedene Standards innerhalb Europas erzeugen eine vorsichtige Haltung bei den Anwendern, so die Studie.
Die IDC-Ergebnisse decken sich mit den Erfahrungen von IT-Dienstleistern. “Nur ein kleiner Teil der Firmen nutzt heute schon ERP-Lösungen auf dem Handheld”, erläutert Markus C. Müller, Geschäftsführer der auf mobile Lösungen spezialisierten ubitexx GmbH. Seit rund einem Jahr beginnen seiner Erfahrung nach die Unternehmen, über die mobile Wertschöpfungskette nachzudenken. Das Interesse der Kunden sei sehr groß, allerdings daure es bis zur Entscheidung recht lange: “Es geht ja dabei um die Einführung neuer Technologien, die noch nicht lange am Markt sind. Die Kunden müssen sich erst vom Sinn dieser Lösungen überzeugen.” Starkes Interesse an mobilen Technologien sieht Müller in den Bereichen Vertriebsaußendienst und bei Servicetechnikern. Hier lässt sich seiner Meinung nach der Return on Investment besonders gut ermitteln.
Sehr viel Aufklärungsbedarf existiert laut dem ubitexx-Geschäftsführer noch im Bereich Sicherheit: “Laptops sind im Unternehmenseinsatz etabliert, Handhelds noch nicht. Auf den Laptops gibt es zahlreiche Sicherheitskonzepte, die den PDAs noch fehlen”, ist er überzeugt. Themen wie lokale Verschlüsselung oder Tracking würden von den Kunden intensiv angesprochen, da mit den Minicomputern ja immer auch firmeninterne Daten aus den Unternehmen heraus getragen werden und so potenziell gefährdet sind. Technisch sind aus Müllers Sicht diese Frage alle lösbar, entsprechend sieht er darin auch keinen Hinderungsgrund für den Einsteig in die mobile Datenverarbeitung.
Ähnlich beurteilt auch Andreas Jamm, Geschäftsführer der SAP-Technologieberatung btexx Business Technologies GmbH, die Situation: “Da die Technologien sehr neu sind, ist der Business-Case noch schwierig.” Das Kundeninteresse sei da, besonders im Service-Bereich. “Die Technologien stehen nun bereit. Jetzt kommt der nächste Schritt: Mobile Business wird in den Geschäftsprozess integriert”, so Jamms Fazit.

Das Interesse der Anwender ist da

Die Anwender selbst sehen das offensichtlich genauso. Eine abwartende Haltung kennzeichnet die Stimmung in den EDV-Abteilungen. “Wir setzen Laptops im Unternehmen ein”, erläutert Günter Turré, IT-Leiter des Heilmittel- und Kosmetikhersteller Weleda AG. PDAs sind wegen der geringeren Funktionalität für ihn noch kein Thema. Und Theo Krämer, RZ-Leiter der Eberspächer Abgassysteme GmbH & Co. KG, sieht noch keinen akuten Handlungsbedarf: “Mit mobilen Lösungen befassen wir uns vielleicht ab dem kommenden Jahr. Zurzeit gibt es dringendere Probleme.” Auf dieser Linie ist auch Thomas Bröll, Leiter Zentralbereich Informationstechnik der Bardusch GmbH & Co: “Die mobile Anbindung unserer SAP-Anwendung wird erst im kommenden Jahr ein Thema.”
Dass ein prinzipielles Interesse an Mobilität besteht, bestätigt Ingo Schneider, Senior-Projektmanager der Plaut Consulting GmbH, ein Spezialist im SAP-Umfeld. “Die Kunden sind allerdings finanziell zurückhaltend”, beobachtet Schneider. Er hofft auf Anwendungen wie das kommende mySAP Customer Relationship Management 4.0: “Die starke Einbettung der mobilen Komponenten in das Gesamtkonzept – und damit die Konsistenz über verschiedene Kanäle hinweg – ist ein wichtiger Punkt.” Doch sieht Schneider auch klare Grenzen in diesem Markt. Ein Teil der Anwender, je nach Branche, habe einfach keinen Bedarf an mobilen Lösungen. “Ein weiterer Teil der Kunden benötigt nur gezielte Einzelanwendungen wie etwa Zeiterfassung”, schränkt Schneider zudem ein. Vor allem in diesem Marktsegment sieht er die PDAs. Für große Applikationen ist seiner Ansicht nach das Notebook das Gerät der Wahl, da es die notwenige Leistungsfähigkeit sicherstellt.
Die mobilen Lösungen mit lokalem Datenbestand stehen nach Schneiders Einschätzung bereit. Lediglich die Frage der verfügbaren und vor allem flächendeckenden Bandbreite bei Wireless-Zugängen und somit der mobilen Nutzung des zentralen Datenbestandes sieht er noch langfristig als kritischen technischen Faktor, der teilweise auch heutige Entscheidungen pro oder kontra einer mobilen Lösung beeinflusst.

Mischung aus Online- und Offline-Technologien

Mobile Enterprise Middleware

Mobile Enterprise Middleware

Den Marktbeobachtern von Forrester Research hingegen macht das Problem der drahtlosen Zugänge über UMTS oder Wireless LAN (WLAN) weniger zu schaffen. Nur für Groupware-Lösungen und Service-Techniker sei eine Online-Verbindung notwendig, stellt die Forrester-Studie “Mobile Enterprise Apps need Middleware” vom Dezember 2002 fest: “Unternehmenskritische Anwendungen müssen funktionieren, ob eine Netzwerkverbindung vorhanden ist oder nicht.” So sei etwa für einen Kundendienstmitarbeiter die Online-Verbindung wichtig, da neue Aufträge nicht erst beim Replizieren auf dessen Endgerät erscheinen dürften. Doch müsse eine entsprechende Middleware berücksichtigen, dass dieser Techniker auch in empfangsfreien Räumen, zum Beispiel im Kellerbereich, eine funktionierende Applikation benötigt. Das bestätigt auch ubitexx-Geschäftsführer Müller: “Reine Online-Anwendungen sind heute nicht gefragt.” Aus seiner Sicht kann nur eine Mischung aus Online- und Offline-Technologien sinnvoll eingesetzt werden.

Zukunftsmarkt Mobile Business

Trotz der zurückhaltenden Position der Kunden kann am Markt für mobile Unternehmensanwendungen keine Rede von Stagnation oder gar Rückschritt sein. So beziffert etwa IDC das weltweite Wachstum bei Mobile Middleware von 2001 bis 2002 auf über 34 Prozent und sieht das Segment auch künftig als Wachstumsmarkt – für das laufende Jahr erwarten die Marktforscher eine noch größere Steigerung. Mit einem Angebot an ausgereifter Middleware, konsistenten Herstellerstrategien und Methoden zur durchgängigen Integration der Geschäftsprozesse in eine mobile Arbeitswelt wird die Vision für immer mehr Kunden interessant.

Jan Schulze

Jan Schulze

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